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Kultur “Politik der Form“ in Leipzig zu sehen
Nachrichten Kultur “Politik der Form“ in Leipzig zu sehen
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09:08 01.11.2016
Einer Arbeit des Künstlers Danilo Correale in der Ausstellung „Politik der Form“ in der GfZK.  Quelle: Wolfgang Zeyen
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Leipzig

 Biennalen sind schillernde Großereignisse der Kunstwelt, allen voran die Mutter all dieser Veranstaltungen in Venedig. Dass die kleine Schwester in Kiew noch nicht allzu bekannt ist, liegt sicherlich nicht allein daran, dass sie 2015 erst zum zweiten Mal stattfindet. Die ukrainische Hauptstadt gilt im Moment auch nicht gerade als begehrtes Reiseziel. So ist es eine sympathische Geste, dass die Biennale Außenposten in mehreren europäischen Städten unterhält. In Deutschland gehören Berlin, Karlsruhe und Leipzig dazu.

Die Gesamtveranstaltung steht unter dem in der heutigen Kunstszene nicht sonderlich beliebten Begriff der Schule. Dass dabei Ironie eine Rolle spielt, wird an Unterabteilungen jener School of Kyiv sichtbar, die sich School of the Lonesome oder School of Abducted Europe nennen. Die hiesige Filiale heißt einfach nur Leipzig Class. Endlich mal nicht selbst Schule sein müssen ist durchaus erholsam. Ausgesprochen anspruchsvoll liest sich aber die Erklärung zum übergeordneten Thema Politik der Form. Es geht um nicht weniger als darum, politisch oder zumindest gesellschaftlich relevant zu werden, „ohne dabei der Tyrannei des Dokumentarischen, dem aktivistischen Pathos des Tages oder aber einer nur formalistischen Veredelung der Wirklichkeit zu erliegen“.

Ein Werk des Künstlers Franz Kapfer. Quelle: Wolfgang Zeyen

Die Weite der Ansätze, solch einem enormen Anspruch irgendwie gerecht zu werden oder daran zu scheitern, wird besonders an den Arbeiten der ukrainischen Beteiligten deutlich. Da gibt es auf der einen Seite Fotos von Anna Zvyagintseva von Relikten des Euromaidan, die der „Tyrannei des Dokumentarischen“ bedenklich nahe kommen. Und auf der anderen Seite sieht man in einem Video von Anatoliy Belov und Oksana Kazmina russisch sprechende Kiewer Hipster, die bei einer Party mit synthetischen Drogen experimentieren, um der krisenhaften Realität zu entfliehen. Lada Nakonechna, in Leipzig schon gut bekannt, bewegt sich zwischen diesen Polen. Bilder von gewaltsamen politischen Auseinandersetzungen überformt sie mit Bleistiftzeichnungen von schönen Landschaften.

Die 19 ausgewählten Künstler beziehungsweise Teams kommen aus verschiedenen Ländern. Bei einigen Exponaten fällt es ausgesprochen schwer, eine über die reine Betrachtung gehende Beschäftigung mit Ausschnitten gesellschaftlicher Prozesse herauszufiltern. So zeigt die Holländerin Sara van der Heide schwelgerische Aufnahmen eines sommerlich blühenden Gartens. Das darin mitzudenkende Welken soll laut Katalogtext eine Kritik am kapitalistischen Wachstumsfetisch sein. Ebenso ist viel Kuratorenpoesie nötig, in den reparierten Keramikschalen, die Yael Davids ausstellt, Verweise auf den Alltag in seiner israelischen Heimat zu erkennen. Politisches Porzellan wird schließlich überall zerdeppert.

Auf schreiende Weise gesellschaftlich hingegen erscheinen die Werke von Taras Kamennoy. „Der Sozialismus siegt“ verkündet eine Neonschrift an der Wand. Real scheint aber der Konsumismus zu siegen, der sich in einem nachsozialistischen Bau- und Renovierungsboom zeigt. Aus Isolierstoffen hat Kamennoy Sitzmöbel gestaltet, die nicht sehr einladend wirken.

Die Spanne der Arbeiten, die diese Leipzig Class abliefert, ist breit genug, dass jeder Interessent seine persönlichen Bienchen verteilen kann. Problematisch ist aber das unnötig hoch formulierte Klassenziel. Was ein netter Projekttag hätte werden können, ist so eine Versammlung von Sitzenbleibern.

Die Schule von Kyiv. Klasse Leipzig. Politik der Form: bis 21. Februar 2016, Di–Fr 14–19 Uhr, Sa, So und feiertags 12–18 Uhr, Galerie für Zeitgenössische Kunst, Karl-Tauchnitz-Str. 9-11

Von Jens Kassner

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