Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Musiker und Fans feiern Peter „Cäsar“ Gläser
Nachrichten Kultur Musiker und Fans feiern Peter „Cäsar“ Gläser
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:34 08.01.2019
Starkes Duett: Falkenberg und Carolin Masur singen „Zwischen Liebe und Zorn“ im Anker. Quelle: Foto: Christian Modla
Leipzig

Das Jahr ist noch verdammt jung, und in den nächsten Monaten wird’s grandiose Konzerte geben. Trotzdem dürfte der 7. Januar im Anker für diejenigen, die ihn erlebten, schwer zu überbieten sein in Sachen Stimmung, Inhalt, Qualität. Mit „Semper fidelis 70/10“ war der Abend überschrieben, der Peter „Cäsar“ Gläser feierte. Zehn Jahre nach seinem Tod und exakt an seinem 70. Geburtstag hat Gläsers Witwe Simone Dake mit früheren Weggefährten und Geistesverwandten eine knapp dreistündige Show gestemmt, die viel über den Gefeierten aussagt und im Gedächtnis bleibt.

Fast unwirklicher Auftritt

Rappelvoll ist es am Montag im schönsten Club-Konzertsaal Leipzigs; Silberhaar-Publikum ist gekommen, und es hat etwas von einem Klassentreffen, auf dem sich alte Bekannte der schönsten Geschichten von damals vergewissern, ohne übertrieben in Nostalgie zu verfallen. Der Auftakt ist so beeindruckend wie unwirklich. Nachdem er zum Intro als Bild über dem Stuckbogen gehangen hat, steht der Verstorbene auf der Bühne, umgeben von den Lebenden und singt sein „Liebeslied“. Möglich macht das eine mannshohe Videofläche, auf die ein Konzertmitschnitt gebeamt wird. Ein Spiel mit Zeit, Wahrnehmung und Realität, das ersten Jubel weckt und suggeriert: Der Künstler lebt weiter, durch Archivierung in Film und Herz.

Eine illustre, hochkarätige Runde präsentiert sich im Folgenden als Nachlass-Bearbeiter – und das voller Spaß, Ehrfurcht und Dankbarkeit. Eric Fish (Subway To Sally) erzählt, dass in den intensiven Begegnungen mit Cäsar Smalltalk stets ausgeschlossen war; Kai Niemann war noch blutjung, als er mit dem langjährigen Mitglied von Renft und Karussell arbeitete. „Er ist ein Freund geworden“, erzählt er kurz vor seinem Auftritt. Und zwischen den eher dunklen Cäsar-Songs „Halleluja“, „Kain ist tot“ und „Deine Augen“ stellt er fest, dass der Gefeierte „eine coole Sau“ war.

An den Gräbern entstand eine Idee

Die Idee, Carolin Masur ins Line-up zu nehmen, entstand auf dem Südfriedhof: Vater Kurt Masur und Cäsar sind Nachbarn, an den Gräbern lernten sich Dake und Masurs Tochter kennen. Unter anderem wuchtet die Mezzosopranistin ein druckvolles „Zwischen Liebe und Zorn“ in den Saal – und entfaltet sich in grandiosem Rockgesang, gemeinsam mit Falkenberg (der zu Cäsars 80. bitte ohne Kaugummi-Knetschen auftritt). Im Kontrast zur Power entschleunigt später die Sanftheit von Nadine Maria Schmidt.

Das cäsarische Vermächtnis entfaltet seine Wirkung zwischen Rock’n’Roll, Folk, Blues und Polka – geklammert von der Poesie des Gitarristen und Komponisten. Mal andächtig, mal hymnisch singt die Menge mit. Robert Gläser, einer der zwei musikalisch aktiven Söhne Cäsars ballt die Rocker-Faust und stellt noch mal klar: „Das hier ist keine Trauerveranstaltung, sondern eine Geburtstagparty!“ Klar doch – und was für eine! „Sehr beglückt“ äußert sich Simone Dake in einer der mit Arno Köster geführten, angenehm dezenten Moderationen und streicht sich Tränen aus den Augenwinkeln.

Fantastische Künstler

Fantastisch, wie die verschiedenen Interpreten – jeder ohnehin eine Klasse für sich – in den Songs kollaborieren. Da pfeffert der Ruhrpott-Barde Stefan Stoppok mit Liedermacherin Cynthia Nickschas den Karussell-Hit „McDonald“ so locker-fröhlich, dass niemand die Füße still halten kann. Da packt Big Joe Stolle zusammen mit Moritz und Robert Gläser den ganz großen Blues aus, da bringt Peter Wassiljewski alle zum Tanzen. Dazwischen immer wieder Die Spieler, eine von Cäsars Bands.

Sind schon „Gänselieschen“ und „Gelber Mond“ Vorboten des großen Sentiments, gipfelt die Emotion in „Wer die Rose ehrt“ und dem Finale mit „Apfeltraum“. Was „Am Fenster“ für City, das ist dieser Song aus Cäsars Feder für Renft. Episch, gefühlig, ein bisschen mystisch.

Während die 850 Fans beseelt Richtung Ausgang strömen, spielt der Gefeierte zum Abschied von der Videowand das Sandmännchen-Lied. Gänsehaut. Ein wundervoller Abend.

Die DVD vom Renft-Konzert 1998 mit Cäsar ist erschienen, bestellbar über www.buschfunk.de für 16.95 Euro.

Von Mark Daniel

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Das neue, sehr unterhaltsame Programm „Provinzredaktion“ der Leipziger Pfeffermühle seziert das aktuelle Dilemma von Tageszeitungen und Journalismus. Das steht symbolisch für die Lage in der Gesellschaft – aber auch für die Nöte des Kabaretts.

03.01.2019

Das 13. Leipziger Neujahrssingen steigt am Samstag im Haus Leipzig – und ist wie immer längst ausverkauft. Kartenbesitzer können sich auf viele neue Kneipen freuen, deren Vertreter live vor einer Profiband auftreten. Zu den Debütanten gehört auch das Goldhopfen in der Kolonnadenstraße – ein Viertel mit besonderem Charme.

02.01.2019

Jedes Jahr ist er da, jedes Jahr fasziniert er sein Publikum, jedes Jahr ist der Saal ausverkauft: Indie-Held Phillip Boa tritt mit seinem Voodooclub an drei Abenden in Folge auf. Das Ohrenmerk galt zum Auftakt am Mittwoch aber auch der Rückkehr einer Leipziger Szene-Legende.

27.12.2018