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Kultur Mittelmäßige „Ausweglosigkeiten“ in der Moritzbastei
Nachrichten Kultur Mittelmäßige „Ausweglosigkeiten“ in der Moritzbastei
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21:27 24.04.2019
Potpourri aus (Trans-)Gender, MeToo, Emergiewende und Kindheitstrauma: „Ausweglosigkeiten“ in der Moritzbastei. Quelle: Foto: Dirk Knofe
Leipzig

Auf dem Plakat prangt ein schönes Zitat Walter Benjamins. Es sind die Anfangssätze aus „Berliner Kindheit um 1900“: „Sich in einer Stadt nicht zurechtfinden, heißt nicht viel. In einer Stadt sich aber zu verirren, wie man in einem Walde sich verirrt, braucht Schulung.“ Verirrten kann man auch in „Ausweglosigkeiten“ begegnen. Am Dienstag hatte das Theaterstück von Julia Salome Nauer und Patricia Hoffmann (jeweils Text und Regie) Premiere in der Ratstonne der Moritzbastei.

Schule der Verirrungen

Allzu viele Zuschauer hatten sich nicht dorthin verirrt, zwei Hände reichten aus zum Durchzählen. Das ist immer etwas hart für Schauspieler, und allein deshalb schon wünschte man sich, dass das Stück halten würde, was das Zitat auf dem Plakat verspricht. Ein Spiel über die Suche oder gar Sehnsucht, nach der Desorientierung in einer durchstrukturierten, normierten Welt. Eine Schule der Verirrungen, die vielleicht zu Erkenntnissen führt, die man auf den bekannten Wegen nicht findet. Kurz: Man hoffte gerade auch im Namen der Darsteller und Walter Benjamins auf einen unterhaltsamen Theaterabend.

Urbanes Strandgut in der Bar

„Bertas Bar“ heißt die Kaschemme, in der ein illustrer Haufen urbanen Strandgutes angespült wird. Verirrte und Verwirrte wie jener Germanist, den die Genderdebatte zur Germanistin gemacht hat. Oder besser: zum Gender-Gap, zur Geschlechter-Lücke im Frauenfummel. Ein Gender-Sternchen in dunkler Nacht, das auch bald dem versoffenen amerikanischen Geschäftsmann verführerisch leuchtet. Nichts, was den gefährlich elektrizitätsbesessenen Hobby-Wissenschaftler umtreibt, der hier ebenfalls sein kühles Bier hinter die rußverschmierte und kurzschlusserfahrene Binde kippt. Er blickt seinerseits bald elektrisiert auf diese attraktive Androidin, die die Suche nach einer Steckdose zwecks Aufladens ihrer inneren Energiewerte in „Bertas Bar“ führte, wo auch noch der im Hexenhaus-Kindheitstrauma gefangene Hänsel ein Dauer-Clinch-Selbstgespräch mit Schwester Gretel führt und ein schweigsamer Musiker aus seiner Ecke heraus das Geschehen mit Sounds untermalt.

Es fehlt an der Übung

Im Grunde eine Truppe, wie man sie ab einer bestimmten Uhrzeit in jeder Großstadt-Bar treffen kann. Androidin hin, Hänsel her – was Realität und Traum, was Wahrheit und Märchen ist, ist nach einem bestimmten Level Alkohol im Blut eh zweitrangig und generell ja auch zweischneidig. Oder anders gesagt: Ein Wald zum Verirren.

Nur fehlt es Nauer und Hoffmann genau dafür an der Übung. Leider, muss man sagen. Die Grundkonstellation der Geschichte hat ihr Potenzial, das Darsteller-Ensemble (inklusive Nauer als Androidin) agiert auf einem homogenen Qualitäts-Level. Und mit nur knapp über einer Stunde Spielzeit führt „Ausweglosigkeiten“ auch nicht in die Endlos-Sackgassen der Langeweile. Doch auch die überschaubare Länge bewahrt nicht vor jener grundlegenden Gleichgültigkeit den Personen und der Handlung gegenüber, die sich immer einstellt, wenn die innere Spannung eines Textes nicht spürbar wird und Atmosphäre ausbleibt.

Kein Verlieren im Fabulieren

Letzteres nun hat auch damit zu tun, dass man in der Ratstonne die stimmungserzeugende Theatermaschine nur auf Sparflamme zur Verfügung hat. Ein bisschen Licht und das Dauerbrummen der Kühlanlage hinterm Tresen – leichter macht’s das nicht. Doch das eigentliche Manko liegt anderswo: Nauer/Hoffmann wagen es nicht, den ausgeschilderten Weg zu verlassen. Vielleicht mal ein, zwei Schritte ins Dickicht, aber dann geht’s flugs zurück. Kein Kobolz im Unterholz, kein geübtes Verlieren im Fabulieren.

Ausweglosigkeiten“ beschreitet einen gut ausgeschilderten, prosaischen Erzählweg, gepflastert mit ein paar der gerade üblichen Aktualismen. Die surrealen und märchenhaften Elemente des Stücks bleiben bloße Ornamente an der dramaturgischen Norm. Man findet sich gut zurecht. Was das heißt, kann man bei Walter Benjamin lesen.

Weitere Vorstellungen Donnerstag bis Samstag, jeweils 20.30 Uhr, in der MB; Karten unter www.moritzbastei.de.

Von Steffen Georgi

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