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Nachrichten Kultur Twitter-Omi Renate Bergmann in Leipzig
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00:25 01.01.2016
„Ich bin im Moment hauptberuflich Oma“, sagt Torsten Rohde, Erfinder der Online-Omi Renate Bergmann. Quelle: privat
Leipzig

Am Anfang stand ein Familienfest mit Oma, Tante, Mutter ... Torsten Rohde hat den Frauen sozusagen aufs Maul geschaut. Es war die Geburtsstunde der Figur Renate Bergmann. Die ist 82, vierfach verwitwet und trinkt gern mal einen Korn. Rohde gibt ihr ein „Händi“, sie entdeckt „Fäßbuck“ und „Zwitter“, und am 16. Januar 2013 schreibt sie ihren ersten Tweet. Damit beginnt die überraschende Erfolgsgeschichte der „Onlein“-Oma. Über 30.000 Follower hat ihr Twitter-Account @RenateBergmann, auf Facebook gefällt über 20.000, was sie über ihrem Alltag schreibt. Längst erzählt Torsten Rohde, Jahrgang 1974, der Betriebswirtschaft studiert und als Controller gearbeitet hat, auch in längeren Episoden aus Renate Bergmanns Leben: Nach „Ich bin nicht süß, ich hab bloß Zucker“ und „Das bisschen Hüfte, meine Güte“ ist gerade „Über Topflappen freut sich ja jeder“ erschienen. Am 8. Januar gibt es bei den Academixern eine Kabarettistische Lesung mit Katrin Hart und Barbara Trommer. Auch der Autor ist anwesend. Im Interview spricht er über sich und Renate.

Wie hat Renate Bergmann Weihnachten erlebt?

Es war sehr aufregend und zauberhaft. Renates esoterisch angehauchte Tochter Kirsten war zu Besuch, genauso wie ihre Freunde Ilse, Kurt und Gertrud. Zwischen Buttercremetorte, Gans und der „Helene-Fischer-Show“ gab es den ganz normalen Weihnachtswahnsinn wie in fast jeder Familie.

Wie würde die Online-Omi erklären, was der Unterschied zwischen Facebook und Twitter ist?

Auf Twitter ist man an 140 Zeichen gebunden und muss Geschichten und Pointen auf den Punkt formulieren. Facebook bietet mehr Raum für Interaktionen mit „Renate-Fans“.

Können Sie das auch in 140 Zeichen sagen?

Das waren nur wenige Zeichen über dem Limit, bitte seien Sie mal nicht so streng mit mir.

Warum haben so unglaublich viele Leute Spaß an dem, wie eine 82-Jährige die Welt sieht?

Ich vermute, dass sich viele in den Geschichten wiederfinden. Schließlich hat jeder eine ähnliche Oma wie Renate zu Hause, oder aber er trägt liebevolle Erinnerungen an eine Oma in sich. Da erkennt manch einer einige Situationen wieder.

Spielt auch eine Art von Nostalgie eine Rolle?

Ein bisschen sicherlich, ja. Jeder erinnert sich schließlich gern an die gute alte Zeit mit seiner Oma.

Renate Bergmann ist Ostdeutsche. Erweitert das ihr Repertoire an Witz und Biss?

Ich habe sie absichtlich nach der Wende nach Spandau ziehen lassen, damit sie nicht in die Ossi-Ecke gestellt wird. Das spielt 25 Jahre nach der Wende auch keine Rolle mehr, glaube ich. In zwei Jahren ist die Mauer länger weg, als sie jemals stand, da sollte es keine Rolle mehr spielen, wo man geboren wurde.

„Ich bin im Moment hauptberuflich Oma“, sagt Torsten Rohde, Erfinder der Online-Omi Renate Bergmann. Quelle: privat

Renate sagt: „Ich habe den Krieg nicht überlebt, um Kunstfleisch aus Soja zu essen.“ Sucht sie Streit oder Bestätigung?

Weder noch. Renate lässt sich einfach nur nichts vormachen. Sie ist bodenständig und hat eine gewisse Bauernschläue. Jedes alberne Getue ist ihr fremd und sie versucht, es mit markigen Sprüchen zu entlarven. Auf dieses Beispiel bezogen bedeutet das: Wer vegetarisch lebt, soll das gern tun, aber warum veralbert er sich dann selbst, in dem er nachgemachtes Fleisch isst? Dann doch lieber dazu stehen und bei Gemüse bleiben.

Ist Renate Bergmann also das Inbild der Rentnerin 2.0.?

Ich glaube, die Rentner von heute sind viel dichter an der Renate, als man denkt. Ich erhalte auf Facebook fast täglich Nachrichten von „Silveragern“. Die Omi, die ich hier mit Schluppenbluse und „4711“ karikiere, gibt es fast nicht mehr. Sie ist eher ein Abbild unserer Erinnerungen und der Klischees, die wir haben. Ich kenne viele Rentner, die mit Smartphone unterwegs sind und nordisch walken.

Renate wirkt immer liebenswert, manchmal weise und oft weltfremd. Ist es Ihnen recht, wenn man über sie lacht?

Auf jeden Fall. Darauf ist die Geschichte angelegt. Es soll unterhalten, aber nicht lächerlich machen. Durch den Kniff, die Geschichten aus der Perspektive einer Oma zu erzählen, wirkt es selbstironisch und der Leser lacht mit Renate Bergmann, nicht über sie und andere ältere Leute.

Woher wissen Sie, was und wie eine 82-jährige Frau denkt?

Man muss nur mit offenen Augen und Ohren durch das Leben gehen. Im Supermarkt, im Bus, beim Arzt, im Friseursalon … überall begegnen uns ältere Leute. Oft sprudeln bereitwillig ganze Lebensgeschichten aus ihnen heraus, wenn man ihnen freundlich begegnet und sie anspricht.

Wie hat Renate Bergmann Ihr Leben verändert?

Ich bin im Moment hauptberuflich Oma. Vier Bücher sind bisher erschienen, ich bin auf Lesetour unterwegs und arbeite am nächsten Buch. Darüber hinaus bediene ich täglich die Accounts auf Twitter und Facebook.

Was sagt Ihre Omi zu alldem?

Sie ist sehr stolz auf mich und macht bei ihren Freundinnen und in der Verwandtschaft fleißig Werbung für meine Bücher.

Wer hatte die Idee, den ja doch sehr kurzen Twitter-Botschaften ein Buch mit ausführlichen Episoden folgen zu lassen?

Ein Literatur-Agent kam auf mich zu. Es war im Grunde unvorstellbar für mich, ein Buch zu schreiben – schließlich war ich Buchhalter und kein Buchschreiber. Aber die Idee war zu reizvoll, um es nicht wenigstens zu probieren.

Wissen Sie, in welchem Alter Ihre Leser sind?

Das ist ganz unterschiedlich. In die Lesungen kommen Leute zwischen 16 und 90.

Die Geschichten werden von Buch zu Buch länger. Wann gibt’s den Roman?

Im Grunde war „Das bisschen Hüfte, meine Güte“ schon eine Art Roman mit ausschweifenden Rückblenden. Vielleicht wird das nächste Buch aber auch wieder eine Sammlung kürzerer Geschichten, ich bin mir noch nicht sicher.

Sie werden die Premiere des Leseabends im Kabarett Academixer besuchen, wollen Sie schauen, wie bühnentauglich Renate Bergmann ist?

Die Renate funktioniert wunderbar auf der Bühne! Im abgelaufenen Jahr feierte „Ich bin nicht süß, ich hab bloß Zucker“ seine Bühnenpremiere in Ulm in der Theaterei Herrlingen. Die großartige Anke Siefken gab Renate Bergmann Gesicht und Stimme, und wahrscheinlich wird es 2016 eine Wiederaufnahme des Stückes geben. Ich freue mich sehr auf den Abend in Leipzig und bin sehr gespannt, wie zwei Kabarettistinnen die Lesung gestalten.

Interview: Janina Fleischer

Lesung

Katrin Hart und Barbara Trommer lesen aus dem Buch „Ich bin nicht süß, ich hab bloß Zucker“ von Torsten Rohde alias Renate Bergmann: 8. Januar, 20 Uhr, Kabarett Academixer, Kupfergasse 2 in Leipzig; Karten (12 Euro) gibt es unter der Telefonnummer (0341) 2178 7878

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