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Panorama Mann schüttelt Baby zu Tode – elf Jahre Haft
Nachrichten Panorama Mann schüttelt Baby zu Tode – elf Jahre Haft
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15:10 27.06.2019
Der Schriftzug „Landgericht“ vor dem Gerichtsgebäude von Itzehoe. Quelle: Carsten Rehder/dpa
Itzehoe

Im Prozess um einen zu Tode geschüttelten Säugling hat das Landgericht Itzehoe den Angeklagten zu elf Jahre Haft verurteilt. Die Schwurgerichtskammer sprach den 35-Jährigen aus dem Kreis Steinburg wegen Totschlags schuldig. Der Schaustellergehilfe hatte die Vorwürfe bis zum Schluss bestritten. Den Schuldspruch nahm er äußerlich regungslos zur Kenntnis. Auch als die Vorsitzende Richterin ihm vorwarf, das kleine Baby schon zuvor misshandelt zu haben.

Der Angeklagte sollte als Lebensgefährte der Mutter im November 2018 auf deren Kind aufpassen. Ärzte diagnostizierten später bei dem toten Baby neben einem Schütteltrauma auch mehrere gebrochene Rippen sowie blaue Flecken am Körper. Jene Verletzungen hätten der Mutter beziehungsweise den Großeltern auffallen müssen: „Wenn es nur einen ernsthaft interessiert hätte, woher die Hämatome kamen, könnte Noah nach unserer Auffassung noch heute noch leben“, sagte die Kammervorsitzende.

Mutter erzählte Kinderärztin nichts von Verletzungen

Der Angeklagte war zuvor Jahre lang als Schaustellergehilfe über Jahrmärkten getingelt. Als er im Oktober 2018 zur Mutter des kleinen Noah zog, kümmerte er sich fortan um den zwei Wochen alten Säugling, während die Mutter die Sorge für Noahs rund zwei Jahre älteren Bruder übernahm. Bis zur ärztlichen Untersuchung „U3“ am 19. Oktober ging es in der jungen Familie offenbar normal zu. Hebamme und Kinderärztin waren mit dem Zustand des kleinen Jungen bis dahin zufrieden.

In den Tagen danach kam es nach Überzeugung des Gerichts dann zu ersten Übergriffen: Der Angeklagte soll Noah so fest am Oberkörper gepackt haben, dass er ihm mehrere Rippen brach. „Wegen der Schmerzen schrie er in der Folge mehr“, sagte die Richterin. Später kamen noch dicke blaue Flecke dazu. Die 21 Jahre alte Mutter machte zwar Fotos der Hämatome, berichtete jedoch der Kinderärztin nichts vorn den Verletzungen. Auch Großeltern und Schwester „zeigten kein Interesse. Man kann sich als Außenstehender nur wundern über dieses Verhalten“, sagte die Kammervorsitzende.

Baby mindesten zehn Sekunden lang kräftig geschüttelt

Trotz der Vorkommnisse ließ die Mutter den Angeklagte am 16. November mit dem kleinen Noah allein. Und sie schickte dem Angeklagten, der als eifersüchtig galt, knapp zweieinhalb Stunden später eine SMS und schrieb darin, sie wolle sie sich noch mit einem anderen Mann treffen und dann erst nach Hause kommen. Nach Auffassung des Gerichts packte der Angeklagte nach dieser Nachricht das hilflose Baby und schüttelte es kräftig. Mindestens zehn Sekunden, so ein Sachverständiger. „Ein verdammt langer Zeitraum, in dem man sieht, wie der Kopf hin und her schlägt“, sagte die Richterin: Man müsse nur einmal langsam bis zehn zählen.

Rund zehn Minuten nach der SMS alarmierte der Angeklagte den Notarzt: Das Kind habe sich beim Fläschchen geben verschluckt, behauptete er auch noch vor Gericht. Doch niemand glaubte ihm. „Er hat keine Angaben zum wahren Sachverhalt gemacht“, lautete das Fazit der Vorsitzenden Richterin.

Von Wolfgang Runge/RND/dpa