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17:27 09.12.2018
Immer mehr Fahrgäste – die Bahn ist Opfer ihres eigenen Erfolgs. Jetzt kommt noch der Streik hinzu. Quelle: Peter Steffen/dpa
Berlin,

Am Sonntag war Fahrplanwechsel bei der Bahn. Das bedeutet traditionell: Höhere Preise und mehr Züge auf den Prestige-Strecken. So war es dieses Jahr auch. 1,9 Prozent höhere Preise im Fernverkehr und mehr Sprinter auf der Strecke Berlin-München, wo die neuen ICE 4 dem Flugzeug noch mehr Konkurrenz machen sollen. Doch jetzt kommt auch noch ein Streik hinzu. Welche Züge von den Warnstreiks der Gewerkschaft EVG betroffen sind, erfahren Pendler und Reisende erst am Montagmorgen.

Nur noch 70 Prozent pünktliche Züge

Der Zeitpunkt könnte schlimmer nicht sein. Die Bahn leidet – auf allen Ebenen. Auch an ihrem Erfolg. Immer mehr Pendler, immer mehr Fahrgäste im ICE, immer mehr Sonderangebote, um die Flixbus-Konkurrenz auf Abstand zu halten. Und immer mehr Pannen. Nur noch 70,4 Prozent aller Fernverkehrs-Züge waren im November pünktlich – das heißt bei der Bahn: weniger als sechs Minuten verspätet. Tendenz fallend. Wie viele davon in umgekehrter Wagenreihung, ohne Bordrestaurant und mit fehlenden Reservierungsanzeigen fuhren, wird nicht statistisch vermerkt.

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Und nun kommt der Streik. Zwei Tage nur, vorerst, und vermutlich regional begrenzt. In den Tarifverhandlungen waren Bahn und Gewerkschaft gar nicht mehr weit voneinander entfernt, die EVG ließ die Gespräche dennoch platzen. EVG-Chef Alexander Kirchner treibt den Vorstand auf mehreren Ebenen vor sich her – beim Warnstreik und im Aufsichtsrat, wo er vehement neue Strukturen anmahnt. Seine Gewerkschaft ist die größere Arbeitnehmervertretung bei der Bahn. Gestreikt hatten in der Vergangenheit aber immer die Lokführer von der GDL mit ihrem charismatischen Chef Claus Weselsky. Der hält sich zurzeit zurück: Vor Weihnachten werde es keinen Lokführerstreik geben, sagte er dem „Tagesspiegel“. Und fügte hinzu: „Was die Bahn den Kunden bietet, ist ein Jammer. Da muss man als Gewerkschaft auch ein bisschen Rücksicht nehmen.“ Wenn schon der härteste Kritiker des Bahn-Konzerns um Mitleid wirbt, muss wirklich viel im Argen liegen.

Fern- und Nahverkehr sind zwei Welten

Kirchner, der auch Aufsichtsrats-Vizechef ist, bemängelt in einem Brief an Bahnchef Richard Lutz den „fehlenden ganzheitlichen Ansatz im Personenverkehr“. Fern- und Regionalverkehr würden „unabhängig voneinander Strategien und Planungen entwickeln“, schreibt die „Welt“, der der Brief vorliegt. ICEs und Regionalzüge fahren in zwei Welten. Das fällt immer dann besonders krass auf, wenn sich diese Welten einmal verbinden – zum Beispiel im Großraum Leipzig. Weil sich einige ICEs zwischen München und Berlin den zeitraubenden Schlenker über den Leipziger Kopfbahnhof planmäßig sparen, werden Geschäftsreisende zwischen beiden Städten in die S-Bahn nach Bitterfeld geleitet. Dort stehen dann die Berliner Kreativen und Hamburger Businessmenschen eng aneinandergedrängt in der komplett überfüllten Berufsverkehr-S-Bahn via Delitzsch. Und alle erleben gemeinsam, wie die Bahn nicht nur in dieser Region Opfer ihres eigenen Erfolgs wird. Im Leipziger City-Tunnel stauen sich die Züge ebenso wie auf der Berliner Stadtbahn oder der NRW-Banane zwischen Köln und Dortmund. Dort fahren 40 Prozent mehr Züge als für einen stabilen Bahnbetrieb vorgesehen.

Die Bahn verspielt ihre Zukunft

Das eigentlich Tragische am großen und kleinen Ärger auf der Strecke aber ist: Zwischen Verzögerungen im Betriebsablauf, Signalstörungen und Weichenschäden verspielt ein Verkehrsmittel seine Zukunft. Dabei ist die Bahn bei Verkehrsplanern das Rückgrat des modularen Verkehrs in der Sharing-Gesellschaft. Mit dem autonomen Bus oder dem Sammeltaxi zur nächsten Haltestelle, mit dem ICE in die nächste Stadt und dort mit dem Mietrad zum Ziel - so etwa sehen die Vorstellungen der Mobilität der Zukunft aus. 2030, in zwölf Jahren also, will die Bahn mit dem „Deutschlandtakt“ endlich verlässliche Reise- und Umsteigezeiten für das ganze Land bieten – nicht nur auf den Rennstrecken. Dafür muss gebaut und geplant werden, doch schon jetzt rennt dem Konzern die Zeit davon. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) ist genauso wenig Bahn- wie Diesel-Minister – keins der drängenden Probleme macht er wirklich zur Chefsache. Dabei müssten Bund und Bahn-Vorstand endlich an einem Strang ziehen würden. Die Bahn muss Priorität bekommen. Sonst wächst der Bahn-Ärger weiter. Und die Pendler stehen lieber im Stau. So wie – streikbedingt – an diesem Montag

Von Jan Sternberg/RND

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