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Politik Rutscht Deutschland in die Krise?
Nachrichten Politik Rutscht Deutschland in die Krise?
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18:40 14.08.2019
Mehrere Kräne stehen auf dem Werksgelände des Herstellers Liebherr, während im Hintergrund der Himmel von der aufgehenden Sonne rot gefärbt ist. Die deutsche Wirtschaft ist im zweiten Quartal geschrumpft. Quelle: Thomas Warnack/dpa
Berlin

Lange wurde er befürchtet, jetzt ist der Konjunktureinbruch da. Im zweiten Quartal zwischen April und Juni ist die Deutsche Wirtschaftsleistung gesunken. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) schrumpfte nach vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes um 0,1 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Von Januar bis März war die deutsche Wirtschaft noch um 0,4 Prozent gewachsen.

Was bedeutet das? Beginnt nach neun Jahren Wirtschaftsboom nun wieder eine Krise? Drohen Kurzarbeit, Haushaltslöcher und Jobverluste? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wie schlimm ist der Wirtschaftseinbruch jetzt?

Ein Rückgang der Wirtschaftsleistung um 0,1 Prozent ist kein Drama. Quartale mit schwächerem oder gar keinem Wachstum gibt es häufiger. Zuletzt schrumpfte die Wirtschaftsleistung zwischen Juli und September 2018 – damals um ebenfalls 0,1 Prozent. Trotzdem war das Jahr 2018 kein Krisenjahr – am Ende stand ein solides Jahreswachstum von 1,4 Prozent. Allerdings nehmen die Alarmsignale zu, dass sich die Entwicklung dieses Mal verstetigen könnte. Und: Deutschland ist das einzige Land in der Eurozone, dessen Wirtschaft schrumpft. Selbst das von politischen Krisen gebeutelte Italien stagniert noch. Aus der ehemaligen Wirtschaftslokomotive Deutschland ist das ökonomische Schlusslicht geworden.

Was ist die Ursache für den Einbruch?

Die Schrumpfung kommt aus der Industrie. Um fast zwei Prozent verringerte sich die Wirtschaftsleistung in diesem wichtigen Sektor. 0,6 Prozent Wirtschaftswachstum hat das gekostet. Vor allem der schlechter laufende Außenhandel macht den Unternehmen zu schaffen. Die Exporte von Waren und Dienstleistungen aus Deutschland gingen viel stärker zurück als die Importe. Die Exporteure leiden unter der Handelspolitik von US-Präsident Donald Trump, dem drohenden harten Brexit, den Spannungen in der Straße von Hormus. Gestützt wurde die deutsche Wirtschaft dagegen vom privaten Konsum. Niedrige Zinsen und die immer noch niedrige Arbeitslosigkeit führten dazu, dass die Menschen in Deutschland nach wie vor viel Geld ausgaben.

Liegt die Exportflaute nur an der Weltkonjunktur?

Dieser Rückschluss wäre zu einfach. Alarmierend für Deutschland sollte die Tatsache sein, dass die Wirtschaftsleistung in den Niederlanden im zweiten Quartal um satte 0,5 Prozent gewachsen ist - und dass, obwohl die Wirtschaft in dem westlichen Nachbarland ähnlich abhängig vom Export ist wie die deutsche. Das deutet darauf hin, dass einige der Probleme hausgemacht sind. Die wichtige deutsche Autoindustrie etwa tut sich schwer mit dem Umstieg vom Verbrennungs- auf den Elektromotor. Die Krise der Autobauer wirkt sich auch auf andere Wirtschaftszweige negativ aus. Weil Aufträge aus der Automobilwirtschaft wegfallen, läuft es auch in der chemischen Industrie und dem Maschinenbau nicht mehr rund.

Droht jetzt eine Rezession?

Das kann niemand seriös voraussagen. Das Risiko ist zumindest real. Nach volkswirtschaftlicher Definition würde ein zweites Quartal mit negativem Wachstum in Folge schon reichen, um von einer Rezession zu sprechen – unabhängig davon, wie stark der Einbruch ausfallen würde. Bislang hatten Ökonomen gehofft, dass sich die deutsche Wirtschaft im dritten Quartal erholen würde. Angesichts der wachsenden weltweiten Krisen und der zunehmend düsteren Stimmung auf dem Binnenmarkt ist das aber alles andere als sicher. Die Gefahr ist hoch, dass die gesamte deutsche Konjunktur von der Krise der Industrie erfasst wird. „Deutschlands Konjunktur steht auf der Kippe“, sagte Sebastian Dullien, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der gewerkschaftlichen Hans-Böckler-Stiftung.

Wie reagiert die Politik?

Bislang verhalten. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) nannte die neuen Zahlen „Weckruf und Warnsignal“. Gleichzeitig sagte Altmaier der „Bild“-Zeitung: „Ein deutlicher Abschwung zeichnet sich nicht ab.“ Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte am Dienstag bei einer Veranstaltung von RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) und Ostsee-Zeitung, die Wirtschaft gehe in eine „schwierigere Phase“, man dürfe die Lage aber auch nicht schlecht reden. Für staatliche Investitionen zur Stützung der Konjunktur sehe sie keinen Anlass, fügte die Bundeskanzlerin hinzu und versprach „situationsgerecht“ zu agieren. Viel Geld für neue Ausgabenprogramme stünde auch nicht zur Verfügung, denn Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) will an der schwarzen Null im Haushalt festhalten. Grünen-Chef Robert Habeck dagegen fordert bereits ein milliardenschweres Konjunkturprogramm. „Unserer Volkswirtschaft droht nicht nur eine konjunkturelle Delle, sondern eine tiefgreifende Strukturkrise, die wir umfassend angehen müssen“, sagte Habeck dem RND.

Kommentar: Die Zukunft der Arbeit und die kommende Krise

Von Andreas Niesmann/RND

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