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Kultur Zurück zu den Träumen: Karussell feiert in der MuKo Karussell
Nachrichten Kultur Zurück zu den Träumen: Karussell feiert in der MuKo Karussell
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18:51 15.01.2017
Handschlag: Sänger Reinhard „Oschek“ Huth (l.) und Dirk Michaelis, zurückgekehrt für zwei Abende und sein „Als ich fortging“. Im Hintergrund Jochen Hohl. Quelle: Christian Modla
Leipzig

Zu dieser Feier kommen die Menschen in Gruppen. Man kennt einander und das schon lange. „40 Jahre – 40 Hits“ steht auf den Plakaten für zwei Konzerte der Band Karussell in der zwei Mal ausverkauften Musikalischen Komödie. Am Devotionalien-Tisch im Foyer gibt es ausreichend Waren des Erinnerungsbedarfs: Flaschenöffner, Feuerzeuge, Tragetaschen oder ein T-Shirt mit dem Aufdruck 1976. In jenem Jahr wurde die Band gegründet, in Leipzig, Am langen Felde 40a, gleich um die Ecke. „Mein Gesangbuch“ von Peter „Cäsar“ Gläser (1949–2008) liegt auf dem Tisch und die Film-Hommage „Vier Tage auf Hiddensee“. Musik gibt es auch, doch die steht sowieso im Plattenschrank der angereisten Freunde, Fans, Familienbanden.

„Wir stimmen uns erstmal gemeinsam ein“: Peter „Moderator“ Escher hilft in die fast vierstündige Partynacht, an deren Anfang eine halbe Stunde Bandgeschichts-Film steht. Das lässt kurz an Dia-Vorträge im Wohnzimmer denken, der Titel „Ehrlich will ich bleiben“ wirkt dann aber wie ein trotziges Versprechen auf mehr. In der Rolle des Erzählers bleibt Joe Raschke, Sohn von Mitbegründer Wolf Rüdiger und seit dem Neubeginn 2007 an Keyboards, Mikro und Mundharmonika dabei, ganz unnostalgisch. Heiteres Raunen gilt dem Wiedersehen mit zu Recht verdrängten Frisuren und Bartmoden. Aufnahmen von Fernsehauftritten zwischen „rund“ und „ZDF Hitparade“ lassen die Klassiker schon mal anklingen. „Schattenkreuze“, „Wie ein Fischlein unterm Eis“ und „Marie ...  die Mauer fällt“ – jenes Lied mit den, wie Joe rühmt, prophetischen Zeilen: „Die mit den Träumen und die mit dem Geld, die finden sich früh oder später“.

„Wunderbare Wiedervereinigung“

Die mit den Träumen füllen den Saal, entschlossen, einen Abend zu erleben, der die Seele wärmt mit der Bestätigung, gemeinsam das Richtige gefühlt und herausgehört zu haben aus Texten, deren Poesie und Relevanz sie abhoben von dem, was später kam. Das gilt nicht nur für Karussell und war am Freitagabend zur gleichen Zeit ein paar Stadtteile weiter auch beim Pankow-Konzert im Werk 2 zu erleben.

„Schluss mit Zwistigkeiten“: Reinhard „Oschek“ Huth (l.) und Dirk Michaelis. Quelle: Christian Modla

Zur kleinen Versöhnung mit den eigenen Träumen kommt auf der MuKo-Bühne später eine große Versöhnung unter Weggefährten. Da gratulieren zunächst Kollegen wie Jasmin Graf, Sängerin und Tochter von Gitarrist Hans Graf, der Moskauer Bajan-Spieler Aydar Gaynullin, die Musiker Moritz Peter Gläser, Sohn von Cäsar, und Big Joe Stolle. Da stehen Jochen Hohl, Mitbegründer, Schlagzeuger und Komponist, sowie der Gitarrist Bernd Dünnebeil auf der Bühne. Und da ist es schließlich Dirk Michaelis, 1985 bis 1991 Frontmann der Band, der sagt: „Schluss mit Zwistigkeiten.“

Dies sei, sagt Joe Raschke, „nach vielen Jahren für beide Parteien ein schwerer Gang“. Es spielt da wohl ein Streit um Michaelis’ Komposition „Als ich fortging“ eine Rolle. Nun singen sie gemeinsam „Wie ein Fischlein unterm Eis“: Michaelis Hand in Hand mit Gründer Reinhard „Oschek“ Huth, der seit 2007 wieder den unverwechselbaren Klang seiner Stimme einbringt.

Eine wunderbare Wiedervereinigung nennt es Michaelis, der Anzugjacke und Krawatte später ablegen wird. Bewegt schaut er in „die vielen bekannten Gesichter“ im Saal, bewegt vermisst er auch viele, Sänger Cäsar natürlich, von Anfang an und bis 1983 prägend. „Wenn man immer mehr Menschen abreisen sieht, fällt einem auf, was man ihnen noch hätte sagen wollen oder sagen sollen“. Michaelis, längst wieder Solo-Künstler, erinnert an seinen ersten Auftritt mit Karussell – bei „Rock für den Frieden“. Vielleicht, sagt er, sei es mal wieder Zeit für Rock für den Frieden. Zurückgekehrt ohne umzukehren setzt er sich ans Klavier und singt „Am Ende der Schlacht“, den von ihm vertonten Text Michael Sellins. Es ist einer der Momente des Abends, die über zurückgelegte Hoffnungen hinausreichen.

Lieder als „Lebenshilfe“

Trotz „Wer die Rose ehrt“, „McDonald“, „Doch wenn die Hähne krähn“, „Autostop“ oder „Mein Bruder Blues“, trotz „Oben sein?“, „Rettet unsre Nacht“ oder „Verrückter Vormittag“ vom 2011er Album „Loslassen“, trotz Aydar Gaynullins Akkordeon-Version von„Toccata und Fuge“, quasi dem „Als ich fortging“ Johann Sebastian Bachs, gerät diese Geburtstagsparty weniger zum Konzert, das ins Blut, als zur Reminiszenz, die zu Herzen geht.

Verstärkt wird die Atmosphäre des Familiären durch die Video-Begleitung im Bühnenhintergrund mit Bildern von Signierstunden, Schiffsfahrten und Hiddensee-Landschaft sowie mit Grußbotschaften von Uwe Steimle, Tom Pauls, Gregor Gysi und Musikproduzentin Luise Mirsch, die auf die Tiefe jener Ost-Rock-Hits anspielen, die „Lebenshilfe“ waren, die „Gefühle der Menschen“ trafen und die „Sprache der Jugend“ sprachen. Ein „Schatz von Liedern“. Tatsächlich unterstreichen die Texte jüngerer Werke die Qualität der alten. Und dann endlich: „Als ich fortging“, Hymne derer, die blieben und bleiben werden – bei ihren Träumen und bei ihren alten Platten.

Von Janina Fleischer

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