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Kultur Moderner Umgang mit einem Klassiker von Mark Twain
Nachrichten Kultur Moderner Umgang mit einem Klassiker von Mark Twain
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17:48 18.08.2019
Fliegende Rollenwechsel: Alexander Fabisch (l.) mit Anuschka Jokisch als Huckleberry Finn auf der Feinkost. Quelle: Foto: André Kempner
Leipzig

Huckleberry Finn (Anuschka Jokisch) wirft seine Angel aus. Und er hat Glück, tatsächlich zappelt was am Haken: ein Kind im Publikum, das als Fisch herhalten muss. Die Plätze in der ersten Reihe haben es in sich bei der Premiere von „Huckleberry Jims Abenteuer auf dem Mississippi“ am Freitagabend auf der Feinkost.

Publikum einbezogen

Ein junger Mann wird später kurz den Part des grunzenden, verwilderten Schweins übernehmen müssen, und die Bierflasche in der Hand des Familienvaters mutiert unversehens zum Requisit. In der familiären Atmosphäre der Open-Air-Theater-Reihe auf dem Hof der Feinkost, laut eigener Beschreibung „Leipzigs reichhaltigstes Sommertheater-Festival“, ist die Distanz zwischen Publikum und Darstellenden gering und der Unterhaltungsfaktor hoch.

Neuer Umgang mit dem Original

Die Adaption des Klassikers von Mark Twain (Regie: Armin Zarbock) ergänzt den umfangreichen Spielplan um eine weitere Inszenierung, die sich die angekündigte Familienfreundlichkeit zu Recht auf die Fahnen schreibt. Dass es sich hier nicht nur, sondern auch um ein für Kinder geeignetes Stück handelt – dafür sorgt die Art des Umgangs mit dem Original.

Seltsame Realität

Wie schon die Variation des Titels verrät, ist dieser recht frei. Die Geschichte spielt in der Mitte des 19. Jahrhunderts in den Südstaaten, wo Sklaverei und Rassismus etwas völlig Normales sind. Huckleberry Finn muss erst mal begreifen, dass Sklaven keine Rechte haben. Für seinen gesunden Menschenverstand ist das eine völlig absurde Vorstellung – und doch die Realität, in der er lebt. Er selbst hat mit einem versoffenen Alten voller Minderwertigkeitskomplexe zu kämpfen, dem nichts anderes als Prügel einfällt, wenn er seinen Sohn sieht: „Treib dich nicht mehr in der Schule rum, du Klugscheißer.“

Schneller Rollenwechsel

Großen Spaß macht es zu sehen, mit welcher Spielfreude Alexander Fabisch durch die Rollen wechselt und nicht nur dem Aggro-Vater, sondern auch Jim, Miss Judith und Buck Charakter und lässige Tiefe verleiht. Die Songs der beiden Darsteller, die sich selbst mit Banjo, Querflöte und Gitarre begleiten, fügen sich dabei entspannt in die Vielfalt der Szenen und Situationen ein.

Flucht und Freundschaft

Dramaturgisch nimmt das Stück an Fahrt auf, als Huck aus Angst vor dem Gürtel des Vaters die Flucht ergreift und auf einer Insel im Mississippi landet. Dort begegnet er Jim, einem Sklaven, der sich ebenfalls versteckt hält – geflohen vor seiner Besitzerin, die ihn aus Profitgier verkaufen will. Es folgen ein gemeinsamer Road- beziehungsweise Fluss-Trip und eine intensive Freundschaft.

Verwirrende Identitäten

Die lässig, aber stringent eingezogene Metaebene thematisiert dabei die Frage nach den Unterschieden zwischen den beiden. Ob es diese überhaupt gibt, und wenn ja, welche Rolle sie dann spielen: „Ist doch egal, was ich für ’ne Hautfarbe habe – wichtig ist nur, was ich fühle. Wir sind ganz große Fühler!“ „Und Fühlerinnen!“ Die Verwirrung bezüglich der Identitäten ist nämlich ohnehin groß. Denn Huck ist offensichtlich ein Mädchen (oder doch nicht?) – und der Sklave Jim ist weiß. Das führt neben der Einsicht, wie egal das eigentlich alles ist, auch zur Frage, inwieweit man der ursprünglichen Textvorlage verpflichtet ist: „Willst du schlauer sein als ein Buch?“ Ja, natürlich – zumal, wenn es wie Twains Roman aus dem 19. Jahrhundert stammt und im Original vom Sklaven Jim durchgängig als „Nigger“ spricht. Die Antwort geht nicht über die Problematisierung hinaus („Am besten wurschteln wir immer um das Wort herum, dann können wir nichts falsch machen“), da hätte man sich gerade bei einer Inszenierung aus rein weißer Perspektive den Spaß beiseite und eine klare Position gewünscht.

Ironischer Umgang

Allein die Ironie im Umgang mit dem Thema macht deutlich, dass es eigentlich gar keine Frage sein sollte, ob man das N-Wort verwendet. Nur ist es außerhalb bestimmter Blasen eben leider kein Konsens, das nicht zu tun. Jim und Huck allerdings wissen am Ende nach überstandenem Schiffbruch und geglückter Flucht: „Wir wissen, dass es richtig ist, was wir fühlen.“

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Weitere Vorstellungen täglich bis zum 29. August, jeweils 19 Uhr auf dem überdachten Feinkost-Hof, Karl-Liebknecht-Straße 36, Infos auch zum Kartenkauf stehen auf www.feinkost-sommertheater.de.

Von Eva Finkenstein

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