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09:32 04.08.2017
Der Autor Johannes Herwig (37) an der Connewitzer Paul-Gerhardt-Kirche, einem der Schauplätze seines Romans „Bis die Sterne zittern“. Quelle: André Kempner
Leipzig

Wo hat Harro Jäger denn wirklich gewohnt? „Wir stehen genau davor.“ Wir stehen vor dem Rewe-Markt am Connewitzer Kreuz. „Kriegslücke“, sagt Johannes Herwig, der die Romanfigur Harro erfunden hat. Das alte Brausebad gegenüber gibt es noch, es heißt „Café Südbrause“ und im Biergarten duftet es nach Lavendel. Rüber zur Paul-Gerhardt-Kirche ist es nur ein Katzensprung. Oder die Wolfgang-Heinze-Straße hoch zum Kino UT Connewitz, dem alten Union-Theater.

Überall hier war Harro Jäger zu Hause, als er 1936 in die zehnte Klasse ging, zum ersten Mal verliebt war und mit seiner neuen Clique die Mitläufer herausgefordert hat. Über 40 Jahre später ist hier Johannes Herwig geboren, Punk geworden, frei geblieben und hat seinen ersten Roman geschrieben, der jetzt erschienen ist: „Bis die Sterne zittern“. Bei Ilona Fleischmann in der Buchhandlung neben dem UT hängt sogar sein Plakat .

Johannes Herwig: Bis die Sterne zittern. Roman. Gerstenberg Verlag; 256 Seiten, 14,95 Euro Quelle: Gerstenberg Verlag

„Ich war nie richtig weg“, erzählt Johannes Herwig, und er sagt es so, als müsste er sich dafür rechtfertigen. Vielleicht sind Connewitzer noch mehr mit ihrem Stadtteil verbunden als andere Leipziger, vielleicht ist das aber auch nur ein weiteres Klischee. In der gelben Telefonzelle neben der „Südbrause“ klebt ein Aufkleber „FCK NZS“. „No NZS“ hat jemand an die Paul-Gerhardt-Kirche gesprayt.

„Scheiß Nazis“ denken Harro Jäger und seine Freunde, als deren Geschichte dort beginnt, „wo Leipzigs schönste Straße endet“, die seit drei Jahren den Namen Adolf Hitlers trägt. An einem heißen Tag im Sommer ’36 flattern die Fahnen heran, dahinter marschieren die Hitlerjungs. Gerade, als Harro Ärger bekommt, weil er nicht ordentlich gegrüßt hat, sprengen andere Jugendliche den Aufmarsch.

Sie sind verwegen gekleidet, wirken unerschrocken und stark. Heinrich, Edgar, Pitt, Hilma, Josephine ..., sie werden Harros neue Freunde. Eben noch hat er im Kinderzimmer Karl May gelesen, jetzt gehört er zu einer Art Widerstandsgruppe, von der Gestapo „Leipziger Meuten“ genannt, verfolgt, verhaftet und 1939 zerschlagen.

Sozialisation über Punk-Musik

Der Historiker Alexander Lange, bei dem Herwig sich ausführlich bedankt für Wissen und Inspiration, hat seine Dissertation über die insgesamt rund 1500 Jungen und Mädchen geschrieben, die sich am Connewitzer Kreuz oder auf der Lindenauer „Reeperbahn“ trafen und organisierten, die Flugblatt-Aktionen planten und sich für ihre Freiheit prügelten. Die Arbeiterjugendlichen in sozialdemokratischer oder kommunistischer Tradition waren das Gegenteil der uniformierten Mitläufer.

Ihre Geschichte erzählt Johannes Herwig, doch er hat deshalb kein Geschichtsbuch geschrieben. Auch keine reine Unterhaltungsliteratur und ebenso wenig einen puren Coming-of-Age-Roman. Sein Verlag nennt es Jugendbuch. „Für dich“ steht in der Widmung, „das bedeutet: für jeden“, sagt der Autor. Und: „Das Buch ist deshalb gut geworden, weil es von selbst kam.“

Das klingt, als wäre es ihm passiert. Tatsächlich hört sich nichts von dem, was er erzählt, nach einem Karriereplan an. Zwar hat er als Kind mal Schriftsteller werden wollen, das dann aber wieder aus den Augen verloren. Mitte der 90er, da war er 14, wurde er Punk aus dem Gefühl heraus, nicht einverstanden zu sein – und das auf eine chaotische und spontane Weise: „Mich hat an den Leuten berührt, dass es eine Bauchentscheidung war.“

Seine Sozialisation lief über Musik, Bands wie Tarnfarbe, Slime, Schleimkeim, Toxoplasma ... In seiner Connewitzer Stammkneipe läuft heute Heavy Metal, und niemanden schert’s, außer vielleicht Thomas de Maizière. „In den 90ern haben wir hier gefährlich gelebt“, sagt Herwig, „als nach der Wende die Nazis kamen“, Menschen, Häuser und Projekte überfielen, „sich aber kein Polizist blicken ließ“. „Ich musste auch viel rennen, vor allem nachts.“

Bevormundung, Gehirnwäsche, Drill

So wie seine jungen Helden, die vor der Polizei fliehen oder vor den Hitlerjungen. An ihrer Kleidung sind sie ja sofort zu erkennen: Lederhosen, karierte Hemden, rote Tücher. Sie tragen Totenkopfringe, die Pitt auf der Kleinmesse geschossen hat, und treffen sich vor den Lichtspielhäusern oder an der Paul-Gerhardt-Kirche, hören Jazz aus dem Koffer-Grammophon oder fahren an die Lübschützer Teiche bei Machern. Eigentlich leben sie wie ganz normale junge Leute – und werden doch dafür bezahlen müssen, dass sie sich nicht einbinden lassen wollen in ein diktatorisches Gefüge aus Bevormundung, Gehirnwäsche und Drill.

Als Harro einen „sportlichen Wettstreit der Kameradschaften“ schwänzt, um Zeit mit Josephine zu verbringen, droht ihm, der Ausschluss vom „HJ-Dienst“. Was heute harmlos klingt, konnte als Entscheidung zwischen Selbstbestimmung und Anpassung in der Zeit des Nationalsozialismus eine Entscheidung zwischen Leben und Tod sein. „Natürlich war es das wert“, sagt Ich-Erzähler Harro. „Das zu sein, was und wie man war oder was und wie man sein wollte, war das Wichtigste überhaupt. Es war das, was das Leben lohnend machte.“

Der Roman umfasst etwa ein Jahr, in dem die Weichen für sein Leben gestellt werden. „Mittlerweile sah ich in den Erwachsenen vor allem diejenigen, die die Freiheit zerstörten.“ Auf der anderen Seite stehen Freundschaften und Zusammenhalt.

Die Figuren „einfach machen lassen“

Johannes Herwig war zehn, als die Mauer fiel. Er hat davon nicht allzu viel mitbekommen. Was er von seinen in der Umweltbewegung engagierten Eltern mit auf den Weg bekam, war ein Gefühl für die Unmöglichkeit, frei zu sein, wenn man sich unterordnen muss. Ein Bewusstsein dafür, sich anpassen zu müssen, um Erfolg zu haben. Und die Sicherheit, das nicht mitzuspielen.

Der Vater eines siebenjährigen Sohnes hat keine Entscheidung in seinem Leben bereut. Stets hat eins zum nächsten, dabei immer Neuem geführt: die Abendschule an der HGB zum Studium der Psychologie/Soziologie zur Gründung der Filmgalerie Phase IV 2006 in Dresden zum Ausstieg 2013 und dann zum ersten Roman.

Ein Buch, das sinnlich in eine andere Zeit führt und zu liebenswerten Figuren. Die hat Herwig „einfach machen lassen“, und so haben sie ein Eigenleben entwickelt – damals, in der Adolf-Hitler-Straße, hier, in der Karl-Liebknecht-Straße, wo sich vor dem Rewe-Markt jetzt die Punks treffen.

Johannes Herwig: Bis die Sterne zittern. Roman. Gerstenberg Verlag; 256 Seiten, 14,95 Euro

Den Roman gibt es auch im LVZ-Shop im LVZ-Foyer (Peterssteinweg 19), unter der gebührenfreie Telefonnummer: 0800 2181070 und im Online-Shop unter www.lvz-shop.de

Von Janina Fleischer

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