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Kultur Politiker sprechen über Leipziger Clubkultur
Nachrichten Kultur Politiker sprechen über Leipziger Clubkultur
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10:22 07.09.2017
Diskussion in der Tille: v. l. Moderator Christian Rost, Thomas Feist, Gesine Märtens, Marcus Viefeld, Christopher Zenker und Sören Pellmann.  Quelle: Foto: Dirk Knofe
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Leipzig

 Hätte jemand das Treffen gefilmt – Anfang und Ende könnte er rausschneiden. Ansonsten gehört „Vote for Party“ unter den vielen Rederunden vor der Bundestagswahl zu den konstruktiv-vernunftvollen. Die Leipziger Abordnung der LiveKomm, dem Bundesverband der Musikspielstätten in Deutschland, hatte die Politik vorab schriftlich um eine Stellungnahme zu mehreren Forderungen und nun kommunale Parteien-Vertreter zur Diskussion gebeten – in die Distillery, einem der wichtigsten Flaggschiffe der Clubkultur bundesweit.

Zu Beginn nötigt Moderator Christian Rost (Kreatives Sachsen) den Gästen Thomas Feist (CDU), Marcus Viefeld (FDP), Gesine Märtens (Bündnis 90/Die Grünen), Sören Pellmann (Die Linke) und Christopher Zenker (SPD) Statements über eigene Cluberfahrungen ab, was teils zu gequält anmutenden Versuchen von Street Credibility im Ich-bin-locker-Jargon führt – bis es um Inhalte geht.

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Distillery-Chef Steffen Kache hat sie vorher griffig summiert, Rost fragt nun gezielt und gut geordnet ab: Da wäre die Bedrohung von Locations durch Gentrifizierung und Baupläne. Für die Erhaltung von Clubs sprechen sich alle Parteigesandten aus, einen expliziten Kulturraumschutz sehen sie mehrheitlich nicht als Notwendigkeit. Zenker verweist auf die Neubebauung am alten Verladebahnhof Eutritzsch, bei der das So&So wie auch der TV-Club erhalten bleiben sollen – „ein Paradebeispiel“. Märtens mahnt an, dass sich Clubs gegen Wegrationalisierungs-Pläne wehren können müssen. Nur Viefeld fordert vehement Bestandsschutz und befürwortet Deregulierung.

Damit einher geht die Diskussion um die Sperrstunde für Clubs. Sie kam auf, nachdem die Einhaltung der Schließzeit von 5 bis 6 Uhr früh beim Institut fuer Zukunft (IfZ) nach der Beschwerde eines Anwohners kontrolliert wurde. Lärmschutz sei wichtig, betont Märtens, aber durch verschiedene Maßnahmen auch machbar. Pellmann befürwortet den LiveKomm-Vorschlag, nicht die Lärmmessung draußen vor den Locations als Maßstab zu nehmen, sondern die in den Wohnungen von Anwohnern. Zenker verspricht, die Leipziger SPD werde sich für das IfZ einsetzen.

Der LiveKomm geht’s auch um neue Einordnung, begrifflich wie abgabentechnisch: Amtlich firmieren Clubs als Vergnügungsstätte (in einer Reihe mit Spielhallen und Sexshops) – angesichts kunstvoller Soundtüfteleien von DJs und Live-Acts eine unzeitgemäße Schublade; zumal der Umsatz der Eintrittsgelder mit 19 Prozent Vergnügungssteuer belegt wird. Die Betreiber, die sich als Kulturmacher verstehen, lehnen das ab und fordern die 7-Prozent-Besteuerung wie bei Künstlern. Die Kommunalpolitiker signalisieren breites Verständnis. Bis auf Feist gehen sie auch mit dem schwer zu durchdringenden Gebühren-Dschungel der Verwertungsgesellschaft Gema hart ins Gericht, die dringend kontrolliert gehöre.

Kurzum: Der Konsens ist recht groß, der Spielraum für Veränderungen hingegen (noch) nicht. Clubs gehören erstens zur hiesigen Kultur, zweitens entlastet, drittens vielleicht sogar anders gefördert. Plane man ein Live-Projekt, könne man Projektfördermittel beim Kulturamt beantragen, so Zenker, und Feist regt als Beispiel für Finanzierung das Goethe-Institut an, das einen ausländischen Künstler in einen Leipziger Club holen kann.

Definitiv konstruktive Vorschläge. Klar ist aber auch: Die Clubszene muss sich erst eine Lobby erarbeiten, die sich für sie stark macht, unter anderem im Rathaus. Ein langer Prozess, den Vereinigungen wie die LiveKomm vorantreiben können. Und natürlich die Politik, wenn sie denn alles wirklich so ernst meint wie an diesem Abend. Überflüssig das Abfragen zum Schluss, wer welchen Bundespolitiker mal mit in einen Leipziger Club schleppen könnte. Claudia Roth im Conne Island, Martin Schulz in der Distillery – das braucht kein Mensch.

Von Mark Daniel