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Kultur Weltweit Buchpartys wie bei Harry Potter: Alles über den Roman „Die Zeuginnen“
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12:23 11.09.2019
Grande Dame der kanadischen Literatur: Margaret Atwood (hier bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2017) hat mit „Die Zeuginnen“ das lang ersehnte Nachfolgewerk ihres Dystopieklassikers „Der Report der Magd“ vorgelegt.

Die Welt schaut auf ein Buch. Weltweit erscheint heute Margaret Atwoods „Die Zeuginnen“, die Fortsetzung ihres dystopischen Klassikers „Der Report der Magd“ von 1985. Wie „Die Zeuginnen“ heute Nacht eingeführt wurde, erinnert dabei an die großen Harry-Potter-Kampagnen der Nullerjahre. Bei Waterstones Piccadilly in London, Europas größter Buchhandlung, wurde ein großer Eventabend anberaumt. Höhepunkt: Eine Mitternachtslesung Atwoods aus dem Buch. Für Dienstagabend ist eine Diskussionsveranstaltung mit der kanadischen Autorin im Londoner National Theatre geplant. Die wird live in mehr als 1000 Kinos in aller Welt übertragen (in Deutschland unter anderem in Berlin, Dresden, Bayreuth, Mannheim). Buchhandlungen in den USA, Großbritannien und Kanada laden zu Mitternachtspartys ein.

Frühe Auslieferung: Eine Amazon-Panne verärgerte den Buchhandel

Vom 16. September bis 2. November folgt eine Lesetour der Autorin durch Kanada, die USA, England und Irland. Auf der Frankfurter Buchmesse wird Atwood ebenfalls erwartet. Und jetzt schon ist „The Testaments“ (so der biblisch anmutende Originaltitel) für den Booker Prize nominiert. Wie bei Joanne K. Rowlings Potteriaden sollte vorab auch kein Wort über den Inhalt bekannt werden. Das nun klappte nicht.

Weil Amazon in den USA versehentlich ein paar Hundert Exemplare zu früh auslieferte. Sehr zum Ärger von Atwood und des stationären Buchhandels. Die American Booksellers Association (ABA) machte ihrer „tiefen Enttäuschung“ über Amazon Luft. Sie vermutet, so berichtete der „Hollywood Reporter“ am 4. September, eine Businessdiktatur, absichtsvolle Geschäftsschädigung: „Die jüngsten Handlungen von Amazon unterstreichen nur noch einmal, wie wichtig es ist, dass die zuständigen Bundesbehörden die zerstörerischen Geschäftspraktiken von Amazon gründlich untersuchen.“ Die Belieferten fühlten sich dagegen wie Lottogewinner. Posteten Bilder mit ihrem Buch. Und dann sickerte erster, kostbarer, lang ersehnter Inhalt durch, hatte Atwood ihr erstes Buch doch mit einem Cliffhanger versehen. Das Schicksal ihrer Heldin Desfred war offen geblieben. Der Wagen, in dem sie am Ende des Buchs einstieg, konnte Freiheit bedeuten oder den Tod in den Lagern der Diktatur des Gottestaats Gilead.

Darum ging es in „Der Report der Magd“

Einschub für Gilead-Neulinge: „Gesegnet sei die Frucht.“ Dieser Satz lässt dem Leser von Margaret Atwoods Roman „Der Report der Magd“ (im Original „The Handmaid's Tale“) seit nunmehr 34 Jahren das Blut in den Adern gefrieren. Ein Exzerpt aus dem Gebet „Gegrüßet seist du, Maria“, ein Gruß, der Religion mit Schwangerschaft verbindet. Denn in der Republik Gilead sind Kinder der größte Schatz, Unfruchtbarkeit unter Frauen ist durch die chemischen und radioaktiven Verseuchungen weit verbreitet. Man hat sich in der Not eingerichtet. Gilead, ein auf dem Boden der USA errichteter Gottesstaat, hat die Männer wieder an die Macht gebracht, die Frauen versklavt.

Weiblichkeit dient in dem Unterdrückungssystem von Gilead als repräsentativer „Schmuck“ (die unfruchtbare Ehefrau) und als Fortpflanzungsgefäß (die Mägde) für die Männer der Oberschicht. Ein Staat, in dem Frauen keinen Besitz mehr haben dürfen, in dem sie keine Bildung mehr bekommen, in dem sie keine eigenständigen Existenzen mehr sind. Desfred ist das Eigentum „des Fred“, eines hochrangigen Staatsmannes und seiner Frau Serena Joy. Sie muss ihrem Dienstherrn ein Kind „schenken“.

Es sind Desfreds Erinnerungen, die Atwood damals im George-Orwell-Jahr 1984 aufschrieb, als Feministinnen unter den Regierungen von Margaret Thatcher und Ronald Reagan starke Rückschritte in den Frauenrechten befürchteten. Heute ist „Der Report der Magd“ ein Kultbuch, das unter versierten Dystopisten im Rang von Orwells „1984“ steht.

Desfreds Erbinnen – im Zentrum der Ereignisse stehen diesmal gleich drei Erzählerinnen

Desfred wurde getötet, so stand es für diejenigen Fans des Buchs fest, die nach Hunderten Seiten über das Unrechtssystem von Gilead nicht mehr an das Gute glauben mochten. Desfred kam durch, so waren die Leser der „Die Hoffnung stirbt nie“-Fraktion überzeugt. Was mit Desfred genau passiert ist, bleibt auch in „Die Zeuginnen“ offen, doch gibt es Anzeichen für ihr Überleben. Mehrfach habe das Regime versucht sie umzubringen, heißt es. Im Staat Gilead der Fortsetzung, die 17 Jahre nach den Ereignissen von „Report der Magd“ spielt, nimmt sie den Rang einer Legende ein – Staatsfeindin und Terroristin für die Herrschenden, Vorbild für die Widerständler.

Im Zentrum stehen diesmal andere, wiewohl mit Desfred verbundene Charaktere: Drei Erzählerinnen erstatten in „Die Zeuginnen“ Bericht über ihr eigenes Leben und geben damit eine komplexere Sicht auf Gilead. Eine, die hier eine Außenansicht auf die Tyrannei bietet, ist Nicole/Daisy, Desfreds 16-jährige Tochter, die sie mit Nick hatte, der zwielichtigen rechten Hand des Kommandanten Fred, und die unter einem Schutznamen im freien Kanada aufgewachsen ist. Die zweite ist Agnes Jemina, Desfreds erste Tochter, die bei ihrem Fluchtversuch in den Tagen der theokratischen Revolution von ihr getrennt wurde und in Gilead bei Stiefeltern heranwuchs (ein Mensch, für den das Leben im Unterdrückungsstaat „normal“ ist). Die dritte Zeugin ist „Tante“ Lydia, die schreckliche Erzieherin der Mägde von Gilead, deren Grausamkeit Atwood zu ergründen sucht (die Innenansicht einer Älteren, die das freie Leben in der Welt vor Gilead kannte).

Damals wie heute gilt: „Lass dich nicht von den Bastarden unterkriegen“

Es geht in dem neuen Buch um das Erbe Desfreds. Und Atwood beschreibt in „Die Zeuginnen“, wie die Fundamente des verbrecherischen Patriarchalismus von Gilead bröckeln, wie sich der Untergrund formiert, erhebt, wie Mädchen vor dem Zugriff der Herrschenden außer Landes geschafft werden, wie sich ein Maulwurf in den Bau der Macht hinein gegraben hat. Als „Der Report der Magd“ in den Zeiten des offen antifeministischen US-Präsidenten Trump wieder zum Bestseller wurde, die Verfilmung von „The Handmaid’s Tale“ 2017 weltweit für Aufmerksamkeit sorgte, als Frauen in aller Welt in den blutroten Mänteln der Mägde der Serie auf die Straßen gingen, um gegen Rückschritte in Sachen Frauenrechten zu protestieren, habe Atwood beschlossen, dass es doch auch literarisch weitergehen müsse mit Gilead, wie sie am Sonntag bei CBS-News erzählte. Gemäß dem Kernsatz ihres ersten Buchs: „Nolite te bastardes carborundorum“ – „Lass dich nicht von den Bastarden unterkriegen.“

„Wir leben noch nicht in Gilead, aber es gibt Entwicklungen wie in Gilead“, hatte Atwood im US-Sender ABC zum Start der Serie „The Handmaid’s Tale“ gesagt. Diese sorgfältige filmische Umsetzung und Fortstrickung der Geschichte sei all jenen empfohlen, die sich vom neuen Roman mehr über Desfreds Schicksal erhofft hatten und die nun fast leer ausgehen. Desfred steht im Mittelpunkt dieser Serie, deren dritte Staffel erst in der Vorwoche beim Streamingdienst Magenta TV gestartet ist, Elisabeth Moss in der Titelrolle ist überragend. Es gibt Blicke von Moss‘ Desfred, bei denen man auch als Zuschauer aus Sicherheitsgründen in Deckung gehen möchte. Diese Blicke sagen: Alle Schreckensherrschaften enden, auch die von Gilead.

„Die Zeuginnen“ sagt das ebenfalls und mit Nachdruck, ist ein Hoffnungsbuch (wie im Übrigen auch die zuvor erwähnten Harry-Potter-Romane, die vom Kampf gegen und Sieg über den aufstrebenden Diktator Voldemort erzählen), ein Buch, das geschrieben wurde, um als Licht in der sich politisch verfinsternden Gegenwart zu leuchten. Die Autorin Atwood fordert ihre Leser mit „Die Zeuginnen“ nicht nur auf, sich gut unterhalten zu lassen, sondern sich gegen alle Undemokraten und Menschenverächter zu stellen. Auch Atwoods Leserinnen und Leser sind Zeugen und gehalten, zu tun, was seit den Sechzigerjahren frei nach dem Wort des Liebesdichters Ovid als prodemokratische Parole ausgegeben wurde: „Wehre den Anfängen!“

„Die Zeuginnen“ bietet neben der gewohnten sprachlichen Kraft Atwoods Tempo und das Finale eines Thrillers. Es liest sich so rasant, als habe die Autorin beim Verfassen eine Verfilmung fest im Blick gehabt. Die MGM Studios Hulu bestätigten der Nachrichtenagentur Agence France-Presse jetzt auch, dass sie bereits an einer filmischen Umsetzung des neuen Romans arbeiteten – auch die vierte Staffel von „The Handmaid’s Tale“ wird derzeit vorbereitet. Darüber hinaus gibt es Sticker, Badges, Tassen, Teller, T-Shirts und die roten Roben samt der weißen Hauben der Mägde. Die Welt von Gilead ist wie die von Hogwarts auch eine des Verkaufs geworden.

Margaret Atwood: „Die Zeuginnen“, ins Deutsche übersetzt von Monika Baark, (Berlin-Verlag), 576 Seiten, 25 Euro

Von Matthias Halbig/RND

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