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Kultur Salonorchester Cappuccino feiert sein 30-jähriges Bestehen
Nachrichten Kultur Salonorchester Cappuccino feiert sein 30-jähriges Bestehen
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17:01 27.04.2019
Unterhaltung mit Bildungsauftrag: das Salonorchester Cappuccino im Jahr 2019. Quelle: Foto: Anne Hornemann
Leipzig

Vor 30 Jahren schlug die Geburtsstunde des Salonorchesters Cappuccino. Am Dienstag wird das Jubiläum mit einem Konzert im Gewandhaus gefeiert. Wir sprachen zuvor mit Albrecht Winter – der 48-Jährige ist Violinsolist, Conférencier und Leiter des Ensembles.

Was gab den Anlass zur Gründung des Salonorchesters?

Bis zur Wende gab es im Frühjahr die so genannte „Rote Woche“. Für den April 1989 haben wir Musikstudenten mit den Kommilitonen der Bereiche Schauspiel und Grafik anstelle von marxistischen Seminaren verabredet, ein Café aufzumachen. Die Schauspieler kellnerten, die Verwaltung brachte Kuchen und Kaffee mit, wir spielten Salonmusik – und der Zuspruch war enorm! Das gab den Ur-Impuls fürs Salonorchester, und deshalb fühlt sich Cappuccino bis heute wie ein regelmäßiges Klassentreffen an.

Sie üben auf Ihrer Website dezente Kritik an Musikern wie André Rieu oder Max Raabe. Was machen die falsch?

Sie machen nichts falsch, aber etwas völlig Anderes. Die Unterhaltungskultur hat immer mehr Event-Charakter bekommen. Das bedienen Rieu und Raabe, indem sie bestimmte Ausschnitte von der Wiener Musik respektive altem Schlager präsentieren und in eine Show gießen.

Wie grenzt sich Cappuccino davon ab?

Wir legen Wert darauf, die gesamte Repertoire-Breite samt allen fließenden Grenzen zu präsentieren und dazu den historischen Kontext zu liefern. Ein Beispiel: Für unser Jubiläumsprogramm am 30. April rekonstruieren wir ein Konzertprogramm, das 1948 in Hohenstein-Ernstthal von Kurt Henkels und Erich Donnerhack gegeben wurde. Außerdem ist es uns wichtig, die Grenze zwischen Podium und Publikum durchlässig zu machen.

Wenn Sie jemandem erzählen, dass Sie Kaffeehausmusik machen – wie oft wird das belächelt als leichte Muse aus uralten Zeiten?

Vor rund 20 Jahren war eine künstlerische Abwertung häufiger der Fall. Inzwischen hat unser Profil etwas Exotisch-Charmantes, das Genre ist ja praktisch ausgestorben. Jenseits von Leipzig können wir deshalb selten auftreten, weil Veranstalter dem Format nichts mehr zutrauen. Im Gewandhaus dagegen sind wir seit 20 Jahren präsent, und in dieser Saison waren erstmals alle Konzerte im Mendelssohn-Saal ausverkauft.

Die heutige schnelle, digitale Zeit und Kaffeehausmusik – wie passt das zusammen?

Das Tempo entzieht der Kaffeehaus-Kultur eigentlich den Boden, weil sie am besten in Situationen der Muße ihre Wirkung entfaltet. Die Omnipräsenz von Smartphones und Zeitnot geben dem keine Chance. Es wurde schon nach dem Zweiten Weltkrieg schwierig, als Musikautomaten Einzug in die Cafés hielten.

Und trotzdem sind Sie erfolgreich. Allerdings muss sich das Publikum ja auch verjüngen. Funktioniert das?

Als wir 1995 anfingen, hatten viele gerade in Rente gegangene Besucher den Geburten-Jahrgang 1930; 25 Jahre später sind die aktuellen Rentner um 1955 geboren, sind also eher mit Elvis und den Beatles groß geworden. Wir treffen immer wieder neue Besucher, die Salonmusik für sich entdecken und die Geschichten mögen, die wir erzählen.

Wie sind Sie darauf gekommen, Ihre Konzerte Themen unterzuordnen?

1992 haben wir für unser erstes Konzertprogramm Chansons und Lieder aus dem Ghetto Theresienstadt rekonstruiert. Damals verstand ich, dass Unterhaltungsmusik eine sehr ernst zu nehmende Seite hat, im Ghetto war sie Lebenshilfe. Mir wurde klar, dass mein Weg ist, dem Publikum biografische Linien und Zeitgeschichte zu übersetzen. Natürlich scheuen wir auch den Widerspruch des Publikums nicht. Bei unserem Programm über Weihnachten in der DDR zum Beispiel hatte ich schon in der Pause heftige Diskussionen mit einigen Besuchern.

Warum?

Manche waren mit der politischen Einordnung nicht einverstanden. Wenn ich auf der Bühne erzähle, dass das in der DDR populäre Weihnachtslied „Tausend Sterne sind ein Dom“ in seiner Sprache nazistische Grundlagen hat, fühlen sich manche auf den Schlips getreten. Solche Debatten sind sehr wichtig.

Welche Cappuccino-Veranstaltung ist Ihnen besonders in Erinnerung?

Sehr bewegend war „Vergessene Weihnachten“ 2015. Da wurde eine alte Schallplatte aus Kriegstagen abgespielt: Ein Wehrmachtsoffizier schickte aus Russland Grüße Wünsche fürs Jahr 1943. Im Publikum saß der jüngste Bruder des im Krieg gebliebenen Mannes, der mich danach weinend umarmte. Und bei einem Paul-Lincke-Programm saß zufällig dessen Nichte im Saal. Wir haben danach lange geredet, eine tolle Begegnung.

Was tun Sie, wenn Sie nicht mit Cappuccino auftreten?

Ich habe eine Professur an der Musikhochschule Köln mit Standort in Wuppertal. Ich halte zum Beispiel Vorlesungen über historische Aufführungspraxis zwischen 1750 und 1910, auch über Didaktik für Musiklehrer. Ansonsten bin ich Architektur-Liebhaber, überzeugter Ganzjahres-Bader und singe in meiner Freizeit gern a cappella. Was mich gerade besonders fasziniert: Ich recherchiere die Geschichte des Leipziger Künstlerhauses am heutigen Nikischplatz, das 1900 eröffnet und im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Auch dieses Thema wird 2021 ein interessantes Cappuccino-Programm werden.

Eine persönliche Frage: Sie tragen ungewöhnliche Kleidung und bevorzugen Telefonate statt SMS. Wie kommt das?

Die Kleidung hat etwas mit meiner Familie zu tun. Mein Vater kam aus dem Altenburger Land, ich bekam halt als Kind Lederhosen an und zog sich nie wieder aus! Generell sind mir Naturmaterialien lieber als chemisch getränkte moderne Klamotten. Dieser Skeptizismus geht auch bis in den Kommunikations-Bereich: Computer und Smartphones nehmen dem Gehirn viele Aufgaben ab; dadurch verkümmern Fähigkeiten wie zum Beispiel unser Orientierungssinn. Soziale Netzwerke sind mir suspekt, weil es um Bewertungen und perfekte Selbstinszenierung geht. Dabei ist doch gerade das Halbfertige spannend, weil das Vollkommene steril ist.

Konzert am Dienstag, 30. April, 20 Uhr im Gewandhaus: 30 Jahre Salonorchester Cappuccino: „So schön wie heut‘, so müsst‘ es bleiben“, Karten unter 0341 1270280. Zum Jubiläum ist soeben die neue CD „Warum hat die Adelheid keinen Abend für mich Zeit?“ erschienen (United Bremen Radio Hall).

Von Mark Daniel

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