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Kultur Weltweit „The Other Side of the Wind“: Netflix zeigt letzten Film von Orson Welles
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16:46 01.11.2018
Orson Welles (rechts) am Set von "The Other Side of the Wind" in Los Angeles. In der Mitte: Seine Lebensgefährtin und Muse Oja Kodar, die das Drehbuch mitverfasste und als Darstellerin auftritt. Quelle: Netflix
Los Angeles

Wenige Hollywood-Persönlichkeiten sind von derart vielen Mythen umgeben wie Orson Welles. Da ist der Mythos vom Radiohörspiel „Krieg der Welten“, das 1938 eine Massenpanik in New York verursacht haben soll. Da ist der Mythos vom Wunderkind, das nach Los Angeles zog und dort mit „Citizen Kane“ einen Film schuf, der vielen noch immer als bester aller Zeiten gilt. Da ist der Mythos vom finanziellen wie kreativen Niedergang und dem „Exil“ in Europa. Und da ist der Mythos vom letzten, unvollendeten Großprojekt: „The Other Side of Wind“.

Dieser Mythos geht so: Frustriert von den inhaltlichen Änderungen seitens des Produktionsstudios an „Im Zeichen des Bösen“ kehrt Welles Hollywood den Rücken und erst nach mehr als zehn Jahren in Europa wieder dorthin zurück. Befeuert durch den Geist des New Hollywood wittert er Morgenluft. Die Dreharbeiten an dem neuen Projekt dauern sechs Jahre, die ersten drei davon noch ohne einen Hauptdarsteller.

Produktionsstopp wegen Revolution im Iran

Es soll ein radikal anderes Werk werden: Das Drehbuch wird permanent umgeschrieben, am Set herrschen Improvisation und Kontrolllosigkeit. Irgendwann springen Produzenten ab, der wichtigste von ihnen – der Schwager des iranischen Schahs – zieht sich nach dem dortigen Regimesturz 1979 zurück. Infolge von Rechtsstreitigkeiten landet ein Großteil der Aufnahmen für viele Jahre in einem Pariser Tresor. Welles stirbt 1985 und hinterlässt rund 100 Stunden Rohmaterial.

Wo es Mythen gibt, da gibt es auch immer Jäger, die ihnen auf der Spur sind. So begab es sich, dass das Streamingportal Netflix mehr als 40 Jahre später die Rechte an „The Other Side of the Wind“ erwarb. Frank Marshall und Peter Bogdanovich, beide am Dreh beteiligt, versuchten mithilfe von Welles Notizen den Film fertigzustellen. Die Betonung liegt auf „versuchten“: Was die eigentliche Vision hinter „The Other Side of the Wind“ war – und ob es überhaupt eine gab – bleibt ein Geheimnis.

Orson Welles (links) am Set von „The Other Side of the Wind“. Rechts neben ihm: Peter Bogdanovich, der im Film den Jung-Regisseur Brooks Otterlake verkörpert. In der Mitte: Welles’ Lebensgefährtin und Muse Oja Kodar. Quelle: Netflix

Welles’ autobiografischster Film

Denn das, was ab 2. November auf Netflix zu sehen ist, ist in vielerlei Hinsicht ein verworrenes und verwirrendes Werk. „The Other Side of the Wind“ beginnt – wie so viele Filme von Welles – mit einem Todesfall, dem des fiktiven Regisseurs Jake Hannaford, der bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt. Was folgt, ist allerdings keine weitere Suche nach einem „Rosebud“, sondern der Versuch einer Rekonstruktion der letzten Stunden Hannafords. Die Hollywood-Legende kehrte kürzlich aus Europa zurück, um seinen letzten großen Film „The Other Side of the Wind“ zu beenden. Auf einer Party sollen Finanziers dafür gefunden werden.

Die Gemeinsamkeiten zwischen dieser Geschichte und der von Welles sind nicht zufällig. Das ehemalige Wunderkind gießt in dieser Satire all seinen Frust über das System Hollywood über dem Publikum aus. Viele Partygäste stellen reale Branchengrößen dar, die Rolle des aufstrebenden Jung-Regisseurs Brooks Otterlake weist verblüffende Ähnlichkeiten zur Vita seines Darsteller Peter Bogdanovich auf. Da verwundert es, dass Welles nicht gleich selbst die Rolle des Jake Hannaford übernahm und sie stattdessen John Huston überantwortete, der sie mit viel Charisma auszufüllen weiß.

Peter Bogdanovich (links) als Jung-Regisseur Brooks Otterlake und John Huston als Hollywood-Legende Jake Hannaford in Orson Welles' "The Other Side Of The Wind". Quelle: Courtesy of NetflixCourtesy of Netflix

Das exakte Gegenteil von „Citizen Kane“

Der Kniff daran ist der pseudo-dokumentarische Stil: Fiktive Hannaford-Fans, die die Party auf ihren Handkameras festhielten, liefern das Material, das nun einen Großteils des Films bildet. Das Ergebnis ist eine chaotische Collage aus Super-8- und 16-Millimeter-Bildern, meist schwarz-weiß, stets wackelig sowie von minderer Bild- und Tonqualität. Ästhetisch ist „The Other Side of the Wind“ das exakte Gegenteil von „Citizen Kane“ und Welles‘ übrigen Werken: amateurhaft, erratisch, jeglichen Sehgewohnheiten zuwider laufend. Die bissigen Wortgefechte der Partygäste gehen im Hintergrundrauschen unter, lassen aber deutlich die Hollywood-kritische Agenda des Regisseurs erkennen. Gegen Ende bringt es einer von Hannafords Weggefährten mit einem einfachen physikalischen Gesetz auf den Punkt: Eine Maschine produziere niemals so viel, wie sie verschlinge. Gemeint ist die Maschine Hollywood.

Einen krassen Bruch dazu bilden die Ausschnitte aus Hannafords finalem Filmprojekt, die das scheinbar planlose Bildgewitter regelmäßig durchbrechen. Der Film im Film porträtiert ein junges Liebespaar, das sich – meist nackt und gänzlich wortlos – durch gespenstisch leere Filmkulissen jagt. Die Satire innerhalb der Satire ist eine Persiflage auf das europäische Arthouse-Kino, überzeichnet dessen prätentiöse Bildsprache und verliert sich in bedeutungsloser Ambiguität.

Der Mythos lebt weiter

Ob „The Other Side of Wind“ jener Film geworden ist, den Welles im Kopf hatte, lässt sich nur mutmaßen. Vermutlich ist er das nicht – vermutlich liegt aber genau darin seine größte Errungenschaft. Dass der Film von Welles‘ ehemaligen Weggefährten fertiggestellt wurde, lässt dessen autobiografischen Bezüge noch deutlicher und ungefilterter hervortreten. „The Other Side of the Wind“ ist kein finales Magnum Opus, kein „Best-of“ des Regisseurs, vielmehr das komplette Gegenteil dessen.

Und doch ein idealer Film, um sein Lebenswerk zu beschließen, denn dieser Film hinterlässt das Bild eines Mannes, der von Widersprüchen geprägt war, der an Hollywood und an seiner Liebe zum Film verzweifelte und zerbrach. Der Perfektionist, Genie und Avantgardist war. „The Other Side of Wind“ ist allem voran ein Film über Welles selbst. Den Mythen, die ihn umgeben, dürfte das nur zuträglich sein.

„The Other Side of the Wind” (122 Minuten) und die Dokumentation “They’ll love me when I’m dead” (98 Minuten), der die Entstehungsgeschichte des Films beleuchtet, sind ab 2. November auf Netflix zu sehen.

Von Christian Neffe

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