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Kultur Mit „Adams Äpfel“ serviert Schauspieldirektor Carsten Knödler das Stück zur Chemnitzer Lage
Nachrichten Kultur Mit „Adams Äpfel“ serviert Schauspieldirektor Carsten Knödler das Stück zur Chemnitzer Lage
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13:28 09.05.2019
Verbissener Zweikampf um Gott als Ideologie: Neonazi Adam (Marius Marx) und Pfarrer Ivan (Christian Ruth). Quelle: Foto: Dieter Wuschanski
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Chemnitz

Der eine glaubt an Gott, der andere an den Führer – beide sollte man nie unterschätzen. Der Film „Adams Äpfel“ des Dänen Anders Thomas Jensen, der sich zur Regie das Drehbuch selbst schrieb, eroberte 2005 als rabenschwarze Groteske vor allem Publikumspreise, die deutsche Bühnenversion in Übersetzung von Beate Klöckner schuf K. D. Schmidt nach dem gleichnamigen Film anno 2008 für die deutsche Erstaufführung in Oldenburg. Nun sind „Adams Äpfel“ auch am Chemnitzer Schauspiel zu erleben.

Dogmatischer Optimismus

Wie im Film ist Ivan dabei ein Dorfpfarrer, der Schicksalsschläge hiobsartig wegsteckt und dennoch mit dogmatischem Optimismus versucht, diverse Straftäter zu resozialisieren, gleichzeitig aber an einem Hirntumor im Endstadium leidet. So beherbergt er den kleptomanischen Alki Gunnar und den arabischen Tankstellenräuber Khalid. Nun kommt ein humorfreier Neonaziführer, der angesichts des Kirchenasyls und seines Paradiesgartens seine Aufgabe darin sieht, einen Apfelkuchen zu backen, aber dabei die Kraft der Natur mit ihren Krähen, Maden und Blitzen fast unterschätzt ...

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Granitköpfiger Adam

Marius Marx spielt den granitköpfigen Adam, von dem man nicht erfährt, was er auf den Kerbholz hat, der aber in jeder Szene mit körperlicher Präsenz klarmacht, wer hier der härteste Kämpfer in der durchaus mit abgezockten Knallchargen besetzten Männer-WG ist. Doch den härtesten Schädel hat doch Ivan, den Christian Ruth wunderbar spielt – durchaus in Kontrast zu Mads Mikkelsens Filmrolle.

Zweikampf um die Führung

Schauspieldirektor Carsten Knödler schärft in seiner Chemnitzer Version gegenüber dem Original noch einmal die Konturen und inszeniert das Geschehen als Zweikampf um die Führung auf „dem rechten Weg“, wobei die beiden anderen schwarzen Schäfchen (Philipp von Schön-Angerer und Philipp Otto) das Treiben interessiert beobachten, allerdings ohne ernsthaft zu intervenieren, als die Sache zu Ungunsten ihres Herbergsvaters zu kippen droht. Die Geschichte mündet in ein Wunder: Der sich beim Neonaziüberfall opfernde Märtyrer überlebt, der Schuss bläst ihm, eine Woche vor dem Exit, den faustgroßen Hirntumor aus dem Schädel.

Realismus und Bibel

Auch Andreas Manz-Kozár, der als zynisch-abgeklärter Arzt mit bitterem Witz für die meisten Lacher des Abends sorgt und immer wieder per eingeschobenem Krankenbett die Szenenwechsel in die Verletztensphäre symbolisiert, passt in das neuzeitliche Dorfkirchenfresko, das von Ausstatterin Teresa Monfared als bizarre Mischform von kargem Realismus und biblischer Surrealebene und Apfelbaumhimmel gestaltet wurde. Er, der empathiefreie, aber durchaus fortschrittsversessene Empiriker, verlässt den mystischen Ort. Dann machen sie weiter, nun gemeinsam: Denn der nächste Neonazi wartet bereits auf diese besondere Art der resozialisierenden Bekehrung.

Weitsichtig in den Spielplan gehoben

Das Vorhaben, bereits vorm vergangenen Herbst weitsichtig in den Spielplan gehoben, gelingt: Es ist nicht nur das passende Stück zur Chemnitzer Lage, die ja in der moralischen Aufladung die fatale der Republik widerspiegelt, sondern wird dank des hohen Abstraktionsgrades und der zeitlichen Belastbarkeit von Ästhetik und Dialogen nicht nur die kommenden Wahlergebnisse und die Entscheidung zur Kulturhauptstadt überleben.

Denn selten waren Witz und Dramatik so nah beieinander. Und auch die Pointe, dass nur ein Hauch von echter Verantwortung solche gestrauchelten Gestalten retten kann, meißelt sich in offene Zuschauerhirne – nicht nur in rabenschwarze, sondern auch in rosarot sozialisierte.

Chemnitzer Theaterpreis

Bereits einen Tag vor dieser ambivalenten Ode an praktische Handlungstoleranz in sozialen Systemen feierte die sechste Edition des Chemnitzer Theaterpreises für junge Dramatik per Uraufführung ihren Abschluss: Natalie Baudy, Bayrin des Jahrgangs 1990, gewann einstimmig unter 66 Einsendungen. Ihr Stück „Rauschen“ trägt den seltsamen Untertitel „Wenn du nicht existierst, geh mir bitte aus dem Licht. Danke!“ und wurde vom US-Amerikaner Brian Bell für den Ostflügel inszeniert.

Bereits gestern konnte der geneigte Zuschauer entscheiden, welches der beiden neuen Werke er im Chemnitzer Schauspielhaus genießen will, weil beide parallel liefen.

Welche Zukunft?

Ab morgen wartet dort dann mit „Nonstop Europa 2019“ der nächste Höhepunkt. Das internationale Theaterfestival hat zwei Teile: Bevor sich bei „Junges Europa – Treffen internationaler Schauspielstudierender“ vom 16. bis 18. Mai sieben Aufführungen aus fünf Ländern (darunter Kroatien und Rumänien und zwei Heimspiele des hauseigenen Schauspielstudios) versammeln, gibt es bereits an diesem Wochenende drei bemerkenswerte Gastspiele: Nach „JUM’AH – Eine arabische Nacht“ vom Lubuski Teatr Zielona Góra kommt am Samstag mit „Flammende Köpfe“ noch eine „Lecture Performance über rechten Online-Aktivismus“ von und mit Arne Vogelsang vom Theater Dortmund. Am Sonntag reist dann Andres Veiel („Black Box BRD“, „Die Spielwütigen“ und „Der Kick“) mit Jutta Doberstein und einer spannenden Produktion vom Deutschen Theater Berlin an: In „Let them eat money. Welche Zukunft!?“ geht es ins Jahr 2028, wo ein Untersuchungsausschuss rückwirkend die größte Eurokrise nach dem Austritt Italiens 2023 verhandelt. Veiels neues Format läuft seit 2017 und beruht auf Konfrontation mit widersprüchlichen Entwürfen von Zukunft, von Bürgern wie Experten abseits von Legislaturperioden oder Partei-Interessen durchaus utopisch diskutiert – auch in Chemnitz mit Publikums- und Expertengespräch zur Entwicklung.

Vorstellungen: 18. und 24. Mai, 1. Juni; www.theater-chemnitz.de

Von Andreas Herrmann

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