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Panorama „Oldenburger Baby“: Tim im Alter von 21 Jahren gestorben
Nachrichten Panorama „Oldenburger Baby“: Tim im Alter von 21 Jahren gestorben
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20:20 08.01.2019
Der als "Oldenburger Baby" bekanntgewordene Tim im Juni 2015 mit seiner Pflegemutter Simone Guido. Quelle: epd
Quakenbrück

Er war ein Kämpfer von Anfang an. Tim hat in einem Oldenburger Krankenhaus vor 21 Jahren seine eigene Abtreibung überlebt. Das Kind mit dem Down-Syndrom, das seine Mutter in der 25. Schwangerschaftswoche abtreiben lassen wollte, weigerte sich damals zu sterben. Manches weitere Mal hat Tim, auf Dauer belastet durch die Umstände seiner Geburt, um sein Leben gekämpft. Nun ist er im Alter von 21 Jahren überraschend gestorben.

Tim wurde bundesweit als das „Oldenburger Baby“ bekannt, erst recht als seine leibliche Mutter gegen die Ärzte wegen der misslungenen Abtreibung auf Schadenersatz klagte. Die 33-Jährige hatte sich nicht in der Lage gesehen, ein Kind aufzuziehen, von dessen Schwerbehinderung sie bei einer Fruchtwasseruntersuchung erfahren hatte.

Neun Stunden unversorgt

Bei der Abtreibung war das Frühchen, 32 Zentimeter lang und 690 Gramm schwer, lebensfähig. Und obwohl die Ärzte es in ein Tuch gewickelt unversorgt liegen ließen, lebte es weiter. Neun Stunden lang lag der Junge so da. Als er beim Schichtwechsel immer noch atmete, entschlossen sich die Ärzte, ihn dann doch medizinisch zu versorgen.

Das „Oldenburger Baby“ wuchs in einer Familie in Quakenbrück auf. Dort haben Simone und Bernhard Guido, die Pflege- und später Adoptiveltern, 21 Jahre lang viel Freude mit Tim gehabt. „Uns ist wichtig, dass er nicht reduziert wird auf das Baby, das seine Abtreibung überlebt hat“, sagt der 58 Jahre alte Adoptivvater am Dienstag unter Tränen am Telefon. „Das Leben mit Tim war ein Geschenk.“ So bereichernd empfanden der Lebensmitteltechniker und die chemisch-technische Assistentin das Kind mit Down-Syndrom, dass sie mit Melissa und Naomi weitere Kinder mit diesem Gendefekt in ihre Familie aufnahmen. Die zählte zuvor schon zwei leibliche Söhne.

Auch die „Hannoversche Allgemeine“ war in Quakenbrück zu Besuch, hatte mehrfach über das besondere Leben des besonderen Kindes berichtet. Tim machte einen fröhlichen Eindruck. Er hatte ein Lieblingsspielzeug, eine Frisbeescheibe, die er auf dem Parkettboden drehte – schon als Kind, wenn er von der Förderschule nachhause kam, und noch als junger Erwachsener. Hinzu kam seine Begeisterung für Musik. Wenn die Familie sang, wie vor Kurzem zu Weihnachten, klatschte er den Rhythmus dazu.

Ursprünglich hatten die Guidos ein gesundes Pflegekind in ihre Familie aufnehmen wollen, wie Simone Guido einmal sagte: „Wir hatten zwei gesunde Kinder und wollten aus Dankbarkeit ein drittes aufnehmen.“ Doch als das Jugendamt ihnen in den Klinik Tim zeigte, entschieden sie sich für ihn. Das hätten sie nie bereut, obwohl vieles nicht einfach war. Die eingeleitete allzu frühe Geburt hatte den Jungen schwer geschädigt. Als seine jüngere Pflegeschwester trotz ihres eigenen Down-Syndroms längst sprach, lernte Tim das nicht. Er musste mit einer Magensonde ernährt werden. Er litt häufig an Lungenentzündungen, eine klare Folge der Abtreibung.

Ansteckende Fröhlichkeit

In den ersten Jahren hielt der leibliche Vater, der das Sorgerecht hatte, noch Kontakt zu Tim. Nachdem Tims leibliche Mutter gestorben war, hörten die Besuche auf. Die Pflegeeltern haben sich mit Schuldzuweisungen immer zurückgehalten. Sie versuchten zu erklären, warum Tims Mutter mit Selbstmord drohte, als sie vom Gendefekt ihres noch ungeborenen Sohnes erfuhr. Die Frau habe schon ein gesundes Kind gehabt und eine Totgeburt hinter sich. Sie sei womöglich nicht ausreichend beraten worden, als sie sich für die Abtreibung entschied.

Das Leben mit Tim hat Familie Guido bewogen, sich auch öffentlich für Kinder mit Down-Syndrom einzusetzen. Die beiden plädieren dafür, statt einer Abtreibung die Babys in Pflege oder zur Adoption zu geben: „Sie lassen sich leicht vermitteln“ – nicht zuletzt wegen ihrer ansteckenden Fröhlichkeit. Simone und Bernhard Guido haben die Stiftung „Tim lebt“ unter anderem mit einem Buch über Tim dabei unterstützt, Geld für Delfintherapien für behinderte Kinder zu sammeln. Beim Schwimmen mit Delfinen, erzählen sie, habe Tim ganz viel Spaß gehabt und die größten Fortschritte gemacht.

Tims Ende kam überraschend. Die Familie feierte noch unbeschwert gemeinsam Silvester. Nach Neujahr besuchte der 21-Jährige wieder den Berufsbildungsbereich seiner heilpädagogischen Werkstatt. Plötzlich traf ihn erneut ein Infekt der Atemwege, vielleicht ein Lungenentzündung. Wenig später starb er im Krankenhaus, so unerwartet, dass die Familie es noch kaum fassen kann. „Es ist schön zu wissen, dass Tim so viele Menschen bewegt hat“, sagt Bernhard Guido.

Von Gabriele Schulte/RND

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