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Kultur Weltweit Persönlichkeitsrechte verletzt? Schritte gegen „Stella“ von Takis Würger
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10:30 05.02.2019
Der Roman „Stella“ von Takis Würger wird in Buchkritiken heftig diskutiert und kontrovers besprochen. Quelle: Christophe Gateau/dpa
Hannover

Takis Würgers neues Buch wird als „ganz große Geschichte von der Liebe“ beworben. Dabei ist es eher ein Protokoll pubertärer Projektionen männlicher Sehnsüchte. Mann liebt Frau in Himmelblau. Doch der Autor will in „Stella“ mehr bieten als Szenen sexueller Erweckung, er ringt um Tiefe und Bedeutsamkeit – und verlegt das Geschehen dazu in düstere Nazizeiten, so dass sein Held an verbotenen Früchten naschen kann: Frühlings Erwachen zwischen Bomben und Deportationen, Champagner und Austern im Kriegselend, Sex mit einer Jüdin, die noch dazu andere Juden an die Gestapo verrät.

Ein Schicksal als Steinbruch

So schillernd, so schaurig, so konstruiert. Doch Würger weiß dem Ganzen gleichwohl die Aura des Authentischen zu verleihen, indem er das Leben der Stella Goldschlag (1922–1994) ausschlachtet. Dieser historischen Figur verdankt das Buch nicht nur den Titel, sondern auch ihr lächelndes Konterfei auf dem Cover. Zwischen den Buchdeckeln indes stellt sich der Autor nicht ernsthaft dem Schicksal dieser Jüdin, die 1943 tatsächlich als „Greiferin“ der Gestapo in Berlin tätig war.

Über den Stil des aus Wennigsen stammenden Würger und seinen Umgang mit dieser Figur, über die Ästhetik und die Ethik des Autors also, ist in den drei Wochen seit Erscheinen des Romans viel geschrieben, diskutiert und gestritten worden. Jetzt kommen zu den belletristischen und moralischen Bedenken noch juristische Einwände – und die Forderung, den Verkauf des Buches in der aktuellen Fassung zu unterbinden.

Die echte Stella Goldschlag – Täterin und Opfer

Die 1922 in Berlin geborene Jüdin wurde mit ihren Eltern, einem Komponisten und einer Konzertsängerin, im August 1943 im Sammellager Große Hamburger Straße inhaftiert. Um die drohende Deportation zu verhindern, hat sie als „Greiferin“ Hunderte in Berlin untergetauchte Juden an die Gestapo ausgeliefert. Nach der Deportation ihrer später in Auschwitz ermordeten Eltern im Oktober 1944 soll sie Untergetauchten auch geholfen haben, dokumentiert ihr Klassenkamerad Peter Wyden in einem bereits 1993 erschienenen Sachbuch. Stella Goldschlag hat nach 1945 zehn Jahre in SBZ- und DDR-Haft verbracht und lebte später unter anderem Namen. 1994 stürzte sich die Frau, der nach diesen Erfahrungen 1956 eine schwere Persönlichkeitsstörung diagnostiziert worden war, aus ihrer Freiburger Wohnung in den Tod.

Würger ist seit Wochen mit „Stella“ auf Lesetour und hat daher ständig Gelegenheit zu Stellungnahmen. Einwände gegen seinen Sprachstil weiß er geschickt als Geschmacksfragen einzuordnen. Und Fragen danach, warum er die Handlung im Jahr 1942 ansiedelt – ein Jahr bevor Stella Goldschlags Eltern die Deportation nach Ausschwitz drohte, weshalb sie sich mit der Gestapo eingelassen hat – begegnet er als Herold historischer Exaktheit: Im Jahr 1943, so räsonierte Würger bei seiner Lesung in Hannover, hätte das teils so laszive Romangeschehen wegen der Bomben über Berlin nicht mehr glaubhaft gewirkt. 1942 seien die Bombenteppiche noch nicht so dicht gewesen. Klar, das weiß ja heute jeder. Aber was weiß man schon über Stella Goldschlag, und wer schert sich um deren Darstellung ihrer Geschichte?

Eine Attacke auf die Freiheit der Kunst?

Takis Würger nicht allzu sehr, doch jetzt hat sich die Inhaberin der publizistischen Persönlichkeitsrechte von Stella Goldschlag an den Hanser-Verlag gewendet und Änderungen an Würgers Buch gefordert. „In Wahrung der postmortalen publizistischen Persönlichkeitsrechte von Stella Goldschlag“ fordert der Berliner Anwalt Karl Alich, insgesamt 14 Textstellen in dem Buch „zu schwärzen beziehungsweise anderweitig unkenntlich“ zu machen. Alich ist Anwalt von Birgit Kroh, der Witwe und Erbin von Ferdinand Kroh, dem Stella Goldschlag 1990 „sämtliche publizistischen Persönlichkeitsrechte an meiner Lebensgeschichte über meinen Tod hinaus“ abgetreten hat. „Ich ersuche Sie“, heißt es in dem Schreiben an Hanser, das dieser Zeitung vorliegt, „bis auf Weiteres keine Buchexemplare mehr in den Handel zu bringen oder anderweitig zu vertreiben, die diese Textstellen lesbar enthalten.“

Die reale Stella Goldschlag im Jahr 1993. Kroh Porträt Quelle: Birgit KrohBirgit Kroh

Eine Attacke auf die Freiheit der Kunst? Urheberrechtsanwalt Peter Raue räumt dem Begehren des Anwaltskollegen geringe Chancen ein. „Das Persönlichkeitsrecht endet mit dem Tode“, behauptet Raue gegenüber dem Deutschlandradio. Doch dem alten Herrn ist offenbar der konkrete Einwand gegen das Buch ebenso wenig präsent wie die Rechtsprechung. Die ist, vorsichtig formuliert, uneinheitlich: Der Bundesgerichtshof erkannte in einem Verfahren über die gefälschte Signatur auf einem Emil Nolde (1867-1956) zugeschriebenen Bild noch 1989 ein „fortbestehendes Schutzbedürfnis“. Im Falle einer Klage der Erben des Schauspielers Klaus Kinski (1926-1991) wies der BGH diese hingegen 2008 ab, mit dem Hinweis, dass das Persönlichkeitsrecht zehn Jahre nach dem Tod erloschen sei.

„Ehrverletzend ohne Erklärung“

„Man kann über die Qualität von Würgers Roman unterschiedlicher Ansicht sein, und im fiktionalen Raum ist ja allerhand möglich“, sagt Alich. Doch hier gehe es nicht um einen Angriff auf die im Grundgesetzartikel 5 garantierte Freiheit der Kunst. Denn die Schwärzungsforderungen beziehen sich durchweg nicht auf Würgers fiktionalen Text, sondern auf die dazwischen eingestreuten Zeugenaussagen, die Würger einem sowjetischen Militärtribunal zuordnet. Das hat über Stella Goldschlag gerichtet; sie hat nach 1945 zehn Jahre in ostdeutscher Haft verbracht. In diesen Zitaten, die in Würgers Buch an 14 Stellen in kursiver Schrift eingestreut sind und (übrigens ohne eine Datierung) insgesamt 16 Fälle streifen, werden nach Alich „ehrverletzende Tatsachen ohne Erklärung und jedweden Bezug zum Romanstoff“ behauptet. „Mit diesem bruchstückhaften Zitieren lässt der Autor einen verantwortungsvollen Umgang mit den Informationen über Stella Goldschlag vermissen“, sagt Alich. Diese habe selbst stets darauf hingewiesen, dass man ihr Verhalten vor dem Hintergrund ihrer Not und der ihrer Eltern darstellen müsse. „Das ist in diesem Buch ebenso unterblieben wie der Hinweis darauf, dass es sich hier um eine stalinistische Aburteilung binnen fünf Minuten handelt – das Militärtribunal hat in dem Verfahren am 31. Mai 1946 keinen einzigen Zeugen vernommen, tatsächlich handelt es sich um Polizeiakten.“ Verletzt würden so Stella Goldschlags Persönlichkeitsrechte, es gehe mithin um Artikel 1 des Grundgesetzes, den Schutz ihrer Menschenwürde.

„In den Gestapokellern der Burgstraße“, zitiert Peter Wyden in seinem 1993 erschienenen Sachbuch diese Frau, „wurde mir ein doppelter Steißbeinbruch getreten, eine Rückgratkrümmung geschlagen; ich blutete aus Mund, Ohren und Nase, konnte acht Tage nicht essen noch meine Lippen bewegen – man wollte mich erwürgen –, dreimal legte man mir die entsicherte Pistole an die Schläfe. Völlig zerschlagen und vernichtet blieb ich liegen. Da trat man mit Schaftstiefeln nach mir – ich gab mein Leben auf.“

Folteropfer – und Sexobjekt?

Wer der Folter erlag, schreibt Jean Amery, wird in der Welt nicht mehr heimisch. Stella Goldschlag, ein gebrochener Mensch, und doch die passende Referenzfigur für eine leichte Lovestory? Macht man es sich damit nicht allzu leicht, ist das nicht eine Leichtfertigkeit, die schwer zu fassen ist?

„Was denken Sie über dieses Buch? Ich beantworte jede Nachricht“, schreibt Würger am Ende von „Stella“. Nun, wer ihn anschreibt, bekommt derzeit nicht von ihm, sondern von seinem Verlag eine Nachricht, dass man sich derzeit nicht zu solchen Bedenken äußere. Würger ist freilich auch sehr beschäftigt: Allein bis Mitte März hat er zwei Dutzend Lesungen, die hohe Erstauflage, so ist bei Hanser zu hören, verkauft sich gut. So kennt man das ja von Skandalen, die auch ein Geschäftsmodell sein können. Die Debatte um das Buch, sagt Urheberrechtsexperte Peter Raue, sehe „so ein bisschen wie ein Werbegag für das Buch“ aus. Da könnte er Recht haben.

Von Daniel Alexander Schacht

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