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Kultur Neues Hitparaden-Konzept vom neuen Chef
Nachrichten Kultur Neues Hitparaden-Konzept vom neuen Chef
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09:24 19.11.2015
MuKo-Chefdirigent Stefan Klingele Quelle: peer
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Leipzig

„muko.hör.saal“ – das sieht schon als Schriftbild sehr, sehr modern aus, nach Internet irgendwie. Mehr jedenfalls als nach der nostalgischen Selbstgewissheit, die Leipzigs Musikalische Komödie so erfolgreich zum Markenzeichen erhoben hat. Dabei hat es entgegen dem Klischee in den letzten Jahren nicht an Versuchen gefehlt, auszubrechen aus dem Korsett der Gewohnheit. Schon die „Klangfarben“, mit denen der Chefdirigent Stefan Diederich Chor und Orchester des Hauses Dreilinden auf fremdes Terrain schickte, gehörten in dieses Abteilung. Da gab es mit einigem musikalischem Glanz Raritäten des Konzertrepertoires zu hören, der geistlichen Musik und des Musiktheaters. Allerdings meist unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit. Und weil in der Kunst ohne Publikum letztlich alles nichts ist, werden die „Klangfarben“ nicht als Erfolg in die MuKo-Annalen eingehen.

Was das anbelangt, ist die Neuauflage von Diederichs Nachfolger Stefan Klingele vom Start weg besser aufgestellt: Deutlich über 200 verkaufte Karten, das kann sich schon mal sehen lassen bei einem Experiment, bei dem das Publikum seinen Saal einmal ganz anders erleben soll. Denn die Musik kommt von oben: Auf der fürs Publikum noch immer gesperrten Empore verteilen sich weiträumig Chor und Orchester. Und der Auftakt, Aaron Coplands markerschütternde „Fanfare For the Common Man“ macht mit neckischen Blitzlicht-Echos durchaus Lust auf mehr. Denn die Akustik ist für derlei kompakte Bauchmusik perfekt. Von allen Seiten hämmern Blech und Schlagwerk auf die Rezeptoren des Publikums ein, und der emotionale Sog dieser wenigen Minuten kennt kein Erbarmen.

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Sie kommen noch häufiger vor, diese Momente tönender Überrumpelung: In Max Regers Bearbeitung des Volksliedes „Es waren zwei Königskinder“, fabelhaft sinnlich und präzise gesungen vom MuKo-Chor unter seinem Chef Matthias Drechsler. Oder in Samuel BarbersAgnus Dei“ nach seinem eigenen Streicher-Adagio. In Gabriel Faurés wundersanfter Pavane und, ja auch hier, in Smetanas breit strömender „Moldau“. Hier wird der Saal zum Hörsaal, erlaubt die raumakustische Versuchsanordnung überraschende Neuentdeckungen und neue Zugänge, verblüffende Einsichten.

Allerdings gibt es auch das Gegenteil. „Genusskonzerte“ nennt Klingele sein Konzept. Und er ist so stolz auf diese Namens-Erfindung, dass er sie patentieren lassen will, was er zu Beginn begeistert zu Protokoll gibt. Doch ein Genusskonzert sollte sich nicht dadurch auszeichnen, dass man das Orchester wenigstens nicht sehen muss, derweil es sich beim Kopfsatz von Bachs drittem Brandenburgischem Konzert oder dem aus Mozarts A-Dur-Sinfonie KV 201 um den Erwerb des Freischwimmer-Abzeichens bemüht. Daraus ist den Musikerinnen und Musikern um Konzertmeisterin Agnes Farkas kein Strick zu drehen. Die gewaltigen Entfernungen zwischen den Musikern auf dem weiten Emporen-U machen es beinahe unmöglich präzise zusammenzuspielen. Und wo es doch gelingt, ist Klingele am Pult so sehr eben damit beschäftigt, dass er für die Musik keine freien Spitzen mehr hat.

Überhaupt muss die Musik in diesem Hör-Saal weit zurücktreten hinter das Klangerlebnis. Das Pogramm treibt aus allen Ecken und Enden der Musikgeschichte, von der Renaissance bis zur klassischen Moderne, all die Einzelsatz-Hits zusammen, die nicht bei drei auf den Bäumen sind. Und was nicht passt, wird kurzerhand passend gemacht. Wie Händels berühmtes „Ombra mai fu“ aus dem „Xerxes“, das Solotrompeter Michael Schlabes zwar so geschmackvoll wie schön bläst, aber im schmockigen Estraden-Arrangement dennoch seiner Würde verlustig geht. Und die übergriffige Munterkeit von Christina Geißlers Moderastionen machen die Sache nicht runder, die letztlich ja nichts anderes versucht, als das fragwürdige Klassikradio-Häppchen-Konzept in den Konzertsaal zu holen.

Aber den Leuten gefällt’s. Also spricht nichts dagegen, beim „muko.hör.saal 2“ auch die Musik ein wenig ernstzunehmen. Bis zum 25. März bleibt ja noch hinreichend Zeit, die gute Idee auch dramaturgisch ein bisschen zu unterfüttern.

Von Peter Korfmacher

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