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Politik Anschläge auf Sri Lanka: „Terroristen zielen bewusst auf Gläubige“
Nachrichten Politik Anschläge auf Sri Lanka: „Terroristen zielen bewusst auf Gläubige“
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06:01 23.04.2019
„Die Täter wollen größtmögliche Aufmerksamkeit und maximalen Schaden“: Grünen-Politiker Konstantin von Notz, Quelle: dpa
Berlin

Konstantin von Notz (48) ist stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag. Der Jurist ist Innen- und Sicherheitspolitik-Experte seiner Fraktion und zudem Beauftragter für Religion und Weltanschauungen. Im Interview mit dem RND spricht von Notz über die Anschläge auf Christen in Sri Lanka.

Herr von Notz, was war Ihr erster Gedanke, als Sie am Ostersonntag die Nachricht von den Anschlägen auf Sri Lanka erreichte?

Das ist ein entsetzliches Verbrechen. Da wurden Menschen attackiert, die beim Beten zu Ostern friedlich zusammenkamen oder arglos im Urlaub weilten. Die Taten machen mich tief betroffen.

Welche Wirkung haben der Tatzeitpunkt und die Tatorte?

Eine so eng getaktete Anschlagsserie stellt logistisch ein anspruchsvolles Unterfangen dar. Die Tat scheint in ihrer Perfidie sehr bewusst inszeniert worden zu sein. Die verstörende Wirkung ist kalkuliert. Die Täter wollen größtmögliche Aufmerksamkeit und maximalen Schaden. Und sie haben offensichtlich das Ziel, die nicht unkomplizierte staatliche Ordnung Sri Lankas zu erschüttern. Insofern reihen sich diese Attacken ein in eine immer länger werdende Serie von Terrorakten islamistischer Anschlägen, sie ähneln aber auch rechtsextremistischen Taten wie etwa im neuseeländischen Christchurch im März diesen Jahres. Auch dort entlud sich der Hass auf betende Menschen in einem Gotteshaus – in jenem Fall in einem muslimischen.

Nimmt die Gewalt gegen Christen weltweit zu?

Zweifellos gibt es brutalste terroristische Gewalt ganz gezielt auch gegen Christinnen und Christen. Wir haben das gemeinsam mit anderen Fraktionen mehrfach im Bundestag thematisiert. Aber es lässt sich ein allgemeineres Muster der Extremisten aller Couleur erkennen: Terroristen zielen oft bewusst auf Gläubige, um zu spalten, Gräben zu vertiefen und Versöhnung zu verunmöglichen. Das verbindet die Dschihadisten, die in europäischen Großstädten gezielt „Ungläubige” treffen wollen, mit den Tätern von Sri Lanka - wo die genauen Hintergründe noch der exakten Aufklärung bedürfen - mit rechtsextremistischen Tätern wie in Christchurch.

Trotz des unterschiedlichen kulturellen Hintergrunds?

In ihrer religiösen Zugehörigkeit mögen sich die Attentäter unterscheiden – in ihrem Vorgehen ähneln sie einander, denn das Motiv ist fast deckungsgleich: Man hasst die Pluralität moderner Gesellschaften, will die Menschen gegeneinander aufbringen, religiös und ethnisch spalten und die staatliche Ordnung erschüttern, um ein autoritäres, antidemokratisches Herrschaftssystem zu errichten.

Hat der Westen, hat vielleicht gerade eine so säkulare Partei wie die Grünen die Macht von Religion unterschätzt?

Wir sind eine ausgesprochen plurale Partei. Es gibt säkulare und fromme Grüne, ich selbst bin gläubiger Protestant. Die Stigmatisierung von Menschen aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit ist ein altes Phänomen, das uns seit jeher bewusst ist. Von ihm zeugt die deutsche Geschichte mit zahllosen Religionskriegen bis hin zum schlimmsten Menschheitsverbrechen, dem nationalsozialistischen Völkermord, der Schoah. Religion wird oft ideologisch missbraucht, um Hass und Gewalt politisch zu rechtfertigen.

Sind wir in Deutschland immun gegen solches Denken?

Nein. Die AfD mit ihren dauerhaften wie pauschalen Attacken gegen „den Islam“ oder „die Muslime“, die Angstmacherei der Partei vor angeblichen „Messermännern“, die zu uns kämen, um das christliche Abendland auszulöschen, schürt genau diese gefährliche Erzählung. Aus Worten werden schnell Verschwörungsfantasien, die wiederum zu Gewalttaten führen können.

Was lehren die Anschläge auf Sri Lanka?

Sri Lanka zeigt: Es gibt zahllose Extremisten, die die Welt in Flammen sehen wollen. Die Demokratien dieser Welt müssen sich mit allen rechtsstaatlichen Mitteln entschlossen gegen Terroristen jeglicher Art zur Wehr setzen, um unsere Freiheit, Pluralität und Rechtsstaatlichkeit zu verteidigen. Aber wir müssen uns auch den diversen Verschwörungstheorien der religiösen Extremisten und rassistischen Ideologen entgegenstellen, denn diese liefern den Nährboden für solche Taten.

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Täter:
Fast alle Anschläge waren Selbstmordattentate

Opfer:
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Info:
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Von Marina Kormbaki/RND

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