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Kultur Weltweit Liedermacher Wolf Biermann: „Ostdeutsche verdanken den Westdeutschen überhaupt nichts“
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11:07 04.11.2019
„Pamela ist mein Elblotse“: Das Künstlerpaar Wolf und Pamela Biermann unterhält sich oft über die Zeit vor dem Mauerfall.

Im November 2019 jähren sich nicht nur die Revolution in der DDR und der Mauerfall zum 30. Mal, Sie haben auch 30. Hochzeitstag. Wie haben Sie den November damals erlebt?

Wolf Biermann: Am 4. November, also drei Tage vor unserer Hochzeit, wollte ich rüber nach Ost-Berlin zur großen Demonstration auf dem Alex, dazu hatte mich Bärbel Bohley öffentlich über den Deutschlandfunk eingeladen. Das misslang, sie ließen mich nicht durch die Grenze.

Pamela Biermann: An diesem 4. November bin ich nicht mit nach Berlin gefahren. Drei Tage später heirateten wir, am 7. November ...

Wolf: ... dem Tag der großen sozialistischen Oktoberrevolution, die weder groß noch sozialistisch noch eine Revolution noch im Oktober war, sondern ein Putsch im November ...

Pamela: ... und am nächsten Tag trat das Politbüro zurück.

Wolf: Das war das Hochzeitsgeschenk der Partei. Dann, am 9. November, fiel die Mauer, das war fast schon ein übertriebenes Hochzeitsgeschenk.

Skurrile, unbekannte und witzige Fakten aus DDR-Zeiten.

Und was haben Sie dann gemacht?

Pamela: Es kam ein Anruf: Macht die Glotze an, die Mauer ist auf! Und so saßen wir vorm Fernseher, genauso überrascht wie alle anderen. Ich hab mit meiner Schwester sofort ein Fläschchen Sekt geöffnet. Große Freude natürlich! Und dir, Wolf, liefen die Tränen.

Wolf: Gefreut ja, aber ich hatte auch sehr gemischte Gefühle. Meine ureigenste Sache wurde da verhandelt und ich? Ich bin nicht dabei. Ein scheeles Gefühl: Was machen die da?

Pamela: Das sagst du immer, aber das finde ich falsch.

Wolf: War aber so.

Pamela: Klar, du warst der Ausgesperrte. Aber du hattest trotzdem ja nun wirklich alles, was du konntest, dafür getan, dass dieses Regime stürzt. Auch auf dieser Seite der Mauer, erinnere dich. Neben deinen Veröffentlichungen politischer Essays in den Tageszeitungen zu Honecker und Co. hast du politische Gefangene unterstützt wie Rolf Schälike. Wir haben einem Schriftsteller einen Computer in die DDR schmuggeln lassen. Freunde, die aus der DDR flüchteten, wohnten bei uns. Wir haben Jürgen Fuchs unterstützt, der die Opposition in der DDR mit Kopierern und Informationsmaterial versorgte. Aber es stimmt, am 9. November war’s so: Du durftest nicht in die DDR, das Einreiseverbot hattest du gerade am 4. November wieder erfahren. Und du wolltest auch nicht einfach mal so rüberfahren im allgemeinen Chaos. Wir hätten ja auch gleich losfahren können.

30 Jahre Mauerfall: "Das ist unser Traum von Deutschland"

Warum wollten Sie nicht fahren?

Wolf: Dafür bin ich zu eng verbunden mit der DDR-Geschichte, als dass ich mich wie ein Straßenköter durch die Hintertür reinschleiche. Dazu hatte ich eine zu lange und intensive Geschichte mit dem Land und dem System. Das wäre unangemessen gewesen. Ich wollte, dass die Herrschenden sich erst mal entschuldigen, nicht nur bei mir, sondern bei uns allen. Deshalb stellte ich auch sofort die Forderung: Wenn ich in die DDR komme, dann nur, wenn auch Jürgen Fuchs und seine Frau Lilo mitkommen dürfen.

Pamela: Man vergisst im Nachhinein leicht, dass wir es noch mit einem Staat, mit Polizeigewalt, Geheimdienst und Armee zu tun hatten. Als wir dann am 1. Dezember schließlich nach einigen Verhandlungen nach Leipzig fuhren, standen wir auf der Fahndungsliste. Es war alles vorbereitet, dass sie uns auch hätten verhaften können. Das wussten wir damals natürlich nicht, wir haben es erst durch die Einsicht in die Stasi-Akten 1992 erfahren. Ich stand damals vier Tage vor der Geburt unseres Sohns David.

Das fand ich so erotisch an Pamela – dass ich ihr nicht stundenlang die DDR erklären musste.

Wolf Biermann über seine Ehefrau

Wer hat Sie denn dann nach Leipzig geholt?

Wolf: Dieses Konzert in Leipzig haben zwei junge Liedermacher organisiert, sie haben – wie das Hinterzimmer einer Kneipe – die Messehalle 2, die größte Messehalle in Leipzig, gemietet. Ein wunderbares Missverhältnis. (lacht) Es kamen 7000 bis 8000 Leute in das Konzert. Kein Gestühl, eine nackte Halle. Die Leute standen in Wintermänteln bei minus fünf Grad Celsius und Smogalarmstufe 3 aus Bitterfeld in der Kälte. Die Bühne war ein Lastwagenanhänger. Alles sehr improvisiert, alles aufregend und nicht ohne Angst, dass die Staatsmacht uns doch noch alle einsackt.

Pamela: Ich durfte ja, obwohl ich Westdeutsche war, auch nicht in die DDR einreisen. Ich war 1986 ein paar Tage hintereinander von Westberlin aus nach Ostberlin gefahren und hatte Katja Havemann und andere Freunde besucht. Seitdem scheiterte jeder neue Versuch der Einreise, sie ließen mich nicht mehr rein.

Wolf: Klar, sie hatten Pamela sofort auf dem Kieker und behandelten sie als Feindperson. Das hatte sie sich auch redlich verdient.

Pamela: Klar, das war kein Missverständnis.

Wolf: Das fand ich übrigens auch so erotisch an Pamela – dass ich ihr nicht stundenlang die DDR erklären musste. Als wir uns 1983 trafen, war sie eine junge Frau und hatte keine eigene Erfahrung mit der DDR. Aber sie verstand sofort, worum es ging. Wenn man jemanden trifft, der einen Verstand hat für politische Zusammenhänge, ist es egal, ob er oder sie aus dem Osten oder Westen kommt. Das entzückte mich an diesem Hamburger Mädchen.

Pamela: Um zu wissen, was Unrecht ist, muss man es nicht selbst erfahren haben.

Wolf: Man muss nicht selbst im KZ gesessen haben, um zu wissen, dass Auschwitz mehr war als ein Vogelschiss in der deutschen Geschichte.

Einerseits verdanken die Ostdeutschen den Westdeutschen mehr, als der Mensch verkraften kann ...

Wolf Biermann

30 Jahre nach der Revolution scheinen die Gräben zwischen Ost und West breiter denn je. Woran liegt das?

Wolf: Die Einheit kostete 2000 Milliarden Euro. So viel Geld ist noch nie vorher von A nach B geflossen. Das führt zu einem Riesenproblem – vor allem im Osten. Wenn einem geholfen wird, will man sich revanchieren. Wenn Sie aber glauben, keine Chance zu haben, sich zu revanchieren, werden Sie giftig. Dann reden Sie das, was Sie genossen haben an Hilfe, klein: „Es war gar nicht so viel ... und die Motive waren niedere: Machtgier, Eitelkeit, Dummheit.“ Die Hilfe wird klein und schlecht geredet. Einerseits verdanken die Ostdeutschen den Westdeutschen mehr, als der Mensch verkraften kann ...

Wirklich?

Wolf: Moment! Der höhere Irrtum ist ein ganz anderer. Sie verdanken den Westdeutschen nämlich überhaupt nichts, trotz dieser gewaltigen Transferleistungen. Warum? Beide Teile Deutschlands haben den Zweiten Weltkrieg geführt. Und bezahlt haben die Ostdeutschen dafür allein, mit der Diktatur unter den Sowjets! Sie haben also eigentlich ein riesiges Konto offen bei den Westdeutschen, aber das scheinen sie nicht zu wissen. Und so kommt ein groteskes Missverhältnis zustande: So mancher kommt mit dieser Hilfe emotional nicht zurecht und fasst sie als Demütigung auf.

Pamela: In Westdeutschland musste kein Mensch sein Leben ändern wegen der Vereinigung. Aber im Osten hat sich von Grund auf alles für die Bevölkerung geändert. Insofern haben die Ostdeutschen emotional und auch praktisch im Alltag viel mehr leisten müssen. Was für Westdeutsche eine glückliche Wiederherstellung, das geeinte Land war, war für Ostdeutsche eine radikale Umwälzung, die nicht nur fröhlich verlief, sondern auch schmerzhaft war. Es ist nicht einfach, sich von seiner Vergangenheit zu trennen – selbst dann nicht, wenn man es möchte.

Macht Ihnen der Aufstieg der AfD, gerade im Osten, eigentlich Angst?

Wolf: Angst macht mir das nicht, ich bin ja gut trainiert im Aushalten solcher Leute. Aber es ist mir natürlich nicht egal. Politisch-moralisch gesehen sind solche Vogelschiss-Politiker für mich dasselbe wie Sahra Wagenknecht und ihre Genossen, simple Populisten. Dass die nicht identisch sind, muss mir keiner erklären, das weiß ich selber. Da gibt es interessante Unterschiede und trotzdem gehören sie in meinem Koordinatensystem zusammen. Sie sind nach meiner Meinung Feinde der Demokratie.

Liedermacher Wolf Biermann (GER) vor einem Protesttransparent während der Besetzung des Hauptquartiers des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR in Berlin-Lichtenberg. Quelle: Werner Schulze

Mehr aus der Serie „Mein Traum von Deutschland“? Klicken Sie hier.

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Von Jan Sternberg/RND

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