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Medien & TV Privatsender gegen Netflix – eine Flucht nach vorn
Nachrichten Medien & TV Privatsender gegen Netflix – eine Flucht nach vorn
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19:00 20.07.2018
Bei den Plänen für den Fernsehherbst 2018 setzen die Sender voll auf ihre Stars. Quelle: NN
Köln

Ein TV-Studio in Köln. Rund 2000 Fernsehmacher, Werber und Fachleute sprechen über die Zukunft des deutschen Fernsehens. Sie beschwören die Kraft ihrer Marken, sie präsentieren Ideen, versprechen der Werbewirtschaft das Blaue vom Himmel herunter. Aber über den blauen Elefanten im Raum reden sie nicht.

Der blaue Elefant heißt Netflix.

Im September 2014 erschien das Ungetüm in Deutschland. Seitdem ist auf dem zweitgrößten TV-Werbemarkt der Welt nichts, wie es war. Jahrelang schien es, als laufe da eine geheime Wette zwischen der RTL-Gruppe und dem Pro7Sat.1-Konzern: Wer schafft es mit weniger Geld, seinen Laden am Laufen zu halten? Neuheiten? Wagnisse? Nichts. Man lebte von der Programmsubstanz und von der Hoffnung.

Schwer vereinbar: Neue Sehgewohnheiten und alte Werbeinteressen

Plötzlich aber investieren RTL, Pro7, Vox, Sky und selbst Sat.1 wieder massiv in Shows, Filme und Serien: Acht Milliarden Euro stecken sie in der TV-Saison 2018/19 gemeinsam ins deutsche Fernsehprogramm. Es ist fast genau die Summe, die Netflix allein ausgibt – allerdings weltweit.

Der Grund: Angst um das eigene Geschäftsmodell. Von Werbeblöcken zerhacktes, lineares Fernsehen? Die nervtötende Check-24-Sippschaft sogar in den Mediatheken? Das wirkt 2018 wie aus einer anderen Zeit. Die TV-Branche tut sich schwer, veränderte Sehgewohnheiten und tradierte Werbeinteressen in Einklang zu bringen.

Zuletzt hat sie versucht, Erfolg zu simulieren – durch willkürlich zurecht gezimmerte Zielgruppen: RTL setzt auf die 14- bis 59-Jährigen, Vox auf die 14- bis 39-Jährigen, Kabel 1 auf die 30- bis 49-Jährigen – in irgendeiner Zielgruppe ist eben jeder Marktführer. Doch das ist Augenwischerei: Die Reichweiten sinken, die Sehdauer der Jüngeren schrumpft. Nach einer frischen Studie bestimmen schon 43 Prozent der Zuschauer lieber selbst, wann sie eine Sendung gucken – bei Streamingdiensten oder in Mediatheken.

Ufa-Chef Hofmann fordert ein Zurückbesinnen auf die Pionierzeit

Das rüttelt an den Grundfesten der werbefinanzierten Sender. „Wir setzen auf ein Hybridmodell aus Streaming-Abonnements und linearem Programm“, sagt Anke Schäferkordt, Chefin der RTL Group, jüngst auf der Fachmesse Screenforce Days. Die hauseigene Digitalvideothek TV Now (2,99 Euro pro Monat) soll zur Multiplattform wachsen. „Aber wir stehen erst am Anfang.“ Noch könne man Sehgewohnheiten setzen, hofft auch RTL-Senderchef Frank Hoffmann. „Wir müssen jetzt die Weichen stellen.“

„Die Uhr tickt“, warnt auch Produzent Nico Hofmann, Geschäftsführer der UFA GmbH, einer der profiliertesten Fernsehmacher des Landes („Unsere Mütter, unsere Väter“, „Ku’damm 56/59“). „Es reicht nicht, Free-TV-Projekte einfach in die Mediatheken zu stellen und zu warten, bis auch der letzte Zuschauer sie gesehen hat.“ Die Branche müsse sich zurückbesinnen auf ihre Pionierzeit. „Sie waren erfolgreich, weil sie ein kreativer Schutzraum waren, in dem ein angstfreies Ausprobieren möglich war.“ Man müsse „weg vom Primat der Marktforschung, die die Instinkte der Kreativen ersetzt hat“.

Die klassische Branche muss Kollektiverlebnisse schaffen

Tatsächlich wächst in der datenverliebten TV-Szene die Erkenntnis wieder, dass man ohne Bauchgefühl und Geld kein erfolgreiches Fernsehen machen kann. Die klassische Branche hat nur eine Chance gegen die globalen Geschichtenerzähler: Kollektiverlebnisse und Aufreger. Dafür braucht sie Ideen, Überraschungen und Risikobereitschaft. RTL-Chef Hoffmann freut sich über das „höchste Budget seit Jahren“; allein für Fiktion gibt sein Sender dreimal mehr Geld aus als 2016.

40 neue Projekte plant RTL. Das klingt nach viel. Aber: Die Konkurrenz wächst nicht – sie explodiert. Allein in den USA kamen im vergangenen Jahr 487 neue TV-Serien auf den Markt – neue Staffeln und Wiederaufnahmen nicht mitgerechnet. Das sind rund 8000 frische Folgen Serienfernsehen pro Jahr. Wer soll das alles gucken? Und: Wer guckt dann noch RTL?

Leuchtturmprojekte statt beliebiger Serienware

Noch immer gilt in der TV-Werbung der alte Wechselkurs: Ein investierter Euro ergibt drei Euro Umsatz. Es ist eine erstaunlich stabile Faustregel. Aber kann eine neue Serie über Callboys („Milk & Honey“, Vox) die Geldmaschine am Laufen halten? Oder eine neue Wäschesause mit Sylvie Meis („Sylvies Dessous Models“, RTL)? Oder eine weitere Sport-Game-Show mit Klettern und Ins-Wasser-Plumpsen („Maya Challenge“, Pro 7)?

Oder die soundsovielte Tanzshow („Masters of Dance“, Pro7)? Oder noch eine Abnehmshow, diesmal mit Koch Frank Rosin („Der Fettkampf“, Pro7)? Oder ein neues, tägliches „Frühstücksfernsehen am Abend“ bei Sat.1? Oder ein „Kommissar Rex“-Nachbau bei Sat.1 („Der Bulle & das Biest“)? Sie schießen mit dem Schrotgewehr Sendungen ins Publikum – aber wird genug davon verfangen, damit sie nicht weiter in der Irrelevanz versacken?

Produzent Hofmann rät zu mehr Leuchtturmprojekten, die an die Existenz und Leistungsfähigkeit des deutschen Fernsehens erinnern: „Der Imagegewinn mit ,Babylon Berlin’ ist unbezahlbar“, sagt er. Da trifft es sich gut, dass Hofmann selbst Leuchtturmprojekte verkauft.

Der Bezahlsender Sky stattet lineare Angebote mit Abruffunktion aus

Sky ist bei der Transformation in die neuen TV-Zeiten schon weiter: Unter der Dachmarke „Sky Q“ versucht der Pay-TV-Sender, seine linearen Angebote mit dem Komfort von Abruf-Fernsehen auszustatten, etwa mit einer „Restart“-Funktion für laufende Sendungen. 50 Millionen digitale Zugriffe verzeichnet Sky pro Monat. Zu den Höhepunkten 2018 gehört die eigenproduzierte Serie „Das Boot“ nach dem Klassiker von Wolfgang Petersen, die im November startet. Hinzu kommt „Der Pass“ über eine Mordserie in den deutsch-österreichischen Alpen und die Endzeitserie „Acht Tage“ von Oscarpreisträger Stefan Ruzowitzky („Die Fälscher“).

Es ist ein Balanceakt: Die Sender müssen ihr Modell neu erfinden und gleichzeitig ihre Werbekunden zufriedenstellen, ohne ihr Publikum zu nerven und ihre Marke zu zerstören. Was wäre RTL II etwa ohne gelegentliche Nacktheitsanfälle? Oder wie RTL-II-Geschäftsführer Andreas Bartl sagt: „Bei uns kann es immer mal wieder zu Textilfreiheit kommen.“ Wenn die TV-Welt schon im Umbruch ist, ist es doch schön, wenn sich manche Dinge nicht ändern.

Der TV-Herbst 2018: Die Sender setzen voll auf ihre Stars

Bei den Plänen für den Fernsehherbst 2018 setzen die Sender erstmal voll auf ihre Stars: Bei RTL startet (als Nachfolger von „Die 2“) eine Überraschungsshow mit Barbara Schöneberger, Günther Jauch und Thomas Gottschalk namens „Denn sie wissen nicht, was passiert“. Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf planen neben neuen Folgen von „Die beste Show der Welt“ und „Das Duell um die Welt“ eine Pro7-Weihnachtsshow. Heufer-Umlaufs „Berlin Late Night“ kommt ab Herbst zudem zweimal wöchentlich.

In der Pro7-Live-Show „Alle gegen Einen“ mit Moderator Elton gehts um Cleverness. Stefan Raabs Erfindershow „Das Ding des Jahres“ darf 2019 in eine zweite Staffel gehen. In der neuen RTL-Impro-Show „Hotel Verschmitzt“ folgen Comedian Ralf Schmitz und sein Ensemble den Anweisungen von Spielleiter Frank „Buschi“ Buschmann.

Und auch Vox zeigt mit der Comedyshow „Did You Get the Message?“ mit Lutz van der Horst und dem Mode-Casting „Guidos Masterclass“ mit Guido Maria Kretschmer neue Showformate. Bei Sat.1 bekommt Komikerin Martina Hill („heute show“) endlich eine auf sie gemünzte Show. Komiker Bülent Ceylan (42) wechselt von RTL zu Sat.1 und zeigt dort die Spielshow „Game of Games“. Genaue Sendedaten stehen noch nicht fest.

Von Imre Grimm / RND

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