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Kultur Schauspiel Leipzig zeigt „Der Herzerlfresser“ von Ferdinand Schmalz
Nachrichten Kultur Schauspiel Leipzig zeigt „Der Herzerlfresser“ von Ferdinand Schmalz
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00:32 26.11.2015
Zottelige Wesen feiern die Eröffnung des neuen Einkaufszentrums. Quelle: Foto: Rolf Arnold / Schauspiel
Leipzig

Padam, padam, der Herzschlag pulst. Vom Himmel – nun gut: von der Bühnendecke – purzeln die Leichen vor die Füße haariger Zottelwesen. Der Herzerlfresser geht um. Ein grausiger, alter Mythos aus der Steiermark trifft auf die Sterilität einer Kleinstadt in der Gegenwart, die ihr Heil in einem neuen Einkaufszentrum zu finden glaubt. Ferdinand Schmalz hat die beiden Ebenen in seinem Text „Der Herzerlfresser“ verwoben, eine Auftragsarbeit des Schauspiels Leipzig. Und dort, auf der Diskothek-Bühne, fand am Wochenende die Uraufführung statt. Von Regisseur Gordon Kämmerer konsequent als bizarr-komisches Horror-Kammerspiel angelegt.

Zur Premiere saßen einige Beobachter der überregionalen Fachorgane auf der Tribüne. Das Interesse ist groß an Ferdinand Schmalz. Und an dem, was die Sächsische Zeitung zuletzt als „Leipziger Autorenwunder“ bezeichnete. Zeitgenössischen Dramatikern bietet das Schauspiel ein Forum. Schmalz, 1985 in Graz geboren, wurde in der Kritikerumfrage von „Theater heute“ 2014 zum Nachwuchsdramatiker des Jahres gewählt. Die Uraufführung seines ersten Stückes „Am Beispiel der Butter“ fand ebenfalls in Leipzig statt.

Wieder erzählt Schmalz in einem Stil, der Mundarteinfluss und Umgangstonfall zur Kunstsprache gerinnen lässt. Rhythmisch, ein wenig an Elfriede Jelinek erinnernd, und wie besessen metaphern-reitend. Das überzeugt nicht in jeder Verästelung, ist in der Konsequenz aber stimmig. Und vor allem: Es hat ein junger Dramatiker erkennbar seine Handschrift gefunden.

Auch inhaltlich lässt sich aus dem Theaterabend bald eine bekannte Grundstruktur erkennen. Durch eine seelenlose, polierte Oberfläche bricht eine archaische Kraft, stellt die Ordnung auf den Kopf. Statt Milchprodukten (in „Am Beispiel der Butter“) ist es jetzt das Moorwasser, das in die Leerstellen dringt. In die Mitte, ins Zentrum. Dahin, wo bei der geschändeten Leiche zuvor noch das Herz saß. Und in das bereits rissige, neue Einkaufszentrum, die neue Mitte der Gemeinde, das metaphorische Herzstück.

Auf Sumpfgelände ist es gebaut. Aufschwung, Unterhaltung, Sinn soll es bringen. Im Moor aber liegt kurz vor der Eröffnung eine Frauenleiche ohne Herz. Der Bürgermeister (Michael Pempelforth) und der zum Ermittler ernannte Nachtwächter, der Gangster Andi (Florian Steffens), lassen das Opfer still verschwinden, um die Einweihung nicht zu gefährden. Und der Mörder scheint als Wiedergänger des Paul Reiningers umzugehen, der vor hunderten Jahren glaubte, wenn er sieben Jungfrauenherzen verspeise, so könne er sich unsichtbar der Welt entziehen.

Es sind Zottelwesen, die in dieser Welt umgehen (Kostüme: Josa David Marx). Langes helles Fell, blanker Hintern, nackte Brust. Affen, Yetis, Zombies. Bonobos, so ist es dem Programm vorangestellt, nutzen sexuelle Interaktion als Regulativ im sozialen Gefüge. „Das nimmt den Druck dann aus der Angelegenheit“, sagt die Fauna Florentina (Runa Pernoda Schaefer) im Stück. Vor diesem Hintergrund ist nicht obszön, sondern schlicht normal, wie sich die Charaktere nähern.

Doch tummeln sich nicht zwingend Affen auf der Bühne. Die Regie bedient sich beim Horror-Genre, spielt mit Gruselstimmung mit der Nebelmaschine, mit Schreckmomenten, ein wenig mit Ekel – und überdreht alles trashig-humorvoll, bis sich im Fußpflegetempel der Irene (Max Thommes) die Zehen biegen.

Regisseur Gordon Kämmerer, noch Regie-Student an der Hochschule Ernst Busch in Berlin (im Juni inszeniert er im Schauspiel mit Schillers „Räuber“ seine Abschlussarbeit), hat in Leipzig bereits das comic-haft überzeichnete „Das Tierreich“ inszeniert. Und wie Schmalz bildet auch der junge Regisseur eine eigene Handschrift heraus, zeigt er mutig Konsequenz bei der Umsetzung seiner Ideen. Spätestens als der Einkaufspalast tatsächlich öffnet, die Fähnchen schwenkenden Kunden in einer hochkomischen Choreografie nacheinander vom Dach stürzen, gewinnen seine Charaktere als ganz normale Jetztzeit-Zombies Kontur, die dem Konsum huldigen. Und hilflos der Liebe hinterlaufen.

Schmalz’ Vorlage wirkt nicht so stringent wie der Erstling. Und die Inszenierung versucht sich mit Tempo, Gags und Filmzitaten bis zum Star-Wars-Schwert über Momente der Orientierungslosigkeit zu retten. Was mitunter konstruiert und ausgestellt wirkt. Letztlich aber überzeugt die Stoßrichtung der gut eineinhalb Stunden, die sich nicht im Spektakel verlieren. Der Mörder Herbert (Felix Axel Preißler) bekommt Raum, sein Monolog über die Liebe hallt nach. Die Liebe, die er missverstanden hat. Denn sie ist flüchtig und lässt sich nicht fassen. Sowenig wie das ephemere Glück des Konsums.

Am Mittwoch ist die nächste Aufführung im Schauspiel zu erleben. Und ab Samstag zeigt das Deutsche Theater Berlin seine Version des „Herzerlfressers“.

Weitere Termine am Schauspiel (Bosestr. 1): 25. und 28. Nov., 16. und 30. Dez., 20 Uhr; Kartentel. 0341 1268168

Von Dimo Riess

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