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Politik Mordfall Lübcke: Neue Spur führt nach Schleswig-Holstein
Nachrichten Politik Mordfall Lübcke: Neue Spur führt nach Schleswig-Holstein
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12:04 15.10.2019
Sichergestellte Waffen und ein Schild der kriminellen Neonazi-Gruppe "Combat 18" liegen im schleswig-holsteinischen Landeskriminalamt (LKA). Quelle: Horst Pfeiffer/dpa
Berlin

Im Fall des ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke verfolgen die Ermittlungsbehörden eine Spur nach Norddeutschland. Die Bundesanwaltschaft hat aus Schleswig-Holstein Akten zum mutmaßlichen Mörder Stephan E. angefordert, wie das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) aus Ermittlerkreisen erfuhr.

Nach RND-Informationen untersucht die oberste deutsche Anklagebehörde, ob die Tatwaffe, ein Revolver des brasilianischen Herstellers „Rossi“, Kaliber .38 Spezial, ursprünglich von der rechtsextremen Terrorgruppe „Combat 18 Pinneberg“ stammte.

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Stephan E. ist wegen einer Straftat in Neumünster vorbestraft

Die Ermittlungen konzentrieren sich auf zwei aktenkundige Vorgänge. Am 5. April 2003 nahm E. an einer Demonstration gegen eine Wehrmachtsausstellung in Neumünster teil. Dort kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen. E. wurde wegen Körperverletzung und Beleidigung zu einer Geldstrafe verurteilt. Er hatte eine Frau am Hals gepackt und weggeschleudert und war bereits wegen eines 1993 verübten Bombenanschlags auf eine Flüchtlingsunterkunft im südhessischen Hohenstein-Steckenroth vorbestraft.

Organisiert wurde die Demonstration in Neumünster vom damaligen NPD-Landeschef, Waffenhändler und „Combat 18 Pinneberg“-Mitglied Peter Borchert.

Polizei findet "Rossi"-Revolver bei Razzien in Schleswig-Holstein

Am 28. Oktober 2003 durchsuchte die Polizei mit 300 Beamten des Staatsschutzes etwa 50 Wohnungen und Treffpunkte der rechten Gruppe „Combat 18 Pinneberg“ in Schleswig-Holstein und Hamburg. Der Verdacht: Bildung einer kriminellen Vereinigung, Waffenhandel, Vertrieb illegaler CDs und Schutzgelderpressung.

Im Zuge der Razzien stellten die Fahnder ein Kassenbuch, eine „Anti-Antifa-Liste“ mit Namen, Lichtbildern und Adressen politischer Gegner sowie sechs Waffen sicher, neben einer Pumpgun und einer Schrotflinte vier „Rossi“-Revolver - baugleich mit der Mordwaffe aus Kassel. Unklar ist, ob sämtliche „Rossi“-Revolver der militanten Gruppe damals aufgespürt werden konnten.

Ex-Mitglied von "Combat 18 Pinneberg" schließt flüchtigen Kontakt zu Stephan E. nicht aus

Zu den fünf Hauptverdächtigen zählte Borchert. Dem RND bestätigte er jetzt auf Anfrage, die Demonstration in Neumünster 2003 angemeldet und geleitet zu haben. Stephan E. ist ihm persönlich angeblich nicht bekannt. Den Namen habe er erstmals am 17. Juni 2019 kurz nach dem Mord an Lübcke erfahren. Allerdings räumt Borchert ein: „Ob ich ihm auf einer der vielen Veranstaltungen damals begegnet bin, vermag ich nicht auszuschließen. Persönlicher Kontakt oder Kommunikation schließe ich aber aus“, sagte Borchert. Genau das wird zurzeit geprüft.

Als sicher gilt, dass beide einen gemeinsamen Bekannten haben, den Bad Segeberger Neonazi Bernd T., mit dem Borchert nach eigenen Angaben zwischen 1994 und 1996 in Neumünster eine Jugendstrafe verbüßte. T. lebte bis vor wenigen Wochen wie der mutmaßliche Lübcke-Mörder E. in Nordhessen. Beide werden der dortigen rechten Szene im Umfeld von „Combat 18“ zugerechnet. T. zog erst kürzlich wieder nach Bad Segeberg zurück. Borchert will seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihm haben.

Händler will nicht mehr wissen, wohin Waffen verkauft wurden

Borchert sagte, er habe 2004 im Zuge eines Deals vor Gericht „einen Schwung Waffen auf meine Kappe nehmen“ müssen, „ohne dass ich sie je gesehen, respektive diese angekauft oder weitervermittelt hätte“. Er könne nicht beurteilen, wohin diese Waffen verkauft worden sein könnten. „Wieviele Revolver ich damals besessen habe, müsste ich schätzen.“ Er glaube jedoch, „mit einiger Sicherheit“ sagen zu können, „dass alle Revolver aus meinem Konvolut durch die Landespolizei sichergestellt werden konnten“. Um welche Marken es sich bei den Revolvern gehandelt habe, wisse er nicht mehr

Borcherts Anwalt Philipp Marquort hält es für durchaus möglich, dass Waffen vergraben wurden: „Das ist nicht nur in der rechten Szene, sondern auch im Bereich Organisierte Kriminalität gängige und beliebte Praxis“, sagte Marquort dem RND.

Stephan E. führt Ermittler zu Waffenversteck

Stephan E. hatte in einem überraschenden, mittlerweile widerrufenen Geständnis offen gelegt, dass er über zahlreiche Waffen verfügt - neben der Tatwaffe auch über eine Pumpgun und eine Maschinenpistole vom Typ Uzi samt Munition. Er nannte Details, wie er sich diese angeblich über zwei Verkäufer beschafft habe und offenbarte Verstecke. Das Gros der insgesamt 46 beschlagnahmten Waffen fanden Ermittler in einem Erdloch auf dem Gelände seines Arbeitgebers. Die Tatwaffe will E. 2016 gekauft haben.

Von Jörg Köpke/RND

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