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Kultur Weltweit Würden Sie mit Rammstein spielen, Anne-Sophie Mutter?
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20:00 26.07.2019
Auf Tuchfühlung mit Hollywood: Anne-Sophie Mutter bei einem Besuch in den Sony Filmstudios in Los Angeles. Quelle: privat

Carl Gustaf, König von Schweden, hat Sie bei der Verleihung des Polar Music Prize „Königin der Violine“ genannt. Gefällt Ihnen diese Bezeichnung? Sie würde doch eher zum schunkelfreudigen Andrè Rieu passen …

Ich kann es mir nicht aussuchen. Ich nehme an, es ist ein Kompliment. Ach, ich bin glücklich, dass ich das machen darf, was ich leidenschaftlich gern mache. Musik ist ein Bindeglied in der Gesellschaft. Was immer man mir für ein Etikett anklebt, ich gehe meinen eigenen Weg und freue mich, wenn mein Publikum mich bei John Williams genauso unterstützt wie bei Penderecki (Krzysztof Penderecki, polnischer Komponist, Anm. d. Red.).

Ihnen war bisher kein Etikett wie Zauber- oder Teufelsgeigerin angeheftet worden. Obwohl, Herbert von Karajan bezeichnete Sie einst als „Wunder“ ...

Es gibt Schlimmeres, oder? Mein Kollege Zukerman (Pinchas Zukerman, israelischer Violinist, Bratschist und Dirigent) hat mal gesagt: „Das Wunder ist gegangen, das Kind ist geblieben.“ Das finde ich sehr schön formuliert. Er war auch ein Wunderkind. Leider sagt man das zu uns Musikern, weil wir einfach so früh anfangen. Aber Roger Federer geht es ja genauso.

Hat Sie Karajans Lob nicht belastet? Sie waren erst 13 Jahre alt.

Ich habe es überhaupt nicht wahrgenommen. Ich bin am Fuß des Schwarzwaldes mit zwei älteren Brüdern aufgewachsen. Meine Hobbys waren Geige und Fußball spielen, ich bin im Wald herumgerannt und habe gern gelesen. Man geht ja als Kind nicht zum Kiosk und kauft sich Zeitungen. Klar, wir hatten Zeitungen zu Hause, mein Vater war ja Journalist. Ich hatte aber gar kein Interesse daran nachzuforschen, was man über mich denkt. Karajans Lob war für mich keine Bürde. Wenn er mit einem Konzert einigermaßen zufrieden war, war das ein totaler Ansporn.

Was haben Sie von Karajan gelernt?

Ich habe, glaube ich, früh verstanden, dass das Leben eines Musikers das Leben eines Suchenden ist. Ich bin kein Mensch, der dogmatisch denkt oder auf den Erfolg schielt. Der Weg ist das Ziel, und den muss man einfach unbeirrt gehen.

Da unterscheiden Sie sich ja nicht von Bob Dylan ...

Absolut. Das ist Sinn und Zweck des Künstlers. Da geht es nicht um Gefallenwollen, Erfolg, Fame oder solchen Blödsinn. Ein wirklicher Künstler folgt geradezu zwanghaft den irrsinnigsten Interpretationsansätzen in dem verzweifelten Versuch, vielleicht doch etwas zu finden, das das Werk noch inniger und authentischer klingen lässt. Und, ja mei, dann ist das Konzert rum, und du fängst wieder von vorn an.

Spielen Sie in erster Linie für sich selbst?

Nein, ich mache das für das Werk, weil es mir Freude bereitet, diesen Prozess des Suchens permanent voranzutreiben. Das ist einer der Gründe, weshalb ich mein Repertoire ständig verbreitere wie jetzt mit zeitgenössischer Filmmusik. Das ist immer wieder der Versuch, der Geige vielleicht doch noch mehr Ausdrucksformen abzugewinnen. Ich bin fasziniert von dem Medium Streichinstrument und der Möglichkeit, mit einem Bogenstrich eine Klangskulptur entstehen zu lassen. Durch John Williams lerne ich neue Stilmittel und neue Klangfarben kennen. Wenn ich zum Beispiel versuche, mich ins französische Horn einzuklinken, oder in diese wunderbare japanische Bambusflöte Shakuhachi oder das jazzige „Cinderella Liberty“. Das ist eine riesige Herausforderung, weil es eine Sprache ist, mit der ich nicht groß geworden bin. Das zu interpretieren mit dem Komponisten am Pult ist auch ein Wagnis. Ich liebe Wagnisse.

Filmreif: Anne-Sophie Mutter mit Komponist John Williams (links) und Regisseur Steven Spielberg. Quelle: privatr

m Unterschied zu manchen Ihrer Klassikkollegen hielten Sie sich von populärer Musik, und dazu zähle ich Filmmusik jetzt mal, bisher fern. Warum nähern Sie sich nun an?

Wir müssen erst mal diese ganzen Worte definieren. Während des Zweiten Weltkrieges sind viele klassische Musiker aus Europa nach Amerika emigriert. Eine ganze Reihe davon ist in den Filmstudios gelandet, weil sie nur dort Arbeit fanden. Sie haben Filmmusik auf ein ganz anderes Level gehoben. Ich denke da an Miklós Rózsa („Ben Hur“) oder Erich Wolfgang Korngold („Robin Hood, König der Vagabunden“). Wie diese beiden hat auch John Williams eine klassische Musikausbildung und ist fest verwurzelt im traditionellen klassischen Repertoire. Das macht seine Musik absolut zeitlos und eigenständig. Johns Musik allein zu hören, ohne den Film dabei zu sehen, ist wie Programmmusik ohne Programm. „Don Quixote“ kannst du auch hören, ohne dass du die Geschichte kennst. Korngold etwa hat, als der große Geiger Jascha Heifetz ihn um ein Violinkonzert bat, eiskalt Filmthemen zusammengestrickt. Ich finde, beides geht Hand in Hand. Deshalb ist es für mich gar nicht so ein Quantensprung, wie Sie es von außen vielleicht vermuten. So wie Penderecki auch Filmmusik geschrieben hat, komponiert Williams auch klassische Werke. Nur für seine Soundtracks ist er bekannt; kein Wunder, denn die Filme sehen Millionen von Menschen.

Wenn Sie Mozart einspielen, ist der Komponist ja nicht dabei. Bei John Williams ist das anders. Sind solche Aufnahmen schwieriger?

Es ist immer obercool, wenn der Komponist seine Werke dirigiert. Umso mehr genieße ich es, weil ich auch die eine oder andere Frage anbringen kann. Ich war geflasht, mit welcher Kenntnis, auch vom Instrument Geige, John dir alles abverlangt. Ich weiß noch genau, hinterher habe ich zu meinen Kindern gesagt: „Mann, habe ich viel gelernt.“ Die beiden haben mich ganz entsetzt angeguckt: „Mama, das sagst du aber sehr selten.“ Und ich dachte: Huch, bin ich so unbescheiden? Aber es gibt wirklich wenige Begegnungen in den vergangenen Jahrzehnten, die so inspirierend waren wie die mit John Williams. Noch während der Aufnahmen hat er Passagen umkomponiert. Es war ein ständiger Prozess der Veränderung. Es gibt ja Menschen, die auf Filmmusik hinabschauen und sagen: „Alles billige Massenware.“ Man kann sich nicht vorstellen, mit wie viel Leidenschaft und Respekt wir bei John Williams aufgenommen haben.

David Garretts letztes Album hieß „Rock Revolution“. Wie weit würden Sie sich für Rock- und Popmusik öffnen? Würden Sie zum Beispiel mit Rammstein zusammenspielen?

Ich muss gestehen: Was meinen musikalischen Geschmack angeht, bin ich ist sehr geprägt von meiner Kindheit und Jugend. Ich bin nicht über die Rolling Stones, Elton John und Phil Collins hinausgekommen. Vielleicht noch ein bisschen John Legend (amerikanischer Soulsänger). Was ich damit sagen will: Wenn ich dazu eine starke emotionale Bindung hätte, zu einer dieser Popgrößen, hätte ich damit überhaupt kein Problem. Null. Habe ich aber nicht. Wenn Oscar Peterson (amerikanischer Jazzpianist) noch leben würde ... ich war leider viel zu schüchtern, zu seinen Lebzeiten um eine Audienz zu bitten ... daraus hätte sich sicher etwas ergeben können. Ohne diese persönliche Leidenschaft zu dem anderen Künstler, egal aus welchem Genre, wäre es für mich nicht authentisch. Mir fällt nur John Legend ein. Sofort.

„Letztlich ist es mein Lebensziel, Interpretationen zu schaffen, die so zeitlos wie möglich sind“, sagten Sie mal. Wie klingt etwas Zeitloses?

Nicht so wie die Aufnahmen, die wir in den Achtzigerjahren von Barock und Wiener Klassik produziert haben. Zu viel opulentes Orchester, zu viel Vibrato, getragene Tempi. Damals fühlte sich das richtig an. Ich befürchte jedoch, dass es der Kunst immer so geht. Sie wird ja im Augenblick geboren und nicht in der totalen Objektivität. Zeitlosigkeit wäre ein länger gültiger interpretatorischer Ansatz.

Bei Konzerten haben Sie den Anspruch, sich in den Zustand des „Fliegens“ zu spielen. Wann sind Sie das letzte Mal geflogen?

Kurt Masur hat das eigentlich in mir zum Schwingen gebracht. Er hat etwas verbildlicht, was ich schon immer unterbewusst empfunden hatte, wenn man im Flow ist. Ich kann mich genau erinnern. Wir standen vor den New Yorker Philharmonikern. Er war mit dem Tutti nicht zufrieden und hat dem Orchester gesagt: „Friends, let her fly!“ Vielleicht ist es auch im normalen Leben so, bei Dirigenten jedenfalls fällt es mir besonders auf: Wenn sie in Bildern sprechen, können wir das besser übersetzen. Schneller, langsamer, lauter, leiser, das evoziert ja nichts in dir. Dieses Bild vom Fliegen, vom Befreien, vom vielleicht nur stützend da sein, das hat es dann gebracht. Dieses Fliegen, diese Mühelosigkeit, kennen Sie vielleicht auch. Alles löst sich irgendwie auf, dann ist da nur noch die Musik, alles scheint zu gelingen. Das macht natürlich süchtig, ohne Frage. Da will man immer wieder hin.

„Es gibt wenige Begegnungen in den vergangenen Jahrzehnten, die so inspirierend waren wie die mit John Williams“, sagt Anne-Sophie Mutter. Quelle: privat

Brauchen Sie zum Fliegen Stille?

Stille und Stille sind ja nicht dasselbe. Die Stille in meinem Wohnzimmer ist witzlos. Die Stille aber, die hundert oder tausend Zuhörer erschaffen, ist etwas ganz anderes, sie ist unglaublich inspirierend. Die gespannte Aufmerksamkeit von allen, vom Publikum und von den Musikern, lässt eine Interpretation in jene Subtilität schwingen. Es kann aber auch ruhig mal gehaucht werden.

Ich möchte Sie mit einem weiteren Interviewzitat konfrontieren. „Ich spiele, solange mein Dekolleté vorzeigbar ist.“ Haben Sie das wirklich gesagt? Ich hätte erwartet, Sie sagen: „Ich spiele, solange ich Hände habe“, also solange Sie die Geige halten können.

Das war ein Witz, haben Sie das nicht so verstanden?

Nein.

Echt? Ich habe einen sehr süffisanten, schwarzen, schnellen, stechenden Humor. Wenn man den nicht versteht, dann tut es mir leid. Denn ich finde ihn total cool. Ich liebe meinen Humor. Sie meinen doch nicht, dass ich so etwas im Ernst gesagt habe? Jesus. Es war eigentlich darauf gemünzt, dass man als Frau, leider muss ich das verallgemeinern, weil ich glaube, ich bin nicht die einzige Frau, der es so geht, häufig auf Äußerlichkeiten reduziert wird: Die Haare. Das Kleid. Warum so eng? Dieser ganze sexistische Blödsinn. Ich hoffe schon seit Jahren, dass diese Bemerkungen mal aufhören. Das war ein Seitenhieb auf die Journalisten, die immer so gern über das Aussehen von weiblichen Künstlern schreiben.

Es gibt ja nicht viele Dirigentinnen ...

... aber immer mehr! Noch sind Frauen hier in der Unterzahl, aber das wird sich ja ändern.

Wären Sie gern eine Dirigentin?

Ich bedauere es manchmal, dass ich Dirigieren nicht studiert habe, sondern nur Klavier, Geige und Bratsche. Letzten Endes bin ich aber mit dem Geigenrepertoire derart beschäftigt, dass es sinnlos wäre, darüber nachzudenken. Dirigieren ist schon cool. Allerdings hat man als Dirigent wenig Einfluss auf die letzten Nuancen. Dieser ganze Kosmos zwischen Piano und Pianissimo, den finde ich so spannend am Geigespielen. To make a long story short: Theoretisch faszinierend, aber ich bin mit der Geige total happy.

Würden Sie gern wie ein Singer-Songwriter ihre eigenen Stücke spielen? Komponieren Sie selbst?

Da bin ich total unbegabt. Ich habe mal ein paar stümperhafte Kadenzen hingedingst, aber ... nee.

Zum Schluss zwei Fragen zu Ihren Händen: Sie spielen diese wertvollen Instrumente. Haben Sie eine Ihrer Stradivaris schon mal fallen gelassen?

Nein, das würde nie passieren. Ich bin schon mal mit der Geige ausgerutscht. Einmal, ich erinnere mich genau, habe ich die Geige weisungsgemäß hochgerissen. Ein anderes Mal befand sich die Geige Gott sei Dank im Kasten, und der war offensichtlich sehr bruchsicher.

Also immer zuerst die Geige. Haben Sie sich selbst bei den Rettungsaktionen etwas gebrochen?

Nein. Das wird auch nicht passieren. Ich werde ja nicht im Vollrausch spielen.

Haben Sie Angst vor Handerkrankungen, vor Arthrose oder Rheuma? Denken Sie an so etwas?

Überhaupt nicht. Ich habe gerade einen todkranken, kleinen Dackel, und daran denke ich. Das macht mich wahnsinnig traurig. Ich bin froh, dass ich gesund bin. Was morgen ist? Keine Ahnung.

Anne-Sophie Mutter, John Williams: „Across the Stars“ Quelle: Deutsche Grammophon

Zur Person: Anne-Sophie Mutter

Anne-Sophie Mutter spielt seit ihrem fünften Lebensjahr Geige. Mit 13 wurde sie von Herbert von Karajan entdeckt, der sie als „Wunder“ präsentierte. Die 56-Jährige gilt als eine der besten Geigerinnen unserer Zeit. Sie besitzt zwei Stradivaris aus dessen sogenannter goldenen Periode: Die 1703 gebaute „Emiliani“ ist vor allem auf Mutters Karajan-Aufnahmen zu hören. Heute bevorzugt sie die „Lord Dunn-Raven“ von 1710.

Ihr neuestes Projekt: Mutter hat ein Album mit Filmmusik des Hollywood-Komponisten John Williams (87) aufgenommen. „Wenn ich einen seiner Filme sehe und darin eine Geige oder ein Cello erklingt, denke ich jedes Mal, das würde ich gern selbst spielen“, sagt sie. „Across the Stars“ erscheint am 30. August. Am 14. September, beim ersten Open-Air-Konzert ihrer Karriere, stellt Mutter die für sie von Williams neu arrangierten Stücke aus „Star Wars“, „Harry Potter“, „Schindlers Liste“ und „München“ auf dem Königsplatz in München vor. Begleitet wird sie vom Royal Philharmonic Orchestra.

Mutter und Williams nahmen die Musik im April zusammen mit dem Recording Arts Orchestra of Los Angeles in den Sony-Studios in Hollywood auf. Die Bedingungen seien so gut gewesen wie zuletzt vor mehr als 30 Jahren bei ihrer Arbeit mit Herbert von Karajan, sagt sie. Mutter ist für Williams „die größte Geigerin, die Deutschland in den letzten 100 Jahren hervorgebracht hat“.

Mutter war zweimal verheiratet. Sie hat zwei erwachsene Kinder, Arabella und Richard. Auf ihrer Homepage gibt sie persönliche Einblicke, indem sie „Marcel Prousts Fragebogen“ beantwortet, „mit der größten Offenheit“, wie sie sagt. Sie beschreibt sich als Optimistin und Idealistin, deren größte Schwäche die Ungeduld ist. „Aber ich zeige sie selten.“ Einen Lieblingskomponisten nennt sie nicht, neben Gandhi und Mutter Theresa gehört Mozart zu ihren Helden der Geschichte.

Vor Kurzen gab sie beim Internationalen Musikfest in Hamburg zwei Benefizkonzerte für die Hilfsorganisation „Save the Children“, um das Leid der Kinder in dem arabischen Bürgerkriegsland Jemen zu lindern. Ihre Haltung drückt sie auch in Prousts Fragebogen aus. Unter „Reformen, die ich am meisten bewundere“, schreibt sie: „Alle diejenigen, die noch nicht abgeschlossen sind: gleiche Rechte für Frauen, Abschaffung der Rassentrennung, Verbot der Kinderarbeit.“

Von Mathias Begalke

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