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Kultur Weimarer Kantaten in derWeißenfelser Schlosskapelle
Nachrichten Kultur Weimarer Kantaten in derWeißenfelser Schlosskapelle
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15:20 23.06.2019
Das Ricercar Consort mit Hannah Morrison (Sopran), Leandro Marziotte (Countertenor), Hans Jörg Mammel (Tenor), Matthias Vieweg (Bass), Ricercar Consort in der Schlosskapelle von Neu Augustusburg Quelle: Gert Mothes
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Weißenfels

Am 6. Mai 1774 fiel die Wilhelmsburg in Weimar mitsamt der Schlosskirche mit Ausnahme des Turms und des Torbaus einem verheerenden Brand zum Opfer. Für die Protagonisten der Weimarer Klassik gab es später ein rundum erneuertes Schaffensambiente. Aber der Hauptort des Wirkens von Johann Sebastian Bach als Weimarer Hoforganist und Konzertmeister, zu dem man ihm nach erwogenem Stellenwechsel Richtung Halle mit erhöhter Honorierung befördert hatte, war zerstört. Etwa 20 für die Himmelsburg entstandene Kantaten Bachs aus den Jahren 1714 bis 1717 sind erhalten, die meisten auf Texte des Weimarer Hofpoeten Salomon Franck, der 1715 im Band „Evangelische Andachts-Opffer“ einen ganzen Jahressatz mit Kantatentexten veröffentlicht hatte.

Akustisch vergleichbar

Es war eine ausgezeichnete Idee der Bachfest-Leitung, das Erlebnis des Weimarer Kantaten-Zyklus durch das Klangerlebnis an einem dem Entstehungsort vergleichbaren Schauplatz zu krönen. Vier große Busse setzten sich also von der Thomaskirche in Bewegung Richtung Weißenfels und die Residenz Neu-Augustusburg, für deren lebenslustigen Pleite-Herzog Christian Bach „Jagd-“ und „Schäferkantate“ komponiert hatte. Die Weißenfelser Schlosskirche St. Trinitatis ist der zerstörten Weimarer Himmelsburg recht ähnlich, hat allerdings nur zwei statt drei Emporen und dafür seit der Neugestaltung durch den katholischen Dynastie-Zweig Sachsens 1751 das weitaus prunkvollere Altarrelief.

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Es regnet Musik vom Himmel

Allein diese baulichen Modifikationen hätten in Hinblick auf eine pulsierende musikalische Realisierung zu denken geben sollen. Das Ricercar Consort bringt zwar eine angemessen gute und bereits am Vorabend bei Gottfried Keisers „Markus-Passion“ im Paulinum demonstrierte Versiertheit mit. Das hört man, aber man sieht es nicht. Mit Ausnahme weniger Momente, in denen die um die Orgel aufgestellten Solisten an die Brüstung der obersten Empore treten, bleibt das Ensemble für die Hörer im Hauptschiff und den unteren beiden Emporen unsichtbar. Es regnet Musik wie vom Himmel. Umso mehr, als es in St. Trinitatis durch leichten Hall zu etwas stärker vernehmbaren Intonationstrübungen kommt und die Klänge über verschiedene Bögen zu den Hörern gelangen. Ein Raumklang mit berückenden Reizen und Wirkungen.

Strikt solistische Besetzungen

Bachs Weimarer Kantaten offenbaren sich hier in strikt solistischen Besetzungen wie bei den Erstaufführungen als individuelle Gebilde. In jedem der fünf Stücke gelingt den Ausführenden ein Glanzpunkt: Die eindringliche Bass-Arie von der „Christen Kunst“ in „Mein Herze schwimmt im Blut“ BWV 199 etwa mit Matthias Viewegs intensiver Verklammerung von Vortrag, Ausdruck und musikalischer Intensität. An Schönheit, weniger an sinnhafter Gestaltung, kommen ihm Hans Jörg Mammels Tenor in „Jesu, meines Todes Tod“ („O heilges Geist- und Wasserbad“ BWV 165), Hannah Morrison in der Sopran-Solokantate „Mein Herze schwimmt im Blut“ BWV 199, das Duett für Sopran und Tenor in „Barmherziges Herze der ewigen Liebe“ BWV 185 und der Altus Leandro Marziotte im Duett aus „Mein Gott, wie lang, ach lange“ BWV 155 fast gleich.

Keine Steigerungen

Trotzdem verbreitet sich statt eines beglückend leichten Regens aus Tönen von der Orgelempore eher musikalischer Nebel. Sicher sind im Ricercar Consort Spezialisten am Werk, von denen jeder Einzelne die Effekte barocker Interpretation verlässlich beherrscht. Auch wäre es ungerecht, dem Leiter Philippe Pierlot autoritäre Härte oder Schärfungen anzulasten. Aber zur optimalen Auseinandersetzung mit dem akustischen Potenzial der Schlosskirche, zu Steigerungen der musikalischen und damit spirituellen Erregung kommt es nicht.

Von Roland H. Dippel

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