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Politik Zum Geburtstag der Bundeskanzlerin: „Es kommt nicht nur auf Glanz und Gloria an“
Nachrichten Politik Zum Geburtstag der Bundeskanzlerin: „Es kommt nicht nur auf Glanz und Gloria an“
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12:15 17.07.2019
Am Mittwoch feiert Bundeskanzlerin Angela Merkel ihren 65. Geburtstag. Quelle: Gregor Fischer/dpa
Berlin

Am heutigen Mittwoch feiert Angela Merkel ihren 65. Geburtstag. Seit 2005 ist sie Bundeskanzlerin. Gelingt es ihr, das Amt bis zur nächsten Bundestagswahl 2021 zu behalten, wird sie sechzehn Jahre als Regierungschefin die Geschicke Deutschlands geführt haben. Genauso lang wie Helmut Kohl.

Doch anders als bei ihrem Ziehvater sind Merkels hohe Beliebtheitswerte über ihre gesamte Amtszeit relativ konstant geblieben. Die Gründe dafür erklärt Manfred Güllner, Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa, im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Herr Güllner, man kann Angela Merkel viele Charaktereigenschaften zusprechen, Charisma gehört eher nicht dazu. Wieso hat sie es trotzdem geschafft, so lange populär zu bleiben?

An dem Beispiel Merkel kann man sehen, dass es nicht nur auf Glanz und Gloria und großes Charisma ankommt. Es kommt eben immer auch darauf an, ob jemand geschätzt oder ihm Vertrauen entgegengebracht wird. Als Merkel kandidierte, hatten viele noch Bedenken gegen sie – als sie Kanzlerin wurde, hat sich das schnell gelegt. Sie hat sich dann in der großen Koalition zwischen 2005 und 2009 quasi als „Präsidentenkanzlerin“ positioniert, indem sie immer etwas über den Parteien gestanden hat.

Können Sie den Begriff „Präsidentenkanzlerin“ noch etwas weiter ausführen?

Damit meine ich, dass sie sich über das Parteiengezänk hinweggesetzt hat, dass sie sich da nie hat hineinziehen lassen. Sie ist immer relativ ruhig geblieben. Das ist das, was sie beispielsweise von dem amerikanischen Präsidenten unterscheidet. Bei Trump muss man ja Zweifel haben, dass er für das ganze Volk da ist. Merkel zeichnet hingegen aus, dass sie auch über die eigene Anhängerschaft hinaus, also für die Bürger insgesamt, da sein wollte.

Sie sprechen das Vertrauen der Menschen in Merkel an. Nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima im Jahr 2011 änderte die Kanzlerin ihre Haltung zur Kernenergie um 180 Grad. Wie viel Vertrauen hat sie damit verspielt?

Das war in der Tat eine Entscheidung, die zu abrupt getroffen wurde, und das hat ihr eine gewisse Glaubwürdigkeitsdelle eingebracht. Fukushima war zwar ein schreckliches Ereignis, aber doch nicht so, dass da plötzlich die Sicherheit der deutschen Kernkraftwerke in irgendeiner Weise in Mitleidenschaft gezogen worden wäre. Es wäre besser gewesen, wenn Merkel damals gesagt hätte, wir kümmern uns zuerst um die Menschen in Japan und dann um die Kernkraftwerke. Diese abrupte Kehrtwende wurde als opportunistisch gebrandmarkt und das brachte die Werte für sie und ihre Partei tatsächlich deutlich nach unten. Allerdings hat sie sich davon sehr schnell wieder erholt, als dann die innenpolitischen Themen wieder in den Vordergrund gerückt sind.

Kommt Merkel da ihr Geschick als „Krisen-Kanzlerin“ zugute?

Das ist ganz wichtig. Vor allem die Finanz- und Bankenkrise von 2008/2009 ist ein gutes Beispiel dafür. Da hat sie sich ganz unprätentiös verhalten und gesagt: „Ich kann auch nur auf Sicht fahren. Ich kann nicht vorhersagen, was da alles noch passiert, aber ich versuche von Tag zu Tag, mich damit auseinanderzusetzen.“ Und das war letztlich genau richtig, weil ja auch die Ökonomen jedweder Couleur den Menschen gar nicht immer klarmachen konnten, was da eigentlich passiert. Entscheidend in dieser damaligen Krise war, dass sie glaubwürdig wirkte und sich sozusagen als lebender Rettungsschirm positioniert hat. Sie konnte den Menschen das Gefühl vermitteln, sie passe auf.

Gilt das auch für die Flüchtlingskrise?

Das muss man differenziert sehen. Bei der Flüchtlingskrise war es ja so, dass Herr Seehofer dann sofort seinen Amoklauf begann und das war das eigentliche Problem. Es war gar nicht so sehr die Behandlung der Flüchtlingsfrage als solche. Wenn Seehofer nicht seinen Amoklauf gestartet hätte, wäre es wahrscheinlich gar nicht zu einem Popularitätsverlust gekommen. Das Entscheidende war, dass die beiden Schwesterparteien ihren heftigen Konflikt in aller Öffentlichkeit ausgetragen haben. Das hat die Union damals nach unten gebracht, nicht Merkels Entscheidung selbst.

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Ist „Amoklauf“ nicht ein wenig drastisch?

Man darf nicht außer Acht lassen, dass Seehofer ja auch der CSU geschadet hat, und zwar in erheblichem Maße. Der Einbruch der Partei bei der Landtagswahl ist ja nun mal katastrophal, wenn man bedenkt, dass das wirklich mal die modernste Volkspartei Europas war, mit einer Bindekraft von rechts bis Mitte links. Zum Teil haben ja fast 50 Prozent der Wahlberechtigten in Bayern CSU gewählt. Deswegen kann man das jetzt schon so drastisch bezeichnen.

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Gibt es ein Gefälle in der Wahrnehmung zwischen Ost- und Westdeutschland, was das Thema Migration angeht und Merkels Handeln diesbezüglich?

Eigentlich nicht. Sicherlich hat die AfD davon profitiert. Aber wenn man die AfD-Leute herausrechnet, sind die Werte für Merkel immer relativ konstant geblieben. Die AfD und Teile der CSU-Leute, die auch von Merkel abgefallen sind, sind der Grund, weswegen die Merkel-Werte ein bisschen nach unten gingen, während die CDU-Anhänger immer voll hinter ihr standen. Da hat sie immer unverändert großen Rückhalt gehabt.

Nichtsdestotrotz ist von den Medien häufig die sogenannte Merkel-Dämmerung heraufbeschworen worden. Nehmen die Bürger die Kanzlerin anders wahr als Medien oder politische Beobachter?

Auf jeden Fall. Mir fällt ein Zitat aus dem „Spiegel“ ein, wo es hieß: „Merkels Vertrauen ist aufgebraucht, sie steht vor den Scherben ihrer Kanzlerschaft“. Das hat der „Spiegel“ 2010 geschrieben, und neun Jahre später ist sie immer noch Kanzlerin. Daran sieht man, dass die Leute nicht eins zu eins das übernehmen, was die Medien schreiben, sondern sie bilden sich ihr Urteil unabhängig von der Bewertung der Medien selbst.

Worauf kommt es denn dann an bei den Bürgern?

Die gucken genau hin und schätzen an Merkel, dass sie nicht modisch daherkommt. Dass sie stattdessen unprätentiös ist und eben beispielsweise sagt: „Ich fahr’ auf Sicht“. Dass sie eine gewisse Stabilität verkörpert und man das Gefühl hat, sie kann auch bei den geopolitisch schwierigen Verhältnissen, die wir gerade heute haben, eher mit den merkwürdigen Herren in der Welt umgehen als andere. Das in Summe macht das positive Bild von Merkel aus.

Am Mittwoch feiert Bundeskanzlerin Angela Merkel ihren 65. Geburtstag. Als erste Frau übernahm sie 2005 das Amt des deutschen Regierungschefs. Inzwischen befindet sich Merkel in ihrer vierten Amtszeit – es wird ihre letzte sein. Bei der nächsten Bundestagswahl im Jahr 2021 wird sie nicht wieder als Kanzlerkandidatin antreten. Grund genug für eine Bilanz ihrer politischen Karriere.

Stichwort „merkwürdige Herren“: Hat der Aufstieg von Macho-Persönlichkeiten wie Trump, Orban und Co. das Vertrauen in Merkel nochmals gestärkt?

Das war bereits sichtbar, nachdem sie ihre erneute Kandidatur bekanntgegeben hatte. Das war ja nach der Trump-Wahl. Und da gab’s ein richtiges Aufatmen bei vielen, denn die Menschen hatten ja schon unmittelbar nach der Wahl Angst vor dem Herrn. Zunächst war unklar, ob Merkel nochmal kandidiert. Als sie es dann verkündete, war es fast schon eine Erleichterung, dass sie den Bürgern erhalten bleibt.

Inwieweit beeinflusst Merkels Gesundheitszustand ihr Bild in der Öffentlichkeit?

Wenn sie darüber spricht, macht sie’s ja wieder in ihrer bewährten Art. Was immer dahinter steckt, kann ja keiner richtig beurteilen. Das beunruhigt vielleicht ein paar Menschen, aber ihre Auftritte sind ja nicht nur von Zittern geprägt, eigentlich tritt sie so auf wie immer. Natürlich schwingt da durchaus etwas Sorge mit, ob sie jetzt ernsthaft krank ist oder nicht.

Verwundert es Sie, dass Merkels Gesundheitszustand auf so ein großes Interesse stößt?

Nein, das ist ja auch der Bedeutung, die man Merkel beimisst, geschuldet. Da ist die Hoffnung, dass sie in Krisen eine gewisse Sorge trägt und die Menschen vor Schäden bewahrt. Aus dem Grund, denke ich, ist es schon erklärlich, dass man sich da Sorgen macht.

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Wie hat sich die Kanzlerschaft von Angela Merkel und ihre Wahrnehmung in der Öffentlichkeit während ihrer Amtszeit verändert?

Das Bild von ihr hat sich relativ schnell, nachdem sie Kanzlerin wurde, gebildet. Vor allem das bereits erwähnte Bild der Präsidentenkanzlerin hat sie eigentlich die ganze Zeit aufrechtgehalten. Das ist auch das, was an ihr geschätzt worden ist. Außerdem hat sie der Mehrheit der Bevölkerung immer das Gefühl gegeben, dass sie sich kümmert.

Nach der Bekanntgabe ihres Rückzugs von der Parteispitze sind die Beliebtheitswerte der Kanzlerin nochmals in die Höhe geschnellt. Wie erklären Sie sich das?

Das hat in der Tat die Beliebtheitswerte nochmal nach oben gebracht, weil sie ja jetzt ihre Rolle als Präsidentenkanzlerin noch besser zelebrieren konnte – ohne den Klotz CDU am Bein. Das kam ihr ja eigentlich entgegen, dass sie nun die Gliederung der Parteipolitik anderen überlässt und wirklich nur die Kanzlerrolle ausfüllen kann.

Und wie gelingt Merkel der schrittweise Abgang?

Sie hat ja klar gesagt, dass dies ihre letzte Legislaturperiode ist. Und sie hat den CDU-Vorsitz rechtzeitig übergeben. Also bisher wirkt das alles recht planmäßig.

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Was unterscheidet Angela Merkel von ihren Amtsvorgängern in deren Phase des Abgangs?

Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, ist es das erste Mal, dass ein Bundeskanzler seinen Abgang selbst bestimmt. Adenauer wurde vom Hof gejagt. Brandt ist von Wehner gestürzt, Schmidt von der eigenen Partei gemeuchelt worden. Kohl ist nicht freiwillig gegangen und auch Schröder ist von der Partei im Stich gelassen worden. Das ist also schon ein einmaliger Vorgang in der Geschichte der Bundesrepublik, dass ein Kanzler selbst das Ende seiner Regierungszeit festlegt.

Was bleibt von Merkels Kanzlerschaft in Erinnerung?

Das Herausragende ist, dass sie vielen Menschen das Gefühl von Sicherheit und Stabilität vermittelt hat. Sie hat den Menschen auch das Gefühl gegeben, dass sie sich um ihre Sorgen kümmert, ohne da ein großes Brimborium drum zu machen. Und sie hat eben einen sehr unprätentiösen Politikstil gepflegt.

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