Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Mit „Lohengrin“ begannen die 107. Richard-Wagner-Festspiele
Nachrichten Kultur Mit „Lohengrin“ begannen die 107. Richard-Wagner-Festspiele
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:56 26.07.2018
Mächtig was los an der Trafostation: Im Inneren des Turms bereiten sich Elsa von Brabant und der Gralsritter Lohengrin auf die Hochzeitsnacht vor. Quelle: dpa
Bayreuth,

Spätestens mit Beginn des zweiten Aufzugs ist klar, wer das Sagen hat in der „Lohengrin“-Inszenierung, mit der am Mittwoch die 107. Bayreuther Festspiele begannen. Wir schauen in einen Himmel voller dramatischer Wolken, sehen das Meer, Schilf, Sträucher, Heuhaufen. Untermalt von Wagners düsterem fis-moll-Raunen ist schon dies von ungeheurer Kraft. Und dann, unmerkbar fast, gerät es in Bewegung – auch jenseits der Fliege, die sich in den Projektor verirrt hat. Unten wandert Heu, vielleicht sind es Wolken. Dann erhebt sich ein Kopf: Telramund, vor der Pause hat er im Gottesurteils-Luftkampf gegen den titelgebenden Schwanenritter verloren, weist seine Ortrud an: „Erhebe Dich, Genossin meiner Schmach“. Dass die längst steht, ist einer von vielen handwerklichen Fehlern der Regie. Aber es stört nicht. Denn wie die beiden sich da unter gegenseitigen Vorhaltungen umschleichen in einem Gemälde aus dem Niemandsland zwischen Watteau und Friedrich, das brennt sich augenblicklich tief in die Netzhaut.

Die Anordnung ist höchst komplex: Ein Gaze-Vorhang nimmt der Szene die Tiefe, der Bewegungszauber sowie Reinhard Traubs magisches Licht führen eine neue schwebende Dimension ein. Und wenn Elsa das Fenster ihrer hell erleuchteten Kemenate öffnet, ist die Illusion perfekt: Ein singendes Bild. Ein singender Neo Rauch, um genau zu sein. Denn der Leipziger Maler und seine Frau Rosa Loy haben Bühne und Kostüme dieses „Lohengrin“ gestaltet.

Keine Angst vor Elektro-Smog

Das ist in Teilen großartig. Im ersten Aufzug nehmen ein Umspannturm, allerlei elektrische Installationen, der Himmel, die Zypressen, das Gesträuch, die Andeutungen, die Chiffren und Symbole sofort gefangen. Im zweiten Bild des zweiten schon weniger. Da sehen wir von hinten ins Zentrum der elektrischen Macht hinein, der angejahrte Energieversorger-Pomp entlarvt sich als potemkinsches Dorf. Im rötlich wie die Sünde illuminierten Brautgemach des dritten Aufzuges schließlich beweist ein riesiger Isolator vor allem eines: Angst vor Elektro-Smog hatten sie nicht im Antwerpen der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts.

Die Kostüme (Rosa Loy kleidete die Damen ein, Neo Rauch die Herren) sehen aus, als entstammten sie unterschiedlichen Märchen in unterschiedlichen Aggregatzuständen. Ortrud etwa ähnelt der bösen Fee in Disney’s Dornröschen, viele im Chor sehen aus wie Schlümpfe, die sich in einen fremden Kleiderschrank verirrt haben, König Heinrich wie einer dieser würdevollen Spitzbartträger, wie sie Neo Rauchs Bildwelten bevölkern. Und die Würdenträger tragen Flügel. Nur zwei machen eine nennenswerte Veränderung durch: Lohengrin elektrisiert sich als Wiedergänger Heinz Rühmanns als einer von den Dreien von der Tankstelle herbei, also ziemlich normal. Und so zieht er am Ende auch wieder von dannen, nachdem zwischenzeitlich auch er Teil dieses merkwürdigen Flügel-Völkchens war. Elsa schließlich wird von der etwas unbeholfenen geflügelten Prinzessin zur modernen Frau.

Elsa in der Ehehölle

Das könnte so etwas wie ein Regie-Ansatz sein. Und tatsächlich gibt Yuval Sharon im dritten Aufzug Hinweise darauf, dass es ihm um Emanzipation gehen könnte. Da entwickelt sich der Titelheld im Brautgemach, nachdem die frisch Vermählten sich auf der Bettkante gegenseitig aus dem Katechismus vorgelesen haben, alsbald zum Gewaltmenschen mit Vorliebe für Fesselspielchen. Und fast scheint es, als stelle Elsa bewusst die verbotene Frage nach Nam’ und Art ihres Gatten, um dieser Ehehölle möglichst schnell wieder zu entkommen.

Ansonsten lässt er seine Darsteller die Bilder nur füllen, kaum je beleben. Er ringt ihnen Posen und Gesten ab, die wir von Rauch-Bildern kennen und richtet sie ansonsten so aus, dass sie unbehelligt den Dirigenten ansingen können. Eine durchaus brisante Kernthese, die Rauchs und Loys Konzept aufdrängt, verfolgt er nicht weiter: Es ist die wieder ziemlich populäre Idee, alles könne gut werden, wenn von irgendwo ein Fremder kommt, ein starker Mann, ein Führer, der die Gesellschaft mit neuer Energie auflädt – und wenn er wieder geht, liegt alles am Boden.

Aber die 107. Bayreuther Festspiele beginnen vollständig unpolitisch, als sozusagen Neo-romantisches Märchen. Und obschon in den Pausen hier und da aus den Gesprächen nostalgisch die Sehnsucht nach der Rattengesellschaft des Hans Neuenfels herausseufzt, sind die weitaus meisten der knapp 2000 im Saal sehr zufrieden mit dieser Opernästhetik, die sich Rauchs Surrealismen als Moderne-Feigenblatt vor die theatermuseale Scham hält. Auch und vor allem, weil hier keinerlei Aufregung von der erregenden Musik ablenkt.

Wagner-Zauber unendlicher

Die allerdings ist diesmal wirklich so, wie man es in Bayreuth erwartet. Das liegt zunächst einmal an Christian Thielemann, der in seiner zehnten und damit letzten Bayreuth-Oper erneut beweist, dass ihm in diesem Fach niemand etwas vorschlägt. Vom körperlos in höchsten Lagen oszillierenden A-Dur des Anfangs bis zum letzten trockenen Schlag, der in der gleichen Tonart beweist, dass sich nicht viel verändert hat, ziseliert er einen Wagner-Zauber unendlicher Wonnen. Feingliedrig klingt das Orchester aus dem Graben und dennoch kraftvoll, detailversessen und doch fließend. Unerhörtes schürft er aus dieser so bekannten Partitur an die Oberfläche, ohne das derlei etwas Gesuchtes hätte. Zartes geht unter die Haut, und dem etwas hohlen Fanfaren-Pathos nimmt Thielemann das Gewollte. Während also Rauch und Loy den Raum zum Bild machen, wird zum Raum hier der Klang. Ein Raum, in dem sich exzellente Sänger bewegen. Die haben, auch im Chor, im ersten Aufzug noch Findungs-Schwierigkeiten. Aber alsbald rastet der Gesang auf dem Niveau ein, das auch auf dem Grünen Hügel öfter behauptet als erreicht wird.

Allen voran ist da Piotr Beczala. Vor drei Wochen erst kam er ins Team. Aber was er aus der enormen Partie herausholt, hat nichts von Ersatz, sondern setzt Maßstäbe. Beczala entwickelt die Titelpartie von der lyrischen Seite aus, leiht keinem kraftmeiernden Erlöser seine traumschöne Stimme und vorbildliche Artikulation, sondern einem Suchenden. Folglich ist er am besten im Brautgemach und bei der an der Grenze zur Stille beginnenden atemberaubenden Gralserzählung – die Shalon ihn zunächst im Liegen vortragen lässt.

Anders, aber verdammt gut

Anja Harteros nähert sich Elsa von der anderen, der dramatischen Seite. Da steht kein naives Dummchen auf der Bühne, sondern eine Frau, die schon ziemlich viel erlebt hat. Dazu passen die eisgrauen Haare, die Loy ihr verpasste, und die kraftvollen Töne, mit denen sie sich auflehnt. Dass sie es bisweilen mit der Gestaltungswut übertreibt und zu viele Farben unter einen Bogen zu zwingen versucht – geschenkt. Sie ist anders, diese Elsa. Aber sie ist verdammt gut. Das ist auch Waltraud Meier bei ihrer Rückkehr auf den Grünen Hügel nach 18 Jahren. Ihre Ortrud ist nicht Hexe, sondern Manipulatorin. Geschmeidig und im Vorübergehen injiziert sie ihr Gift, subtil in ihrer Bosheit, erotisch in ihrer Machtgier. Ja, am Ende geraten Spitzentöne außer Kontrolle. Aber so singt halt, wer sich unvermittelt auf dem Scheiterhaufen wiederfindet.

Eigentlich ist Ortrud die Böse in diesem Märchen. Doch im neuen Bayreuther „Lohengrin“ singt Tomasz Konieczny Telramund, den Verführten, als sei er es. Mit allen Farben des Schurken-Regenbogens. Das hat zwar nicht viel zu tun mit dem Charakter, den Wagner in Tönen malte, ist aber sehr beeindruckend in seiner virilen Schwärze. Eindrucksvoll sind schließlich auch die Rollenporträts, die der großartige Georg Zeppenfeld als König Heinrich und Egils Silins als Heerrufer zeigen. Die Edlen sowie Eberhard Friedrichs durchschlagender Chor lassen ebenfalls nichts anbrennen.

Diese musikalische Qualität, kombiniert mit Neo Rauchs prachtvoller Bühne und einer Regie, die nicht wehtut, sorgen im glühend heißen Festspielhaus für Jubel, ungetrübt und lautstark wie schon lange nicht mehr. Beinahe ekstatisch fällt er aus für Beczala und Meier. Vielleicht war es nötig, mal wieder einen Wagner als postmodernes Märchen zu erzählen. Das nimmt Druck aus dem Kessel. Schade nur, dass dieser Gegenentwurf zum wuchernden Regietheater das Theater gleich mit entsorgt.

www.bayeuther-festspiele.de

Von Peter Korfmacher

Mit „Lohengrin“ beginnen am 25. Juli 2018 die 107. Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth. Einen wirklichen Skandal gab es auch diesmal nicht im Vorfeld des wichtigsten Deutschen Opern-Festivals. Aber Gründe genug, sich auf den Grünen Hügel zu freuen und sich noch um Karten zu bemühen. Groß sind die Chancen nicht – aber unmöglich ist es auch nicht.

24.07.2018
Kultur Montag große Party im in der naTo Leipzig - Kneiperin Katrin Geißler nimmt Abschied

22 Jahre lang arbeitete Katriin Geißler in der naTo-Kneipe. Nun verlässt die 45-jährige Leipzigerin ihre Heimatstadt, um in Berlin neu durchzustarten. Am Montag aber wird noch einmal kräftig gefeiert – und im LVZ-Porträt auf einprägsame Erlebnisse zurückgeblickt.

25.07.2018
Kultur Wie Clubs mit der Ferienzeit umgehen - Leipziger Kultur versus Sommerloch

Das Sommerloch in der Leipziger hat unterschiedliche Tiefen. Während beispielsweise die Distillery durchaus am Wochenende lieber Nieselregen hätte, um einen vollen Dancefloor zu bekommen, setzen andere ihr Programm an die Luft – die Moritzbastei zum Beispiel.

19.07.2018