Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Poetry-Schlagabtausch im Leipziger Lofft
Nachrichten Kultur Poetry-Schlagabtausch im Leipziger Lofft
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:13 12.05.2019
Außer Konkurrenz: Kurt Mondaugen alias Rainer Totzke.
Außer Konkurrenz: Kurt Mondaugen alias Rainer Totzke. Quelle: Foto: André Kempner
Anzeige
Leipzig

Die nächste Revolution geht von Leipziger Boden aus. Die Freie Autonome Räte-Republik Plagwitz/Lindenau wird ausgerufen. Gummigeschosse, Kugeln und sogar Mörsergranaten fliegen, während sie verteidigt wird. Und Kurt Mondaugen, der sie aus Versehen angezettelt hat, sitzt mittendrin. Weil: „Wir leben doch in einer Demokratie, da muss man doch echt mal noch über alles öffentlich reden oder philosophieren dürfen!“

Publikum stimmt ab

Der Philosoph Rainer Totzke performt als Kurt Mondaugen – das mündet in einem improvisierten Revolutionslied, um die aufgebrachten Massen in seinem Text zu beruhigen. Die Selbstironie des Lieds entgeht dort, nicht aber, dass sein Vortrag mit dem spielt, was folgt: Fünf Poetry-Slammer messen sich im Vortrag, haben allein Worte zur Verfügung, um das Publikum zu überzeugen. Das dann ganz demokratisch abstimmen muss, wer in die nächste Runde kommt, erklärt Marsha Richarz, die kurzfristig als Moderatorin eingesprungen ist. Maximal sieben Minuten hat jeder, etwas Selbstgeschriebenes vorzustellen. Da das fünfte „Soundcheck Philosophie“-Festival seinen Finger auf den Nerv der Demokratie gelegt hat, lautete die Aufgabe, etwas unter der Frage: „Follower-Demokratie?! – Braucht Demokratie Anführer?“ zu verfassen.

Stilistische Breite

Der Saal des Theaters Lofft in Spinnereistraße ist gut gefüllt, rund 60 Gäste warten gespannt. Die Beiträge reichen stilistisch von einer fast seminartauglichen Diskussion über Hannah Arendts Begriffe von Macht und Gewalt des Berliners Dominik Erhard bis zu der Leipzigerin Vivien Wenzel, die dem Slam einen „Ich wünsche mir eine Welt“-/Julia-Engelmann-Moment schenkt. Gut performt, doch die Emphase, dass jeder kleine Dinge ändern kann oder es schön wäre, wenn das Andersein das neue Normal wäre, trägt nicht lang.

Einen Blick auf die Follower, wie im Thema gefordert, hat Cora Albrecht aus Magdeburg. Nämlich die ihrer Schüler. Der Text der Lehrerin greift das Meinungsdiktat im Internet auf. Wo Menschen anderen folgen, deren Zustimmung aber auch unversehens umschlagen kann in ein Misstrauensvotum oder den Shitstorm. „Die Anonymität bringt das Schlechteste im Menschen hervor.“

Zwei Berliner kommen weiter

Durch das Applaus-o-Meter in die nächste Runde schaffen es zwei Berliner: Maik Martschinkowsky und Josefine Berkholz, beide vom Studium her mit Philosophie vertraut. Der 38-Jährige überzeugt durch eine Produktpräsentation, die die Demokratie als Nonplusultra vorstellt. Das Publikum lässt er die Eigenschaften „ihrer“ Wunschdemokratie optional auswählen. Dass bei demokratischen Wahlen oft nicht das zustande kommt, wofür das man abgestimmt hat, ist offenkundig. Nach einem Ausflug in Platons Höhle gibt sich Martschinkowsky versöhnlich: Für ihn als Anarchisten sei Demokratie als Herrschaftsform akzeptabel, wenn sie es schaffe, Herrn und Knecht zusammenfallen zu lassen.

Weniger philosophische, dafür mehr popkulturelle Bezüge braucht Josefine Berkholz für ihre „Überprüfung einiger Körper“. Sie vergleicht die John-Snow-Situation mit der von Youtubern. So wie dessen gerade wieder auferstander Körper in der Serie „Game of Thrones“ nicht mehr ihm gehört, weil er König wird, sind auch deren Körper Projektionsflächen für Autorität. Ein origineller Gedanke, findet auch die Fachjury, die ihr dafür einen zweiten Platz hinter Martschinkowsky zuerkennt. In der Zuschauergunst erringt die 25-Jährige gar vor ihm Platz eins: Beide tauschen in einer Blitzdiskussion Pro- und Contra-Argumente, ob es zum Wählen einen Führerschein bedürfe. Berkholz gewinnt, weil der Münzwurf entschieden hat, dass sie dagegen sprechen darf. Gegen etwas zu sein, sei einfacher, befinden beide einmütig danach.

Von Manuel Niemann