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09:16 15.08.2018
100 Meter Brücke fehlen: Am Dienstag ist die Brücke in Genua zusammengebrochen. Quelle: AP
Genua


Das Bild wackelt, zu sehen sind sehr graue Trümmer, viel Regen und eine riesige Brücke, die ins Nichts führt. Als hätte sie jemand einfach abgeknickt. „O dio, o dio, o dio“, schreit ein Mann fassungslos im Hintergrund des Videos, das ein Augenzeuge dieser italienischen Tragödie mit seinem Handy aufgenommen hat.

Es ist Dienstagmittag, als der Mann sein Handy zückt, um etwas Unglaubliches festzuhalten. Der Regen im norditalienischen Genua hat sich gerade zu einem Unwetter ausgewachsen. Die Autobahnbrücke, die die Italiener nach dem Architekten Riccardo Morandi „Ponte Morandi“ nennen, führt wie immer seit ihrer Eröffnung 1967 in mehr als 40 Meter Höhe die Autos und Lastwagen auf vier Spuren über ein Gewerbegebiet, Gleisanlagen, Wohnhäuser und den Fluss Polcevera. Es ist Ferienzeit, die Autobahn 10, die berühmte Urlaubsverbindung „Autostrada dei Fiori“, ist stark befahren. An diesem Tag ist zusätzlich noch Ferragosto, Mariä Himmelfahrt, der wichtigste Feiertag, der in Italien traditionell am Meer verbracht wird. Entsprechend viele Autos sind in Richtung Süden unterwegs.

Die Katastrophe von Genua. Quelle: RND, dpa

Das Gewitter sorgt für viel Wind, der Regen peitscht, als plötzlich dieses riesige Bauwerk aus Stahl und Beton mit viel Krach einfach in sich zusammenbricht. Einige Augenzeugen wollen einen Blitz gesehen haben, der die Autobahnbrücke getroffen haben könnte. Vielleicht ist es aber auch nur der Versuch einer halbwegs logischen Erklärung für ein so plötzliches Ereignis, das man nicht einmal begreifen kann, wenn man direkt daneben stand.

Tragisches Unglück: Autobahnbrücke in Genua stürzt ein

In der italienischen Hafenstadt Genua hat sich ein tragisches Unglück ereignet.

Gepostet von RND - RedaktionsNetzwerk Deutschland am Dienstag, 14. August 2018

Mindestens 31 Menschen kommen bei dem Zusammenbruch der Brücke ums Leben, zahlreiche weitere werden verletzt. Das berichtete die italienische Nachrichtenagentur Ansa am frühen Mittwochmorgen. Unter den Toten seien auch drei Kinder im Alter von acht, zwölf und dreizehn Jahren. Mindestens 16 Menschen wurden verletzt. Die Retter suchen bis in die Nacht weiter nach Opfern und Überlebenden. Rund 40 Autos, darunter mindestens drei Lastwagen, stürzen in die Tiefe. Riesige Betonplatten fallen einfach herunter, auf Gebäude, auf Straßen, in den Fluss. Wie überdimensionale Bauklötze versperren sie die Straßen in dem Gebiet zwischen Flughafen und Innenstadt, überragen die Häuser um ein Vielfaches.

100 Meter der Autobahn sind in Sekunden einfach weg, zusammengestürzt. Eine Mischung aus Regen und Staub breitet sich über das Tal hinaus aus. „Wir sehen da unten in den Trümmern Autos, die noch die Scheinwerfer anhaben“, berichtet ein Augenzeuge dem Radiosender „Rai uno“. Man hört ihm die Verzweiflung an: „Es ist eine Katastrophe. Ich habe für das, was ich hier sehe, keine Worte.“

Schock in Italien: In mehr als 40 Metern Höhe ist eine Brücke in beide Fahrtrichtungen auf einem Stück von rund 200 Metern eingestürzt.

Angelo Borelli, der Leiter des italienischen Zivilschutzes, sagt, die Toten seien bisher alle in Fahrzeugen gefunden worden, die in die Tiefe gestürzt seien. Zwei Lagerhäuser unterhalb der Unglücksstelle seien wegen der Ferien geschlossen, so dass sich dort niemand aufgehalten habe. Wohnhäuser seien von dem Einsturz der Brücke nicht getroffen worden. Es ist eine der wenigen guten Nachrichten an diesem schwarzen Dienstag in Genua.

So unglaublich das alles ist, so drängend stellt sich die Frage, wie es zu einer derartigen Tragödie kommen konnte. In einigen italienischen Medien wird zunächst das Unwetter als Ursache diskutiert. Der Sturm, ein Blitzeinschlag – auf dem Handyvideo eines Augenzeugen ist ein weißer Lichtstrahl zu sehen. Ob es sich aber tatsächlich um einen Blitz handelt, ist nicht zu erkennen. Es ist ja ohnhin eine berechtigte Frage, ob ein Blitz eine 200 Meter lange intakte Autobahnbrücke zum Einsturz bringen kann.

Auch deshalb liegt der Verdacht nahe, dass die Ponte Morandi trotz einer Sanierung 2016 marode gewesen sein könnte. Gebaut wurde die Brücke, die auch als Polcevera-Viadukt bekannt ist, zwischen 1962 und 1967 von der Società Italiana per Condotte d’Acqua. Diese war am Dienstag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

War die Brücke marode?

Doch die Betreibergesellschaft Autostrade per Italia teilte nach dem Unglück auf ihrer Internetseite mit, dass an der Sohle der Brücke derzeit gearbeitet wurde, um das Fundament der Fahrbahn zu verstärken. Auf der Brücke selbst stand ein Baukran. „Die Arbeiten und der Gesamtzustand der Brücke wurden ständig überwacht“, heißt es in der Mitteilung. Die Ursache werde gründlich untersucht, sobald die Unglücksstelle sicher betreten werden könne. Edoardo Rixi, Staatssekretär im Verkehrsministerium, sagte in einem Interview mit dem Nachrichtensender SkyNews24: „Es ist inakzeptabel, dass eine so wichtige Brücke nicht in einer Art und Weise gebaut war, dass ein Einsturz ausgeschlossen ist.“

Klar ist: Die Brücke stand seit Jahren unter Beobachtung – und auch seit Langem in der Kritik.

„Das Ingenieurswesen ist bei der Ponte Morandi gescheitert“, sagte Antonio Brencich, Dozent an der Universität für Ingenieurswissenschaften in Genua. Allerdings sagte er das bereits im Jahr 2016. „Früher oder später muss diese Brücke ersetzt werden. Es wurden bereits so viele Instandhaltungsarbeiten geleistet, dass es langsam günstiger wäre, etwas Neues zu bauen“, gab der Experte vor zwei Jahren zu Protokoll. Sie haben nicht auf ihn gehört.

Wie ein Mahnmal ragt die zerstörte Brücke im Tal von Genua in den Himmel. Quelle: Vigili del Fuoco

„Das Problem des Ponte Morandi ist, dass die Verbindungen der Seile aus Beton sind und nicht aus Metall“, sagte Diego Zoppi, Mitglied des Nationalen Rates der Architekten, am Dienstag. „In den 1960er-Jahren hat man nicht in Betracht gezogen, dass Beton sich absenkt und dann zusammenfällt. Vor 50 Jahren hatte man noch alles Vertrauen in den Beton gesteckt – auch darein, dass er ewig hält. Heute weiß man, dass er nur wenige Jahrzehnte überdauert.“ Ist die Brücke also einfach zusammengesackt? Weil der Beton an den Seilen der Hängekonstruktion ermüdet ist?

Die Brücke, die Teil der Autobahn 10 ist, war ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt für das geschäftige Genua. Durch den wirtschaftlichen Aufschwung des Hafens und den Aufschwung des Flughafens sind auch vermehrt Schwertransporte darübergefahren. Auch das könnte ein Grund für den Zusammenbruch gewesen sein. Es wird einige Zeit dauern, bis Experten die Ursache genau kennen.

Bundespräsident drückt Anteilnahme aus

Für die Betroffenen des Unglücks spielt das zunächst keine Rolle. Trauer und Fassungslosigkeit sind groß am Unglücksort. „Non c‘è piu il ponte, die Brücke gibt es nicht mehr“, sagt ein Retter. „Es ist schlicht unfassbar.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel drückte den Menschen in Genua und in ganz Italien ihre Anteilnahme aus. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wünschte seinem Amtskollegen Sergio Mattarella „die nötige Kraft für die Bewältigung Ihrer Aufgaben“.

„Die Verantwortlichen werden dafür büßen müssen“: Trümmerberge versperren die Straße. Quelle: afp

Allerdings dauerte es auch in der Stunde der Trauer nicht lange, bis das Unglück zur Waffe in der aufgeheizten Debatte der italienischen Innenpolitik wurde. Die Regierungskoalition aus Fünf-Sterne-Bewegung und rechter Lega war im Juni angetreten mit dem Versprechen, die öffentlichen Investitionen zu erhöhen, obwohl Italien unter einem Schuldenberg von 2300 Milliarden Euro ächzt. Sie fühlen sich nun bestätigt. Danilo Toninelli, Verkehrsminister von der Fünf-Sterne-Bewegung, erklärte wenige Stunden nach der Tragödie, das Unglück belege den maroden Zustand der Infrastruktur: „Die Verantwortlichen werden dafür büßen müssen.“ Das Verkehrsministerium überlege, Klage gegen den Autobahnbetreiber Autostrade einzureichen.

Das Unglück von Genua ist leider tatsächlich kein Einzelfall. Immer wieder gibt es in Italien Unglücke mit maroden Straßen und Brücken. Im März 2017 war die Brücke über die Autobahn A 14 während Instandhaltungsarbeiten eingestürzt, zwei Menschen starben. Wenige Monate zuvor war in Norditalien eine Schnellstraßenüberführung zwischen Mailand und Lecco in sich zusammengebrochen. Ein genehmigter Schwertransporter war darüber gefahren.

Von Almut Siefert/RND

Es soll so koordiniert wie eine Militäroperation gewesen sein: Jugendliche haben in der Nacht zum Dienstag rund 100 Autos in Schweden in Brand gesetzt und die Polizei angegriffen. Es gab bereits zwei Festnahmen im Zusammenhang mit der Feuernacht.

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Riccardo Morandi war der Mann, der die Brücke von Genua konstruierte. Ein Kurzporträt des italienischen Ingenieurs, dessen Spezialität Spannbeton-Bauten waren.

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