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Kultur Weltweit Mikhail Pletnev spielt zweimal in der Philharmonie Essen
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18:08 12.04.2019
Der Pianist Mikhail Pletnev. Quelle: picture alliance / dpa
Essen

Ginge es allein darum, das Publikum durch Bühnenpräsenz für sich einzunehmen, hätte er denkbar wenig Erfolg. Denn mit dem russischen Pianisten Mikhail Pletnev, der dieser Tage 62 Jahre alt wird und nun in zwei seiner seltenen Konzerten in der Philharmonie Essen zu erleben war, tritt einem ein ernster, gefasster Mann entgegen. Der mimisch regungslos, mit unspektakulär ökonomischen Bewegungen seiner Aufgabe am eigens für ihn gebauten Shigeru-Kawai-Flügel nachgeht und die Bühne selbst nach den gewaltigsten pianistischen Anstrengungen erhobenen, ja schweißlosen Hauptes verlässt.

Ginge es allerdings um die Einzigartigkeit von Pletnevs Klavierspiel, um diese eigentümliche Mischung aus hochkonzentrierter Analyse und selbstbewusster Subjektivität, veredelt durch eine nicht zu übertreffende Anschlagskultur, so kommt aus dem Staunen nicht heraus, wer glaubt, mit Trifonov, Sokolov oder Igor Levit den Gipfel der derzeitigen Klavierkunst bereits erlebt zu haben.

Dirigentenstab statt Klavier

Die Musikwelt darf sich glücklich schätzen, dass Pletnev zuletzt wieder öfter am Klavier Platz nimmt. Seinen Weltruhm begründete der Russe einst als überlegener Sieger des Tschaikowsky-Wettbewerbs. Bei der Deutschen Grammophon ist er mit einer bis in die 2000er reichenden, umfänglichen Diskographie vertreten, tauschte aber bald das Klavier durch den Dirigentenstab, und war fortan fast nur noch als Leiter des von ihm gegründeten Russischen Nationalorchester zu hören. Zuletzt hallte sein Name 2017 aufmerksamkeitserregend durch die Medien, als Daniil Trifonov mit ihm als Dirigenten und Neuarrangeuer beide Chopin-Klavierkonzerte einspielte.

Faszinierender Widerspruch

Pletnevs Klavierkunst ist ein faszinierender Widerspruch aus kühler Kontrolle in der Ausführung und glühender Emotionalität in der Wirkung, nachzuhören etwa bei Beethovens Appassionata, der er eine Reihe von Franz Liszts späten Klavierstücken gegenüberstellt.

Verstörend schroff

Harsch, ja verstörend schroff packt er den Kopfsatz an und bleibt konsequent bei seinem scharfkantigen Zugriff. Mehrmals scheint das Werk, besonders im Mittelsatz, fast zum Stillstand zu kommen. Tempi werden gestaucht, Generalpausen maßlos überdehnt, doch der Spannungsbogen bleibt bestehen. Details, die bei weniger berufenen Kollegen unweigerlich in Willkür ausarten, fügen sich bei ihm sinnfällig in die Darstellung der Sonatenform ein.

Ungemein feinfühlig

Klangmagie vom anderen Stern bietet dann die zweite Hälfte, mit den kryptischen, letzten Klavierwerken des greisen Liszt. Titel wie „Graue Wolken“ oder „Schlaflos! Frage und Antwort“ tragen diese kargen, im frei atonalen Raum schwebenden Tongebilde. Mit ungemein feinfühliger Anschlagskultur schafft Pletnev einen Atmosphärenzauber, der auch die viel gehörten Konzertetüden „Gnomenreigen“ und „Waldesrauschen“ in ein neuartig flirrendes Licht taucht. So hat man diese Salonkunststücke noch nie gehört!

Seelen- und Knochenbrecher

Bei einem weiteren Auftritt in der Philharmonie Essen ist Pletnev mit Sergej Rachmaninows zweitem Klavierkonzert zu erleben, begleitet wird er von „seinem“ Orchester, dem Russischen Nationalorchester unter der Leitung von Alain Altinoglu. Die meisten Pianisten erobern sich diesen Seelen- und Knochenbrecher im Sturm, durchwühlen das aufgeraute Akkordwerk mit stählerner Virtuosenpranke. Pletnev hingegen findet unter dem vermeintlichen Plüsch und Plunder spätromantischer Klangkissen zu einem Tonfall der Innerlichkeit, frei von jedem falschen Sentiment, und offenbart dadurch ein tiefgehendes Verständnis für die Geisteswelt des Pianistenkomponisten Sergei Rachmaninow.

Alleskönner

Pletnev, der klavierspielende, dirigierende und komponierende Alleskönner, wirkt dabei wie ein aus der Zeit gefallenes Monument, das an die unter klassischen Musikern von heute kaum noch vorfindliche Einheit von Interpret und Komponist erinnert. Bei der Interpretation nicht Nach-, sondern Neuschöpfung bedeutet, weil der Blick auf und hinter die Noten durch die Brille des komponierenden Interpreten (oder interpretierenden Komponisten) gerichtet ist. Das macht jede Begegnung mit Mikhail Pletnev aufs Neue so einzigartig.

Von Werner Kopfmüller

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