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Kultur Traumwelten am Klavier
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12:18 05.03.2015
Arcadi Volodos am Gewandhaus-Flügel. Quelle: André Kempner

Es könnte auch die Überschrift über dem vorgestrigen Klavierabend im Großen Saal des Gewandhauses sein. Viel ist ja geschrieben worden über den "neuen" Volodos, der nicht mehr als Wiedergänger Horowitz' mit Tastendonner imponiert, sondern sich intimer Musik verschrieben hat, zuletzt auf CD etwa den spätimpressionistischen Miniaturen des Spaniers Frederic Mompou. Das aber sagt vielleicht mehr über die Mechanismen von Markt und Kritik als über den Pianisten, um den es geht. Denn ob er wirklich eine Kehrwende vollzogen hat, ist fraglich.

In Leipzig spielt Volodos romantisches Repertoire: Brahms frühe Variationen op. 18b, die auf einem Streichsextett-Satz basieren, seine späten Klavierstücke op. 118, nach der Pause dann Schuberts große B-Dur-Sonate D 960. Und er spielt diese Werke im Grunde so, wie er auch die zugegebene "Träumerei" spielt: ganz vom Gesang ausgehend, mit einer betörend schön vorgetragenen Melodie, die im klaren Relief der Stimmen hervortritt. Subjektiv, aber unsentimental. Dass zu diesem Zeitpunkt - es ist noch nicht 22 Uhr - viele bereits hinauseilen, ist kaum begreiflich.

Denn Volodos hatte von Beginn an, bereits mit den ersten Tönen der Brahms'schen Variationen, mit einem vollen, sonoren Klavierklang begeistert. Leuchtende Mittelregister und butterweiche Bässe führt er vor, immer intensiv gestaltend. Gewiss, manche spielen Brahms nüchterner, klassizistischer. Volodos zeigt ihn als Romantiker, gerade auch im Opus 118, das berühmte Einzelstücke wie das wunderbare A-Dur-Intermezzo oder die akkordtürmende g-moll-Ballade enthält, seltener aber einer zyklischen Darbietung dient. Hier sind auch einmal diejenigen Stücke dran, die nicht gar so häufig in den Klavieranthologien auftauchen. Wohl, weil sie zum Teil verteufelt schwer darzustellen sind. Dies gilt vor allem für das abschließende, aufregend erzählerische es-moll-Stück, das vor der Pause für atemlose Stille im Saal sorgt. Ein Höhepunkt der Charakterisierungskunst ist auch das geisterhafte Intermezzo in f-moll, das in Volodos' Deutung fast die Leichtigkeit eines Mendelssohn gewinnt. Man folgt ihm in diese Traumwelten nur zu gerne.

Man folgt ihm auch dann noch, wenn er im langsamen Satz der Schubert-Sonate zugunsten eines gigantischen Spannungsbogen ein fast quälend langsames Tempo wählt, dabei die rhythmisch an sich profilierte Begleitung weitgehend zugunsten der Melodie einebnet, oder wenn er das Scherzo in einer Weise ausorchestriert, die bei einem geringeren Musiker zur Manieriertheit gerinnen müsste. Das ist dann doch etwas mehr Salon als Schubertiade. Der erste Satz aber dieser Sonate - eines der letzten Werke Schuberts - ist ein Ereignis. Er ist es eigentlich immer, wenn ein großer Pianist sich seiner annimmt. Es ist ein langer Sonatensatz, der Welten zu enthalten scheint. Wenn etwa jene wenigen Takte wundervoll strömenden Gesangs von dem berühmten Triller auf der tiefen Note Ges unterbrochen werden, den Volodos ganz in Pedalnebel taucht und ihn so noch unirdischer erscheinen lässt. Oder wenn derselbe Gesang auf geradezu erschütternde Weise unerwartet in der Durchführung wiederkehrt, in fahles Licht gesetzt. An den Nahtstellen dieses Stücks stehen nur noch einzelne, wie skizzenhaft aufs Notenpapier geworfene Gesten, und hier ist es ein Glücksfall, wenn ein Pianist von solchem Klanggespür sie inszeniert.

Nach Schumanns "Träumerei" übrigens gönnt Arcadi Volodos den begeisterten Hörern ein einziges Virtuosenstück: sein eigenes tollkühnes Arrangement des Spanischen Tanzes von Manuel de Falla. Und siehe da, der "alte" Volodos, der sich hier zeigt, ist vom neuen gar nicht so weit entfernt (und war es wahrscheinlich nie), denn es ist bei allem Akkordgewitter derselbe geschmackvolle, genau disponierte Klavierklang, der den Saal erfüllt. Selbst ein x-faches Forte kann noch innerlich leuchten. Das Publikum nähme wohl auch gerne mehr solcher Showstücke, doch Volodos interessiert sich zur Zeit eben mehr für intime Klangstudien und abgründige Spätwerke. Und wer kann ihm das verdenken, wenn er es auf diese Weise tut. So reicht er ganz zuletzt dann lieber noch ein traurig-schönes Siciliano von Vivaldi/Bach nach, richtet einmal mehr versonnen den Blick ins Nichts, lehnt sich leicht zurück und lauscht den Klängen nach.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 06.03.2015
Benedikt Leßmann

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