Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Weltweit Christa Wolf: „Vor den Bildern sterben die Wörter“
Nachrichten Kultur Kultur Weltweit Christa Wolf: „Vor den Bildern sterben die Wörter“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:22 21.03.2019
Ihre Stimme hatte stets Gewicht: Christa Wolf (1929–2011) am 4. November 1989 auf der Berliner Demo für Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Quelle: Foto: Günter Gueffroy/dpa
Leipzig

„Was bleibt“ heißt eine Erzählung von Christa Wolf. Als sie 1990 erschien, entbrannte ein Streit über Glaubwürdigkeit der DDR-Literaten gemessen an ihrem poltischen Verhalten. Die einst als gesamtdeutsch wahrgenommene Schriftstellerin wurde plötzlich wieder zur DDR-Autorin. Doch als sie am 1. Dezember 2011 im Alter von 82 Jahren starb, würdigte Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste, sie als „eine der wirkungsmächtigsten deutschen Schriftstellerinnen“. Kaum eine andere Autorin der letzten Jahrzehnte „konnte für sich in Anspruch nehmen, als moralische Instanz der DDR-Leserschaft und zugleich als Identifikationsfigur einer großen Zahl westdeutscher Leserinnen und Leser zu gelten.“

Was bleibt von Christa Wolf?

Es sind später noch Essays, Reden und Gespräche erschienen („Rede, dass ich dich sehe“), „Ein Tag im Jahr im neuen Jahrhundert. 2001–2011“, der Briefwechsel mit Lew Kopelew („Sehnsucht nach Menschlichkeit“), die Moskauer Tagebücher „Wer wir sind und wer wir waren“ und die Briefe der Jahre 1952 bis 2011 („Man steht bequem zwischen den Fronten“). Was also bleibt von Christa Wolf, die heute vor 90 Jahren geboren wurde?

Eine Antwort darauf gibt in diesen Tagen Twitter, die Online-Pinnwand für gehobenen Unsinn und niedere Instinkte. Dort lässt sich bei aller Poesiealbumhaftigkeit auch Gutes finden und hat ein Nutzer namens OllyBock am 1. März die Parole #ChristaWolf90 ausgegeben mit dem Plan, „bis zum 18.3. jeden Tag ein Zitat“ zu verbreiten. Den Anfang macht er selbst mit einem Satz aus Christa Wolfs „Nachdenken über Christa T.“: „Einmal im Leben, zur rechten Zeit, sollte man an Unmögliches geglaubt haben“. Dies gehört zu den systemübergreifenden Ansprüchen an die eigenen Lebenswege.

Digitale und vernetzte Erinnerungen

Aus Sätzen, Buch-Covern und Fotografien ist eine kleine digitale Wandzeitung entstanden, deren Reiz in der Auswahl dessen liegt, was Leser heute für wichtig halten, für erhaltenswert. So ergibt sich aus den Einträgen mit dem Hashtag #ChristaWolf90 ein Querschnitt durch das Werk der Autorin, die am 18. März 1929 in Landsberg an der Warthe geboren wurde, Germanistik in Jena und Leipzig studiert hat und 1961 ihr erstes Buch veröffentlichte: „Moskauer Novelle“. 1999 hat der Leipziger Verlag Faber & Faber es noch einmal aufgelegt. Was folgte, gehört zum Gedächtnis des Landes: „Der geteilte Himmel“, „Nachdenken über Christa T.“, „Kindheitsmuster“, „Kein Ort. Nirgends“, „Medea. Stimmen“ …

Die Erzählung „Kassandra“ erschien 1983 gleichzeitig in der DDR und in der Bundesrepublik. Und ist im Rahmen dieses Twitter-Projekts das meistzitierte Werk: „Das Letzte wird ein Bild sein, kein Wort. Vor den Bildern sterben die Wörter“, heißt es da. Einer von vielen Gedanken, die gültig bleiben durch Zeiten hindurch. Etliche zeugen davon, dass Christa Wolf in ihrem Schreiben natürlich eng mit dem Land, in dem sie lebte, verbunden war, aber nicht die Losungen nachschrieb. „Christa T. stirbt an Leukämie, aber sie leidet an der DDR“, sagte Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki nach Erscheinen von „Nachdenken über Christa T.“ (1968).

Eine Fundgrube der Wiederlektüre

In „Störfall. Nachrichten eines Tages“, ihrer Reaktion auf die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, fragte Christa Wolf: „Treiben die Utopien unserer Zeit notwendig Monster heraus?“ und: „An welchem Kreuzweg ist womöglich die Evolution bei uns Menschen fehlgelaufen, dass wir Lustbefriedigung an Zerstörungsdrang gekoppelt haben.“ Aus „Kein Ort. Nirgends“ stammt die Erkenntnis: „Indem wir die Gegenwart gewahr werden, ist sie schon vorüber, das Bewusstsein des Genusses liegt immer in der Erinnerung.“

Eine Fundgrube der erbaulichen Wiederlektüre ist auch „Die Dimension des Autors“, eine Sammlung von Essays, Aufsätzen Reden und Gesprächen (1986) und Christa Wolfs Überlegung, dass nur mit exaktem Wissen in das Innere von Vorgängen eingedrungen werden kann – seien es gesellschaftspolitische oder solche in den Beziehungen der Menschen zueinander. Sie griff in ihren Werken auf griechische Mythen zurück, auf Romantik, Emanzipation. Sie setzte sich mit Erbe und Gegenwart auseinander und veröffentlichte als letzten Roman 2010 „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“.

Daraus hat es eine Passage in die Twitter-Runde geschafft, die für das ganze Projekt steht: „Dass der Gedankenstrahl die Zeitschichten rückblickend und vorausblickend durchdringen kann, erscheint mir als ein Wunder. Und das Erzählen hat an diesem Wunder teil, weil wir anders, ohne die wohltätige Gabe des Erzählens, nicht überlebt hätten und nicht überleben könnten.“ Das zum Beispiel bleibt. Neben dem dringenden Wunsch, sie wieder zu lesen, diese Bücher, die zum Kanon der deutschsprachigen Literatur gehören.

Von Janina Fleischer

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Tom Schilling als Egoist, der auf einer wundersamen Reise sein Herz entdeckt: Alireza Golafshans Langfilmdebüt „Die Goldfische“ (Kinostart am 21. März) ist ein märchenhaftes Roadmovie, in dem der Witz mal nicht platt ist. Deutsche Komödien können auch komisch.

18.03.2019

Wegen früherer Tweets feuerte Disney den Regisseur von „Guardians of the Galaxy“ – jetzt darf James Gunn doch wieder mitmachen. Deswegen hat er plötzlich seinen Job zurück.

17.03.2019

Rock’n’Roll-Sänger, Schauspieler und Entertainer: Peter Kraus wird 80. Musik hat er immer noch im Blut – und der Hüftschwung klappt auch noch gut, wie er sagt.

17.03.2019