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Kultur Weltweit Wagners gewaltiges Welttheater im nordostwestfälischen Weser-Bayreuth
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17:45 16.09.2019
„Das Rheingold" im Stadttheater Minden: Frank Beermann und die Nordwestdeutsche Philharmonie sitzen auf der Hinterbühne, Matthias Lipperts schlichte Video-Produktionen bebildern die Orchester-Zwischenspiele. Quelle: Dorothee Rapp / Der Ring in Minden
Minden

„Weser-Bayreuth“, so nennt sich das nordostwestfälische Minden seit einigen Jahren – in diesen Tagen wieder mit besondere Inbrunst. Denn nun hat im hübschen Stadttheater, ein Projekt seinen Höhepunkt erreicht, das international Bewunderung, Staunen und Kopfschütteln verursachte: „Der Ring in Minden“. 2015 startete das verwegene Unterfangen mit der Premiere des „Rheingolds“, 2018 machte die „Götterdämmerung“ die Tetralogie komplett. Derzeit läuft der erste von zwei Zyklen.

Vierteiliges Riesenwerk

Richard WagnersRing des Nibelungen“ also – in einem Theater mit rund 500 Plätzen für Zuschauer im Parkett und auf den Rängen, sowie 38 für Musiker im Graben. Ein Theater, das weder über ein Orchester noch über ein Sängerensemble verfügt, also Partner braucht zur Verwirklichung des vierteiligen Riesenwerks, vor dem auch große Stadttheater zurückschrecken. Leipzig zum Beispiel, das sich nach dem „Ring“ des Joachim Herz vier Jahrzehnte Zeit ließ, ehe Ulf Schirmer 2013 einen neuen zu schmieden begann.

2016 schloss er sich – und einige Sänger der Leipziger Produktion, bei der Rosamund Gilmore Regie führte und Schirmer selbst im Graben stand, sind auch im Mindener „Rheingold“ zu erleben. Kathrin Göring etwa, die der Wotans-Gattin Fricka Stimme und Gestalt leiht, strenge Grandezza und so musikalisch makellose wie lebendige Töne. Oder Thomas Mohr, der den Feuergott Loge mit beweglichem Tenor-Strahl ausstattet, mit artikulatorischer Präzision, wachem Witz – und manchmal in die lustigen Trippelschritte zurückfällt, die Gilmore ihm abverlangte.

Vokale Spitze

Gemeinsam mit dem kraftvollen, finster-geschmeidigen und abgründigen Alberich Heiko Trinsingers stehen die beiden an der vokalen Spitze der Produktion. Der Rest geht von den Rheintöchtern (Ines Lex, Christine Buffle, Tina Penttinen), über die Riesen (Tijl Faveyts, Johannes Stermann), den Mime Jeff Martins bis zu den Restgöttern (André Riemer, Julia Bauer, Janina Baechle) mindestens in Ordnung. Was im Prinzip auch für den Wotan Renatus Mészárs gilt, der indes als Götterchef doch recht grob klingt.

Auch beim Orchester ist selbstredend nicht alles makellos. Die gemeinsam mit dem Mindener Stadttheater und dem außergewöhnlich tatkräftigen ortsansässigen Wagner-Verband als Produktionspartner auftretende Nordwestdeutsche Philharmonie mit Sitz in Herford, das erste deutsche Orchester übrigens, das den heutigen Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons zum Chef machte, nimmt auf der Hinterbühne Platz. Und hat da mit Findungsschwierigkeiten zu kämpfen. Das recht robuste Rhein-Es-Dur des Beginns wirft Bläschen, und die Hörner lassen bis zum Schluss keinen Zweifel daran aufkommen, dass ihre Partien schwer sind – und die wechselweise zu bedienenden Wagner-Tuben ungewohnt für ein Konzertorchester.

Musikalische Seele

Darum ist es gut, dass vor den Musikern und hinter dem Gaze-Vorhang, der den Orchester- vom Spielbereich trennt, ein Opern-Könner steht: Frank Beermann, von 2007 bis 2016 Generalmusikdirektor in Chemnitz und zuvor dirigentische Stütze des Leipziger Opern-Repertoires. In Minden ist er die musikalische Seele des hasadeuresken Unternehmens. Denn unter seiner Leitung geht ausgerechnet orchestral der Vergleich mit Bayreuth noch am ehesten auf.

Natürlich sitzt da auf der westfälischen Bühne nicht das Kombinat der Besten, das im Fränkischen darunter Platz nimmt. Aber Beermann gelingt es, die Herforder dynamisch über zweieinhalb Stunden so abzumischen, dass sie in keinem Takt die Sänger überdecken, sondern dass sie genau das tun, was sie bei Wagner zu tun haben: das zauberische Beziehungsgeflecht der Partitur über das Geschehen ausbreiten. Nicht als besserwisserisches Malen nach Leitmotiv-Zahlen, sondern sinfonischen Gesetzen von Klang, Struktur, Balance gleichermaßen folgend wie vokalen.

Sinnliche Überrumpelung

So dauert es nur wenige Minuten, und der Mahlstrom der sinnlichen Überrumpelung reißt alle Einwände mit sich fort. Auch die gegenüber Gerd Heinz’ Inszenierung, die zwischen geometrischer Reduktion auf den Spuren Adolphe Appias und Schüler-Theater-Aktionismus zumindest im „Rheingold“ keinen überzeugenden Zugriff findet auf der minimalistischen Bühne, in den fragwürdigen Kostümen und unter der albernen Schminke Frank Philipp Schlößmanns.

Derlei geschieht auch in Bayreuth. Und in Sachen Klimatisierung (gibt’s nicht) und Knieraum (dito) kann Minden allemal mithalten. Was das Theater-Erlebnis anbelangt, überraschenderweise auch. Denn die Nähe zu den Sängern, deren unbedingte Auslieferung, die musikalische Geschlossenheit, Stringenz und Transparenz von Beermanns musikalischer Dramaturgie, und überraschenderweise auch Matthias Lipperts schlichte Video-Projektionen erzeugen eine alltagsferne Intensität, die in gänzlich enthemmten Jubel mündet.

So lange übrigens Leipzig sich mit Paris vergleicht und Dresden mit Florenz, geht das mit dem Weser-Bayreuth in Ordnung.

Der Ring in Minden: 15. September: Walküre I, 19. September: Siegfried I, 22. September: Götterdämmerung I; 26. September: Rheingold II, 29. September: Walküre II; 3. Oktober: Siegfried II, 6. Oktober: Götterdämmerung II; www.ring-in-minden.de

Von Peter Korfmacher

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