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Kultur Weltweit „So was von da“: Der Rausch der letzten Nacht
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05:02 16.08.2018
Ungebetener Besuch: Kiez-Kalle (Karl-Heinz Schwensen, Mitte) schaut mit seinen Schlägern bei Oskar vorbei. Quelle: DCM
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Hannover

Manchmal traut sich das deutsche Kino was. Dann taucht jemand auf und pfeift auf gut abgehangene Historiendramen oder die nächste Bestsellerverfilmung mit Bekanntheitsgarantie. Dann boykottiert jemand das verkrustete Fördersystem und all die formelhaften Drehbücher, die der Zuschauer angeblich so haben will und sonst gar nicht versteht.

Regisseur Jakob Lass ist einer von den Regisseuren, die sich etwas trauen: Er hat die Überraschung geradezu zum Programm erhoben. Lass gilt als Meister der Improvisation, wie er schon mit „Love Steaks“ (2013), einer Liebesgeschichte zwischen zwei Hotelangestellten, und mit „Tiger Girl“ (2017), der ins Gewalttätige driftenden Story über zwei junge Frauen in Berlin, bewiesen hat. Fertige Drehbücher verachtet er geradezu. Bei ihm soll die Entstehung eines Films ein offener Prozess sein, um ja keine spontan entstehende Idee und keine Inspiration durch zu viele Vorgaben zu torpedieren.

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Wer ist schon auf Knopfdruck lustig?

Jetzt erzählt er in „So was von da“ von einer Party - und das stellt einen Filmemacher vor eine schwierige Aufgabe: Denn eine Party mit vielen Statisten, die bei jeder Szene erst wieder in Laune gebracht werden müssen, verlangt größtmögliche Präzision bei der Inszenierung - und die wiederum ist jeder Partystimmung abträglich. Wer ist schon auf Knopfdruck lustig?

Lass hat sich ein besonderes Verfahren ausgedacht: Er hat ganz einfach zu einer richtigen Party eingeladen. Vier Abende lang wurde in einem Hamburger Club gefeiert, mit echten Bands und 1200 echten Gästen. In diesem Rausch von Musik, Alkohol und körperlicher Nähe haben sich seine Schauspieler begeben und so viel Energie wie möglich aus dem unkontrollierbaren Geschehen abzuzapfen versucht.

Schon das allein ist ein ziemliches Wagnis. Noch komplizierter aber wird die Sache dadurch, dass Lass mit „So was von da“ nun erstmals eine Buchvorlage verarbeitet hat: Tino Hahnekamps gleichnamiger Roman erzählt von Oskars letzter Nacht in seinem vor dem Abriss stehenden Club auf St. Pauli.

Was zählt, ist das Hier und Jetzt

Noch einmal wollen sich in dieser Silvesternacht alle bis zum Abwinken verausgaben und sich mit Drogen und Alkohol vollschütten. Was zählt, ist das Hier und Jetzt, sagt Oskar. Vergesst, was war und was kommen könnte, denn: So schön wird‘s nie wieder. Hier geht es um ein Lebensgefühl, nicht um Werktreue.

Logisch, dass der Regisseur die Romanvorlage unter diesen Bedingungen eher als Gerüst verwendet. Sowieso könne kein Film einem Roman gerecht werden, glaubt er. Das seien ganz verschiedene Medien. Und doch funktioniert seine Arbeitsweise dieses Mal nicht so gut wie bei seinen früheren Filmen, die keiner Vorlage folgten.

Clubbetreiber Oskar (Niklas Bruhn) wird just am Silvestertag von Rotlicht-Größe Kiez-Kalle so intensiv heimgesucht, dass gleich mal die Wohnungstür zu Bruch geht. Verdattert sitzt Oskar in Unterhose auf dem Sofa. Beim nächsten Treffen sei Oskars Finger dran, sagt Kiez-Kalle. Es sei denn, Oskar treibt bis Mitternacht 10.000 Euro auf. Es ist Zahltag: Oskar soll endlich seine Schulden begleichen, bevor der Club die Türen schließt.

Karl-Heinz Schwensen spielt sich selbst

Woher das Geld nehmen? Oskar erzählt seinem Kompagnon lieber nichts vom zudringlichen Besuch des Unterweltkönigs; den Karl-Heinz Schwensen, eine real existierende Kiez-Figur, ziemlich überzeugend selbst spielt.

Unter diesen düsteren Vorzeichen beginnt die Party. Dann taucht auch noch Oskars verflossene Liebe Mathilda (Tinka Fürst) auf. Eingeladen war sie zwar nicht, aber dafür ist sie Oskar offensichtlich doch noch irgendwie zugetan. Bei kontinuierlich steigendem Schnaps- und Pillenpegel nähert sich Oskar dem emotionalen Ausnahmezustand.

Zudem schaut irgendwann die Hamburger Innensenatorin (Corinna Harfouch) vorbei. Sie sucht ihren kranken Mann (Bela B.) und steckt bald schon mitsamt ihren Bodyguards im Fahrstuhl fest. Die Senatorin ist die Mutter von Oskars Rockstar-Kumpel Rocky (Mathias Bloech), der eben gerade auf offener Bühne zum Entsetzen der Fans das Ende seiner Karriere angekündigt hat, die ihm offenbar nur Unlust bereitet hat.

Der Zuschauer ist viel zu nüchtern

Das mag alles ausgelassen und wild klingen, und es ist auch wirklich dauernd was los in dieser letzten Nacht. Und doch hat die improvisierte Handlung nie genügend Dringlichkeit und Stringenz, sie wabert so dahin. Das Problem könnte sein, dass der Zuschauer ziemlich nüchtern im Kinosessel verharren muss, während auf der Leinwand bei wilden Reißschwenks und surrealen Einlagen die Post abgeht.

Was bleibt, ist die Ekstase in diesem ausgesprochen rhythmisch geschnittenen Werk. Über dem Dröhnen der Musik liegt ein Hauch Melancholie: Denn allen ist klar, dass am nächsten Morgen nichts mehr so sein wird, wie es am Abend zuvor noch war.

Immerhin: Ein Regisseur hat sich was getraut. Nicht jede Party kann ein großes Fest sein.

Von Stefan Stosch / RND