Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Weltweit Wie es damals war: Mit der Wacken-Ausstellung schön nostalgisch werden
Nachrichten Kultur Kultur Weltweit Wie es damals war: Mit der Wacken-Ausstellung schön nostalgisch werden
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:09 01.08.2019
Wacken-Ausstellung (Kreismuseum Itzehoe): Etwa 300 Exponate sind in der Wacken-Ausstellung im Kreismuseum Itzehoe zu sehen.
Wacken-Ausstellung (Kreismuseum Itzehoe): Etwa 300 Exponate sind in der Wacken-Ausstellung im Kreismuseum Itzehoe zu sehen. Quelle: INTELMANN
Anzeige
Itzehoe

Sie hat zwölf Mark gekostet und ist auch nicht sehr groß. Aber jetzt liegt sie hier hinter Glas, ein Stück vergilbtes Papier für die einen, eine Kostbarkeit, eine Reliquie für die anderen: eine Eintrittskarte vom ersten Wacken Open Air – nicht zu fassen.

Es ist noch manch anderes hinter Glas und in Vitrinen, was dort sonst nicht lagert. Bierbecher zum Beispiel, eine Jeanskutte mit schwerer Kette, alles Fundsachen aus dem Wacken-Kosmos, Fußnoten einer 30 Jahre langen Heavy-Metal-Geschichte, die man so nicht für möglich gehalten hätte. Etwa 300 Stücke sind zusammengekommen, und finden kann man sie im Kreismuseum Itzehoe am Rande der Fußgängerzone.

Lesen Sie auch: Wacken-Opa: „Das Schöne an Wacken ist, dass dort alle Leute zusammenkommen“

Das Wacken-Festival, das war eine Kneipen-Idee

Es war nämlich so, dass Thomas Jensen und Holger Hübner Fußball spielten beim TSV Wacken, Jensen als Rechtsaußen, Hübner links daneben. Und dann sagte ihr Freund Norbert irgendwann nach dem Spiel, ein Sonntag war’s und im Gasthof „Zur Post“, dass sie vielleicht mal ein Rock-Festival organisieren könnten. Hinten in der Kuhle am besten, wo sich auch die Leute von „No Mercy“ immer treffen, dem Motorradclub. Und Jensen, Hübner und ein paar andere fanden das gar keine schlechte Idee.

Bunte Bierbecher sind hier Reliquien aus der Wacken.Geschichte. Quelle: INTELMANN

So fing das an mit Wacken, mit dieser Metal-Auferstehung auf dem Land, südlich von Bokelrehm und westlich von Nienbüttel. Nachlesen kann man das oben im ersten Stock des Museums auf Plakaten, eines für jedes Jahr, und man kommt aus dem Staunen nicht heraus.

Sechs Bands haben beim ersten Festival gespielt, Skyline, Axe‘n‘Sex und noch ein paar andere. Die Bühne war ein quer gestelltes Bierzelt von Manni Landsberger, der auch heute noch Zelte fürs W:O:A liefert, links und rechts daneben parkte ein Lkw. Der Strom kam übers Verlängerungskabel von der Raiffeisenfiliale, ein Notstromaggregat von der Feuerwehr und ein Kredit von der Bank.

Das erste Wacken: Das Festivalmanagement war im Jugendzimmer

Das Festivalmanagement befand sich im Jugendzimmer bei Gösy, seine Mutter Regina erledigte von der Küche aus den Vorverkauf. 800 Zuschauer kamen, es gab 400 bis 500 Mark Gage, und der erste Sponsor hieß Hinnerk Husmann, Chef der Autowaschanlage Aquafant. Nur das Aufräumen zog sich etwas hin, weil Bauer Helmut Widderich ziemlich genaue Vorstellungen hatte von einer besenreinen Wiese.

Sommer 1990. Zwei Tage im August. So fing das an.

Die Eintrittskarte zum allerersten Wacken. Quelle: Peter Intelmann

Und es wäre ein paarmal beinahe auch ebenso schnell wieder vorbei gewesen. Drei Jahre später etwa, als sie mit 350.000 Mark minus dastanden und die Eltern Bürgschaften übernahmen. Oder 1996, als sie erst 1000 Karten verkauft hatten und nicht wussten, wie das alles werden sollte. Da war dann auch schon der ein oder andere von der Fahne gegangen und die Sache auf Hübner und Jensen zugelaufen. Aber dann spielten die Böhsen Onkelz in Wacken, es gab kilometerlange Staus, 1997 kamen Motörhead, das Folgejahr war ein Desaster, aber dann hob eine der modernen Märchengeschichten an und war kaum mehr aufzuhalten.

Das Wacken-Logo kam vom Molkereifachmann

Die Böhsen Onkelz waren heikel, sagt Vivian Vierkant, Museumspädagogin und Kuratorin der Ausstellung. Die Band galt als rechts, Fans gaben ihre Karten zurück, andere Gruppen sagten ab. Aber die Onkelz sorgten für 10.000 Zuschauer, was nicht schlecht war für ein Metal-Festival auf dem Dorf.

Und sie erzählt andere Geschichten, die von Mark Ramsauer zum Beispiel, der sich den Wackenschädel ausgedacht hat. Die Wacken-Leute wollten ein Logo, das war sofort klar. Und Ramsauer machte ein paar Entwürfe. Irgendwas mit einer Flasche Jack Daniels war dabei, ein Schwert mit einem durchbohrten Totenkopf, aber eben auch dieser bleiche Kuhschädel, der längst ein Markenzeichen geworden ist wie die drei Streifen von Adidas, jedenfalls ungefähr. Dabei war Ramsauer gar kein Grafiker, sondern arbeitet als Molkereifachmann in der Breitenburger Milchzentrale.

Der Freund der Kuratorin hat sein orangefarbenes Wacken-T-Shirt gestiftet

An einer Leine hängen Wacken-T-Shirts mit Vergangenheit, darunter auch eines in orange von 1996. Orange in Wacken ist ungefähr so verbreitet wie gutes Wetter beim Festival. Und der Freund der Kuratorin, dem es gehört, musste sich deswegen auch einige kluge Kommentare anhören. Aber jetzt hängt es hier im Museum, neben signierten Gitarren und Straßenschildern, neben einem nachgebauten Wacken-Fanzelt mit Bierdosenhund, Fünf-Minuten-Terrine und Kugelgrill, neben alten Zeitungsausschnitten, in denen über einen zweiten Polizisten für die Sicherheit nachgedacht wird, hängt da also neben all dieser Geschichte und ist ein Ausstellungsobjekt.

So ist das also beim Festivalcamping: Ausstellungsstücke in Itzehoe. Quelle: Carsten Rehder/dpa

Überhaupt finden sich große Teile des Wacken-Merchandising-Infernos im Museum: Plüschtiere, Badelatschen und Mineralwasser, Kaffeebecher, Schals und Rucksäcke, Kondome, Gürtel und Weihnachtskitsch. Nebenan, in einem original 60er-Jahre-Wohnzimmer mit Cocktailsesseln liegt eine Wacken-Fliegenklatsche auf dem Tisch und ein Wacken-Norwegerpullover auf dem Schrank. An der Wand hängen akkurat gerahmte Wacken-Fotos, neben Dürrenmatt und Günter Grass steht die Metal-Bibel im Regal. Und in einem aufgeschlagenen Kreuzworträtsel wird nach einem anderen Wort für Radau gesucht. Fünf Buchstaben, vorne ein L.

Zur Ausstellung in Itzehoe kommen vor allem Metalfans

Es kommen hauptsächlich Metalfans in die Ausstellung, sagt die Museumsleiterin Miriam Hoffmann. Sie führt das Haus seit anderthalb Jahren und hatte die Idee zu der Schau. „Es läuft sehr gut, das Interesse ist riesig“, sagt sie. Auch die Internetseite des Hauses wird reichlich besucht – zu einem Drittel aus den USA, aber auch von Leuten aus Russland, China, von der weltweiten Metal-Gemeinde eben.

Fotos und Exponate von Musikern stehen in der Jubiläumsausstellung "30 Jahre Open Air Festival Wacken" im Kreismuseum Prinzesshof. Quelle: Carsten Rehder/dpa

Sie selbst ist keine Metal-Expertin. Sie hat über Lübecker Tafelmalerei des Mittelalters promoviert, aber mit der Kuratorin Vivian Vierkant eine Fachfrau an ihrer Seite. Auf dem Festival ist sie auch noch nicht gewesen. Sie fährt an dem W:O:A-Wochenende seit 15 Jahren zu ihrem eigenen Wacken, sagt sie: nach Selb an der tschechischen Grenze, zum größten Porzellanflohmarkt Europas.

Info: „30 Jahre Wacken“ im Kreismuseum Prinzeßhof in Itzehoe (Kirchenstraße 20). Die Ausstellung läuft bis zum 13. Oktober. Aber der Kuhschädelerfinder Ramsauer war ja auch kein Grafiker. Der arbeitet als Molkereifachmann in der Breitenburger Milchzentrale.

Von Peter Intelmann / RND