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Kultur Weltweit “Synonymes”: Niemand entkommt sich selbst
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06:59 01.09.2019
Teufelsaustreibung in eigener Sache: Der Israeli Yoav (Tom Mercier) in Paris. Quelle: -/Grandfilm/dpa

Ein Israeli steht auf einer Seine-Brücke und spuckt Adjektive in den Fluss: „verabscheuenswert“, „barbarisch“, „ekelerregend“, „beklagenswert“ … Die Schimpfkanonade in französischer Sprache findet schier kein Ende. Der junge Mann beschreibt die Gefühle, die er mit seiner Heimat verbindet. Und was sagt sein stoisch dreinblickender und bis dahin geduldig lauschender Nachbar auf der Pariser Brücke: „So schlimm kann kein Land sein.“ Kann es aus Sicht des jungen Mannes sehr wohl.

Die Szene wirkt putzig – wie manche andere auch im Film „Synonymes“ des israelischen Regisseurs Nadav Lapid. Aber man sollte sich von dem ironischen Grundton nicht täuschen lassen: Hier geht es um echte Pein, die der Regisseur am eigenen Leib erlitten hat.

Lapid wurde 1975 in Tel Aviv geboren und zog nach seinem Militärdienst nach Paris – wohl gar nicht so viel anders als sein Filmheld. Inzwischen ist Lapid wieder nach Israel zurückgekehrt, das ihn offenbar auch in der Fremde nicht losgelassen hat. Sonst würde es diesen Film kaum geben.

Juliette Binoche ließ sich beeindrucken

Die Berlinale-Jury um ihre Präsidentin Juliette Binoche ließ sich von „Synonymes“ beeindrucken: Lapid reckte im Februar den Goldenen Bären in die Höhe. Es war das erste Mal, dass einem israelischen Film diese Ehre zuteilwurde.

Bei der Berlinale sagte der Regisseur: „Ich glaube, in meinem Film geht es um Fragen, die Menschen überall in der Welt betreffen: wie weit wir uns von unserer Identität lossagen und eine neue entwickeln können.“

Nichts anderes versucht der Protagonist Yoav (Tom Mercier), der lediglich mit einem Rucksack in der französischen Hauptstadt eintrifft. Und nicht einmal diese Utensilien bleiben ihm: Als er die erste Nacht in einer leeren und eiskalten Altbauwohnung verbringt, wird ihm beim Duschen auch noch sein letztes Hab und Gut gestohlen.

Der Filmheld fragt: "Ist das der Tod?"

Nackt und halb erfroren findet ihn das Pärchen aus der Nachbarwohnung in der Badewanne. Caroline (Louise Chevillotte) und Emile (Quentin Dolmaire) tragen ihn ins Bett und wärmen ihn unterm Wolfsfell auf. Als Yoav endlich wieder die Augen aufschlägt, fragt er eher erstaunt als entsetzt: „Ist das der Tod?“

Die beiden nehmen den Neuankömmling mit Wonne unter ihre Fittiche. Sie profitieren davon: Sie sind fasziniert von all den seltsamen Geschichten aus Israel, mit denen Yoav ihr langweilig-bourgeoises Leben bereichert.

Beim Kinozuschauer werden bei dieser Dreierkonstellation Erinnerungen an die Nouvelle Vague und an François Truffauts „Jules und Jim“ (1962) wach. Wichtiger aber sind dem Regisseur die Konflikte, die Yoav mit sich selbst auszumachen hat.

Kein hebräisches Wort kommt Yoav über die Lippen

Was genau ihm in Israel passiert ist, bleibt unklar. Es muss mit seinem Armeedienst zu tun gehabt haben – für Yoav ein so starkes Trauma, dass er fortan Herkunft inklusive Sprache abzuschütteln versucht. Kein hebräisches Wort soll dem zornigen jungen Mann mehr über die Lippen kommen. Französische Synonyme murmelnd – daher der Filmtitel – streift er durch die Straßen.

Er kocht in seinem heruntergekommenen Apartment täglich für 1,28 Euro Billignudeln mit Tomatensoße, versucht sich als Sicherheitsmann in der israelischen Botschaft (und lässt mal eben sämtliche Antragsteller herein, laut „Offene Grenzen“ rufend), wird als Nacktmodell schikaniert und nimmt geradezu begeistert an Sprachkursen teil. Als er die „Marseillaise“ zitieren soll, ruft er freudig „Marchons, marchons“ und würde am liebsten gleich losmarschieren – wohin auch immer.

Yoav unterzieht sich einer kuriosen Teufelsaustreibung. Er will nur noch eines: Franzose werden.

Seiner israelischen Vergangenheit entkommt er aber nicht. Mehrfach begegnet er Vertretern eines Staates, die bereit sind, ihr Land mit Gewalt zu verteidigen – ja, die es auf Streit geradezu anlegen: Einer setzt in der U-Bahn die Kippa auf und summt den Mitfahrenden ungebeten die israelische Nationalhymne ins Ohr. Ein anderer lädt Yoav zur alljährlichen Schlacht „Juden mit Heugabeln gegen Nazis mit Wolfshunden“ ein.

Bei mancher Filmszene muss man schlucken

Bei solchen Szenen muss man schlucken: Immer öfter sind Juden in Frankreich antisemitischen Attacken auf der Straße ausgesetzt. Will Lapid den Spieß hier einfach umdrehen?

Solche skurrilen Situationen reihen sich lose aneinander, gefilmt oft aus der subjektiven Perspektive Yoavs, der sich verboten hat, die Augen zu heben. Touristische Blicke auf Paris fehlen deshalb weitgehend in diesem eigensinnigen Werk, in dem man nach einigen Anlaufschwierigkeiten beginnt, mit dem Protagonisten mitzufühlen. Yoav wird sein Land nicht los, und er entdeckt ein Frankreich, das seinen hehren Vorstellungen nicht wirklich entspricht.

Schmerzhaft muss der junge Israeli in Paris lernen: Niemand entkommt sich selbst.

Von Stefan Stosch/RND

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