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Panorama Warum wir echte Mutproben statt Challenges brauchen
Nachrichten Panorama Warum wir echte Mutproben statt Challenges brauchen
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10:00 02.03.2019
Von der Mutprobe zur Challenge: Wie das Internet unseren Umgang mit Wagnissen verändert. Quelle: Imago/iStock/RND
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Hannover

Es dauert mehrere Ewigkeiten, ehe Macke das Zeichen gibt. „Die Luft ist rein!“ Als es so weit ist, jubilieren wir anderen so euphorisch, als hätte James Bond gerade vor unseren Augen eine Wasserstoffbombe entschärft. Respektvolles Schulterklopfen im Vorbeigehen, lockeres Nicken von Macke, obwohl ihm der Angstschweiß noch auf der Akne steht.

Nacheinander klettern nun wir alle, Macke, Lukas, Phillipp und ich, zunächst über die Absperrung, dann die Betontreppen hinauf. Auf dem Dach des halb fertigen Neubaus setzen wir uns nieder und trinken, von Angst beschleunigt, jeder ein Bier in wenigen Zügen. Eine Mutprobe ist das, wenn auch eine verwerfliche: das Besteigen eines ungesicherten Neubaus, um über die Kleinstadt zu blicken, aus der wir stammen.

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Aus wissenschaftlicher Sicht tragen das Hormon-Potpourri in unseren Köpfen sowie das ebenfalls dort ansässige Triebsystem die Schuld daran. Denn jetzt, in der Pubertät, absolvieren wir Mutproben in Dauerschleife. Nie würden wir sie so nennen – aber sie sind es, zumindest aus Sicht der Pädagogik: Wer trinkt mit? Wer klettert mit? Wer pinkelt mit? Unsere Eltern würden wahnsinnig, würden sie davon wissen. Pädagogen hingegen attestierten uns, durch diese Aktion unseren Charakter zu bilden. Aber dazu später mehr.

Klickzahlen wachsen wie Geschwüre

Heute, 13 Jahre nach unserem Nachtausflug, ist unsere Pubertät mehr oder minder erfolgreich abgeschlossen, gruppenweise abgehaltene Mutproben sind Teil der Vergangenheit. Aber sie begegnen einem derzeit in neuem Gewand: Challenges heißen sie jetzt, und im Bauch des Internets wachsen ihre Klickzahlen wie Geschwüre.

Angefangen mit der Ice Bucket Chal­lenge, bei der sich Tausende für einen guten Zweck Eiswassereimer über den Kopf kippten, eskalierte die öffentliche Selbstqual zu einem alle paar Monate aufploppenden Phänomen der Massenmedien. Auf den Grabbeltischen von Youtube und Facebook findet sich dabei Skurriles neben Blödsinnigem, Aufgebauschtem und Gefährlichem.

Trocknet die Cinnamon-Challenge (Essen eines Teelöffels Zimt) nur den Schlund der Ausführenden, bringt die Banana-Sprite-Challenge ihre Tester (Essen zweier Bananen, anschließendes Trinken von 1,5 Litern Sprite) bereits zum Übergeben. Die Tide-Pod-Challenge (Essen eines Waschmittelpads) beförderte an die hundert Jugendliche sogar ins Krankenhaus, bei der Blind-Box-Challenge (Bewältigung von Alltagsaufgaben mit verbundenen Augen) nun rennen Menschen gegen Wände, fallen U-Bahn-Schächte hinab und verursachen Verkehrsunfälle.

Wer seine Follower bei der Stange halten will, muss permanent Inhalte liefern

Das ausgelöste Debakel ist so groß, dass Youtube Streiche und Challenges, die „ernstes emotionales Leid“ oder „körperliche Gewalt“ zeigen, zukünftig verbieten wird. Nichtsdestoweniger: Beliebt sind sie. Denn Challenges befriedigen je nach Ausführung unser Bedürfnis nach Schadenfreude und/oder Unterhaltung. Aufseiten der Onlinesteller indes locken Aufmerksamkeit und Relevanz.

So gehören laut Jan-Hinrik Schmidt vom Hamburger Leibniz-Institut für Medienforschung Selbstdarstellung und Beziehungspflege zu den wichtigsten Funktionen der sozialen Medien. Besagte Beziehungspflege funktioniert beispielsweise, indem Influencer wie Bianca Heinicke („BibisBeautyPalace“) anbieten: „Wenn das Video 140 000 Daumen nach oben bekommt, gibt es eine neue Challenge.“

Zuschauer können Vorschläge für diese Challenges zudem in die Kommentare schreiben, was zusätzlich Nähe und Bindung schafft. Denn wer seine Youtube-Follower bei der Stange halten will, muss dafür immerzu neuen Inhalt liefern. Und weil Youtuber in den sozialen Medien vorwiegend sich selbst verkaufen, müssen sie Neues auch aus sich selbst generieren – da sind Challenges ein beliebtes Mittel der Wahl.

Michael Otto, Aufsichtsratsvorsitzender der Otto Group, lässt sich einen Eimer Wasser über den Kopf kippen. Mit der "Ice Bucket Challenge" sollte auf die Nervenkrankheit ALS aufmerksam gemacht werden. Quelle: Daniel Bockwoldt/dpa

Allein: Die Challenges des Internets sind zumeist entkoppelt vom eigentlichen Sinn der Mutprobe. So versteht die Wissenschaft unter einer Mutprobe jede bewusste Überschreitung von Angst, unabhängig davon, ob dies allein oder in Gruppen geschieht. „Das heißt: Wer Angst vor der Dunkelheit hat und sich vornimmt, trotzdem in den dunklen Keller hinabzusteigen, absolviert genauso eine Mutprobe wie jemand, der beispielsweise einen Wurm isst, um Teil einer Gruppe zu werden oder zu bleiben“, sagt Wagnisforscher Siegbert Warwitz.

Kein anderer deutscher Forscher hat Mutproben so gründlich untersucht wie er. Der Lohn einer Mutprobe sind ihm zufolge Glücksgefühle nach erfolgreichem Abschluss. „Angstlust“ nennt er diese Gefühle, geboren aus der Einsicht: „Ich kann das tatsächlich.“

Diese Erfahrung machen nicht nur Teenager zwischen elf und 15, sondern Menschen jeden Alters. Zwar werden Mutproben fast ausschließlich in Kindheit und Pubertät auch so benannt – Warwitz zufolge bewältigt sie jedoch jeder bis ins hohe Alter. „Wenn sich etwa auf Elternabenden alle Eltern gegen den Lehrer stellen und man selbst sich überwindet, trotzdem dem Lehrer beizupflichten.“

Jungen bevorzugen das Spektakuläre, Mädchen das Dezente

Einen Unterschied zwischen Mädchen und Jungen, Männern und Frauen gibt es dabei nicht. Nur in einem Punkt äußern sich Abweichungen: Jungen bevorzugen das Spektakuläre, Mädchen das Dezente. So sind aufsehenerregende Mutproben eher Sache der Männer. Frauen dagegen überwinden eher ihren Ekel und wägen schneller ab als Männer.

Das zeigt eines der Experimente von Siegbert Warwitz: Er und seine Mitarbeiter fragten Schüler, ob sie schon einmal vom Fünf-Meter-Brett gesprungen seien. Wer die Frage mit Ja beantwortete, sollte nun vom Zehn-Meter-Brett springen, wer mit Nein, erstmalig vom Fünfer.

Das Ergebnis: Jungs, auf einen spektakulären Auftritt bedacht, kletterten zwar eher auf den Turm, bekamen jedoch auch eher wieder kalte Füße und stiegen gedemütigt hinab. Mädchen dagegen wogen vorher ab, bevor sie sprangen. Wenn sie den Aufstieg jedoch wagten, sprangen sie auch. Und zwar in gleicher Zahl wie die Jungs.

Das Ziel von Challenges ist Aufmerksamkeit

Die Challenges sozialer Medien hingegen enthalten anders als der Sprung vom Fünfer oder der Einsatz vor versammelter Elternschaft keine Überwindung tatsächlicher Angst. Wer zwei Bananen isst, anderthalb Liter Sprite trinkt, um sich anschließend kalkuliert zu übergeben, fürchtet vielleicht Bedeutungsverlust, nicht aber die Herausforderung an sich.

Ziel von Challenges ist Aufmerksamkeit, die von Mutproben Überwindung. Damit bilden Challenges anders als Mutproben nicht den Charakter, sondern höchstens Verletzungen und Fan-Community. Challenges brauche es Warwitz zufolge weniger (er nennt sie „Dummheiten“), Mutproben mehr.

In seinem Buch „Sinnsuche im Wagnis“ plädiert er daher für eine neue Pädagogik. Bewährungspädagogik nennt er sie: „Verbieten Sie Ihren Kindern keine Mutproben, sondern ermutigen Sie sie dazu. Zeigen sie Ihnen, dass der Weg durchs Dunkle nicht schlimm ist, dass Klettern nicht gefährlich sein muss – und dass auch Strom es ebenfalls nicht ist, wenn man nur richtig mit ihm umgeht.“

Eltern müssen mutig genug sein, ihre Kinder freizulassen

Wer nicht lerne, seine Ängste zu bewältigen, stehe im späteren Leben schlecht da. Eltern müssten mutig genug sein, ihre Kinder freizulassen, Kinder mutig genug, ihre Grenzen zu testen. Nur schädlich sein sollten die Mutproben nicht. Weder für einen selbst noch für andere. Und: Illegal sollten sie auch nicht sein. Vom nächtlichen Besteigen eines unsicheren Neubaus sei daher an dieser Stelle ausdrücklich abgeraten.

Und noch etwas rät Warwitz: „Wer irgendwann sagt, Mutproben habe ich nicht mehr nötig, irrt. So ein Satz zeigt nur, dass man alt wird und den Sinn von Mutproben nicht wirklich verstanden hat.“

Von Julius Heinrichs