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Politik Manfred Weber – der unbekannte Europawahl-Favorit
Nachrichten Politik Manfred Weber – der unbekannte Europawahl-Favorit
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11:00 21.05.2019
Im Wahlkampf in Athen: Manfred Weber will Präsident der EU-Kommission werden. Dafür tourt er derzeit durch Europa. Quelle: Foto: Aristidis Vafeiadakis/Imago images
Brüssel/Berlin

Am Freitag vergangener Woche steht Manfred Weber in einer blitzblank aufgeräumten Lehrwerkstatt und fragt: „Und, wie sehen Sie das mit Europa?“ Ein paar Auszubildende im Rolls-Royce-Werk gucken auf den Boden, einer fasst sich ein Herz und sagt: „Der Brexit, der ist für uns allgegenwärtig. Wie geht es weiter? Das ist die Frage, die uns interessiert.“ Der Mutterkonzern der Fabrik in Dahlewitz hat seinen Hauptsitz in Großbritannien.

Gute Frage, nächste Frage. Manfred Weber weiß die Antwort auch nicht. Aber das erwartet in diesem Moment auch niemand von dem CSU-Politiker. Man kann nicht alles wissen, selbst dann nicht, wenn man, wie Weber, nach der Europawahl Chef der mächtigen EU-Kommission in Brüssel werden will. Und schließlich wissen die Briten selbst nicht, wie es weitergeht.

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Nur ein Viertel der Deutschen kennt Weber

Der kurze Besuch in Dahlewitz, südlich von Berlin, ist Teil von Webers Zuhörtour. Seit Wochen reist der 46 Jahre alte Niederbayer kreuz und quer durch Europa. Mal ist er in Hauptstädten wie Lissabon, Athen, Zagreb oder Helsinki, mal auf dem platten Land wie in Dahlewitz, südlich von Berlin. Damit will sich der Kandidat in allen 28 Mitgliedsstaaten der EU bekannt machen.

Bekannt zu werden, das hat Weber nötig. Manfred wer? Das ist nicht despektierlich gemeint, sondern beschreibt eine Tatsache. Eine Ende April durchgeführte Umfrage ergibt, dass nur ein Viertel der Deutschen weiß, wer Manfred Weber ist. Der aussichtsreichste Kandidat für das höchste Amt der EU, Hoffnungsträger der deutschen Konservativen, potenziell erster Deutscher seit 50 Jahren an der Spitze der EU – nahezu unbekannt. Nach den Interviews, TV-Debatten und Wahlkampfauftritten der letzten Wochen dürfte Weber ein paar Leuten mehr geläufig sein. Zu Berühmtheit hat er es allerdings auch jetzt, wenige Tage vor der Wahl, nicht gebracht.

„Mane“, der Hobbygitarrist

Weber ist nett, zuvorkommend, spricht mit leiser Stimme, überdreht nicht. Er ist der Anti-Krawallo in den Reihen der CSU, die so viele Lautsprecher hat. Er ist keine Rampensau, er spielt sich nicht in den Vordergrund – und diese sympathischen Eigenschaften könnten sich als Problem erweisen.

Weber ist der unbekannte Favorit, der wie seine Mitbewerber mit den Eigenarten des Europa-Wahlsystems zurechtkommen muss: Weber kann nur in Bayern direkt gewählt werden. Wer will, dass der „Mane“, wie der Hobbygitarrist in seiner niederbayerischen Heimat noch heute genannt wird, EU-Kommissionspräsident wird, soll also die konservativen Parteien wählen, die sich in der Europäischen Volkspartei zusammengeschlossen haben.

Bayer und Europäer: kein Widerspruch

Das ist auch der Grund für Webers Auftritt in Dahlewitz. Weber selbst ist nicht wählbar, aber der regionale Europakandidat von der CDU ist es. Wer ihn wählt, stimmt indirekt auch für den Spitzenkandidaten aus Bayern.

So ähnlich funktioniert das überall, wohin Weber in diesen Tagen reist. Am Samstag steht er im kroatischen Zagreb in einer Halle und wirbt für sich. Am Sonntag ist es Sofia in Bulgarien. Weber sagt, er sei ein Bayer und ein Europäer. Ein Widerspruch sei das nicht.

Zurück nach München? Nein, danke

Vom CSU-Übervater Franz Josef Strauß stammt der Satz „Bayern ist unsere Heimat, Deutschland unser Vaterland, Europa unsere Zukunft“. Weber, 1972 geboren, überspringt die ersten beiden Stufen. Er macht Europa schon früh zu seiner Gegenwart. Der Umweltingenieur wird 2002 in den bayerischen Landtag gewählt. Weber ist damals Vorsitzender der Jungen Union in Bayern; dass dem Niederbayern im Freistaat eine steile Karriere beschieden sein wird, scheint klar. Doch Weber überrascht all jene, die meinen, die schönste Wirkstätte eines Politikers sei München, und das sind in der CSU bis heute nicht wenige. Nach nur zwei Jahren im bayerischen Landtag zieht es Weber 2004 nach Straßburg, ins Europaparlament.

Mit dem Teilrückzug von Horst Seehofer bietet sich Weber Ende 2018 sogar die Möglichkeit, CSU-Parteichef zu werden. Doch Weber lehnt ab. Europa soll sein Arbeitsplatz bleiben, wenn auch mit einer Veränderung: Nach 15 Jahren im EU-Parlament will er nun an die Spitze der EU-Kommission wechseln, als Nachfolger des Luxemburgers Jean-Claude Juncker. Die Tage bis zur Wahl sind die entscheidenden Tage in der politischen Laufbahn des Manfred Weber.

Keine Zusammenarbeit mit den Populisten

Es sind auch ausgerechnet die Tage, in denen Europa noch mehr als gewöhnlich von außerordentlichen Ereignissen erschüttert wird. In Wien zerbricht die Regierung des bürgerlich-konservativen Bundeskanzlers Sebastian Kurz wegen der Videoaffäre seiner rechtspopulistischen Koalitionspartner von der FPÖ. In Mailand treffen sich Rechtspopulisten unter Führung von Italiens Innenminister Matteo Salvini, um eine Allianz zu gründen, die Europa grundlegend verändern will. Patrioten seien das nicht, sagt Weber. Er werde sich nicht von diesen Parteien wählen lassen und mit ihnen auch „nicht in einem einzigen Punkt“ zusammenarbeiten.

Immerhin scheint ihm jetzt die Unterstützung der Bundeskanzlerin sicher zu sein. „Manfred Weber soll Präsident der EU-Kommission werden“, ruft Angela Merkel am Sonnabendabend in eine Sporthalle in Zagreb hinein. Dort ist sie empfangen worden wie ein Popstar. Beim Einmarsch lief die kroatische Version von „Eye of the Tiger“, die Ansagerin auf der Bühne nennt Merkel eine „politische Ikone Europas“. Würde Merkel zur Wahl stehen als EU-Kommissionspräsidentin, sie hätte die Stimmen der 6000 Männer und Frauen in der Drazen-Petrovic-Basketballhalle.

Auf Merkel kommt es an

Doch die Bundeskanzlerin ist nur Wahlhelferin für Weber. Bizarr genug, dass sie bislang in Deutschland nicht in den Eurowahlkampf eingegriffen hat, Weber nun aber in Kroatien zur Seite springt. Auf Merkel kommt es dabei an, ob der CSU-Mann tatsächlich Kommissionschef wird. Denn Weber ist nicht nur vom Wahlergebnis am Sonntag abhängig, er braucht auch die Gunst der Staats- und Regierungschefs.

Weber ist im Europaparlament bestens vernetzt. Dass seine Drähte aber auch bis nach Brüssel, in die Tiefen der Kommissionsbürokratie, und bis in die Regierungszentralen der Hauptstädte reichen, bezweifeln selbst Parteifreunde. Auch dass er keine Regierungserfahrung hat, wird Weber als Nachteil ausgelegt. Er selbst deutet die Kritikpunkte in einen Vorteil um: Sie unterstrichen ja bloß seine Ferne vom Brüsseler Klüngel. „Ich möchte Europa den Menschen zurückgeben“, so Weber über Weber.

Der Spitzenkandidat als Kommissionschef: Macron will das nicht

Womöglich wird er die Gelegenheit dazu aber nicht bekommen. Denn einige Regierungschefs halten nicht viel vom Spitzenkandidaten-Konzept – also davon, dass jener Spitzenkandidat Anrecht auf den Kommissionsvorsitz hat, dessen Parteifamilie siegreich aus der Wahl hervorgeht.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron etwa ist erbitterter Gegner dieses Verfahrens, das erstmals 2014 auf Betreiben von Jean-Claude Juncker und dem damaligen SPD-Kandidaten Martin Schulz praktiziert wurde. Solange es keine transnationalen Listen gebe, die es etwa einem Deutschen erlaubten, einen niederländischen Kandidaten zu wählen, solange könne es auch keine gesamteuropäischen Spitzenkandidaten geben, meint Macron. Eine lange Reihe liberaler Regierungschefs aus den Benelux-Ländern und Skandinavien hat sich Macron in dieser Frage angeschlossen.

Weber und die Gnade der Regierungschefs

Die doppelte Abhängigkeit von Wahlergebnis und Gnade der Regierungschefs schmälert Webers Chancen. Er weiß das – und kontert mit dem Vorwurf, seine Kritiker betrieben das Geschäft jener, die die Demokratie in Europa untergraben wollten. „Was soll falsch daran sein, den Menschen vor der Wahl zu sagen, wer anschließend Kommissionspräsident werden soll?“, hat Weber vor einigen Tagen im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland gesagt.

Vielleicht weiß der Niederbayer bereits am Dienstag nächster Woche, wohin die Reise für ihn gehen wird. Denn dann treffen sich Merkel, Macron und Co. zu einem Abendessen in Brüssel, um sich über die Ergebnisse der Europawahl zu beugen. Bis dahin wird Weber weiter durch Europa ziehen.

Von Damir Fras und Marina Kormbaki

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