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Kultur Lotte de Beer inszeniert, Ulf Schirmer dirigiert Alban Bergs Wedekind-Oper „Lulu“
Nachrichten Kultur Lotte de Beer inszeniert, Ulf Schirmer dirigiert Alban Bergs Wedekind-Oper „Lulu“
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15:35 20.06.2018
Kommen nicht los voneinander: Lulu (Rebecca Nelsen) und Dr. Ludwig Schön (Simon Neal). Quelle: Volkmar Heinz
Leipzig

Es dreht sich alles nur um sie. Das ist das Schicksal der schönen Lulu, die jeden, der sie liebt, ins Verderben stürzt, am Ende auch sich selbst. Und es ist das Schicksal jeder Sopranistin, die dieser Rolle aus dem Geiste Frank Wedekinds mit den Tönen Alban Bergs Körper und Stimme leiht. Denn in den knapp drei Netto-Stunden, die „Lulu“ in der von Friedrich Cerha vollendeten dreiaktigen Fassung dauert, ist die Protagonisten im Grunde fortwährend auf der Bühne. Meist singt sie auch.

Stummfilm-Ästhetik, üppige Kostüme und ein klar erzählte Geschichte – so siehr sie aus, die Leipziger Lulu.

In Leipzig tut dies als Rollendebüt die texanische Sopranistin Rebecca Nelsen – und erweist sich schnell als perfekte Besetzung für diese vokale, intellektuelle und emotionale Zumutung. Berg lässt sie vom Flüstern über Sprechen, Deklamieren, das große Wagner-Pathos, die veristische Geste bis zur letzten Blüte belkantistischen Ziergesangs noch einmal den ganzen Kosmos dessen vermessen, wozu die menschliche Stimme im Stande ist. Das Ergebnis ist so mörderisch wie die Figur. Und nicht wenige Sängerinnen haben für das Scheitern an dieser Partie schon mit ihrer Stimme bezahlt. Die Nelsen aber klingt am Ende des dritten Aktes, kurz bevor Jack the Ripper dem Leben der tief Gefallenen ein grausiges Ende setzt, noch so glanz- und kraftvoll, so strahlend und präzise wie im ersten Bild.

Sie ist ein komplexer Charakter, diese Lulu. Aber Wedekind unternimmt in seinen Dramen „Erdgeist“ und „Die Büchse der Pandora“ gar nicht erst den Versuch, sich hineinzuversetzen in diesen Kopf, diese Seele. Er beschreibt Aufstieg und Fall vergleichsweise distanziert. Berg hält es nicht anders. Das ist der entscheidende Unterschied zu den beiden anderen großen gefallenen Mädchen der Opern-Literatur: Verdi und Puccini liebten Violetta und Mimí, folgten ihnen mit größter Empathie bis ans Grab, Klänge als Vehikel für all das nutzend, was an Unsagbarem in diesen Seelen sich verbarg.

Verdammt nah am Ideal

Bei Berg dagegen umschließt die Musik die Seele wie ein Kokon. Das Orchester, auch die vielen anderen Partien jedenfalls helfen nicht beim Blick ins Innerste dieses Charakters, für den ist die Titelheldin ganz auf sich allein gestellt. Und wie Nelsen ohne hysterische Schärfe die unfassbar vielen, unfassbar schwer zu lernenden Töne durchlässig macht für Verletztheit, Schmerz, Hoffnung, die Angst, das Triumphgefühl einer jungen Frau, die zerbricht an der Macht, die ihre Schönheit ihr über andere verliehen hat, das ist schon verdammt nah am Ideal. Zumal Nelsen auch als Schauspielerin exzellent ist, keine Posen ausstellt, keine stummfilmhafte Überzeichnung, sondern menschlich bleibt, natürlich selbst in Extrem-Situationen.

Allerdings bleiben trotz vorbildlicher Artikulation Teile des Textes auf der Strecke. Was vor allem an der Arbeit des dirigierenden Intendanten im Graben liegt. Denn Ulf Schirmer und das Gewandhausorchester haben vom ersten Augenblick an mächtig Druck auf dem Kessel, der sich bisweilen in einer Lautstärke entlädt, die den Sängern ihre Schwerstarbeit nicht erleichtert. Man könnte das als unbeherrscht abtun, als undiszipliniert und Ärgernis – würde dabei aber verkennen, was da orchestral geschieht.

Schirmer ist ein zu disziplinierter und beherrschter Kapellmeister, als dass ihm derlei einfach unterliefe. Vielmehr nimmt er die Lautstärke in Kauf, bei seinem Versuch, diese Oper sinfonisch abzubinden. Das ist kühn, weil eine solche Ästhetik auf der Basis des Gewandhaus-Eigenklangs Bergs letzte Oper wieder einscheren lässt in den großen Traditionsstrang des Musiktheaters. Hier zieht kein Analytiker mit dem Silberstift die Konturen einer kunstvollen Kopfgeburt nach. Hier lässt ein Vollblutmusiker musizieren und fördert Schönheit, Intensität, Sinnlichkeit zutage, wie sie nicht nur Skeptiker kaum vermuteten in einer Zwölfton-Oper. Und weil dabei das Detail, die Linie, das Filigran ihrer Kombination, die Farbe, die stilisierten Tanz-Sätze dennoch nicht auf der Strecke bleiben, ist es am Ende ein Segen für „Lulu“, dass Schirmer, der Analytiker, es Schirmer, dem Bauchmusiker, überlässt, Wissen in Töne zu übersetzen. In Töne, die jedem, der sich auf sie einlässt, auch gut 80 Jahre nach ihrer Entstehung eine neue Musik erschließen.

Wenn’s der musikalischen Wahrheitsfindung dient ...

Ja, mit dieser Üppigkeit aus dem Graben tun sich die übrigen Sänger auf der Bühne noch ein wenig schwerer als Nelsen. Weil der sensationelle Simon Neal als Dr. Schön und Jack the Ripper, die großartige Kathrin Göring als Gräfin Geschwitz, der fabelhafte Yves Saelens als Alwa, der famose Martin Blasius als Schigolch, der erstklassige Patrick Vogel als Maler, Randall Jakobsh als Athlet, Alvaro Zambrano als Prinz und all die vielen anderen in dieser so personenreichen Oper mehr Kraft einsetzen müssen, als dem Text guttut. Doch wenn’s der musikalischen Wahrheitsfindung dient ...

Und dann ist da ja auch noch Lotte de Beer, die als Regisseurin Sorge trägt, dass keiner den Faden verliere in diesem komplexen bis verworrenen bis kolportagehaften Sittenbild. Sie erzählt die Geschichte, die Berg auf den Spuren Wedekinds erzählen wollte, referiert sie nicht wie die Ergebnisse eines soziopathologischen Versuchsaufbaus, sondern erklärt gleich zu Anfang in freudianischer Klar- und Knappheit, warum Lulu ist, wie sie ist, und warum ihr Verhältnis zu Dr. Schön ist, wie es ist: Als Kind wurde sie von ihm aufgegabelt, aufgenommen, ausgehalten – und immer wieder sexuell missbraucht.

Das zeigt de Beer in aller Drastik, aber ohne Voyeurismus während des Prologs in einem Stummfilm, dem es in wenigen Minuten gelingt, das Publikum diese Frau in den kommenden drei Stunden nicht mit Abscheu betrachten zu lassen, sondern mit Mitgefühl. Und wenn ganz am Ende der Film dieses verlorenen Lebens rückwärts läuft, um wieder bei den großen, fragenden, staunenden, traurigen Augen Lena Finkes zu landen, die die junge Lulu spielt, schließt sich der Kreis einer großen Regiearbeit.

Sollte man gesehen und gehört haben

In der spielt der Stummfilm eine wichtige Rolle. Die vom viel beschäftigten Kombinat fettFilm beigesteuerten Bewegtbilder zurren die von Alex Brok mit schwebenden Wänden als Projektionsflächen schlicht bis karg gehaltene Szene gemeinsam mit den üppigen Kostümen Jorine van Beeks an der Entstehungszeit fest. Sie füllen Handlungslöcher, ermöglichen Assoziationen und Erkenntnis – können allerdings das Problem der Verständlichkeit auch nicht lösen, weil die Stummfilm-Ästhetik die Beschränkung auf wenige Text-Tafeln gebietet. Der Verlust des literatischen Details ist indes verschmerzbar. Weil in dieser Leipziger „Lulu“ alles zusammenfließt zu einem Gesamtkunstwerk, das eindrucksvoll zeigt, dass Musikdramen auch nach Wagner noch möglich waren – und ganz anders. Die Botschaft kommt an im gut besuchten Haus. Der Jubel fällt für alle Beteiligten erheblich aus und ungetrübt. Ein großer Wurf, diese „Lulu“. Sollte man gesehen und gehört haben. Zwei Chancen gibt es noch.

Vorstellungen: 24. Juni, 1. Juli; Karten (15–78 Euro) unter anderem in allen LVZ-Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050 und auf www.lvz-ticket.de, unter Telefon 0341 1261261 oder an der Opernkasse.

Von Peter Korfmacher

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