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Wirtschaft „Endlich frei“: BMW verulkt Ex-Daimler-Chef Zetsche mit Renten-Video
Nachrichten Wirtschaft „Endlich frei“: BMW verulkt Ex-Daimler-Chef Zetsche mit Renten-Video
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21:31 23.05.2019
Dieter Zetsche verlässt den Daimler-Vorstand – es ist der Abschied eines der prominentesten deutschen Automanager. Quelle: Daimler AG/SWR/Daimler AG/obs
München

Dieter Zetsche hat es hinter sich: Der langjährige und ikonische Daimler-Chef wurde gestern von seinem Nachfolger Ola Källenius abgelöst. Auch aus Sicht von BMW endet damit eine Ära. Die schloss der Daimler-Konkurrent mit einem Video ab – in dem Zetsche seinem einstigen Brötchengeber untreu wird.

Die Abkühlung von Dieter Zetsche begann offiziell am Mittwochabend. Aber wie das aussieht, wenn der scheidende Vorstandschef eines Multi-Milliarden-Weltkonzerns wie Daimler zwischendurch schon mal ein bisschen das Aufhören übt und anderen den Vortritt lässt, hat man schon beobachten können.

Beim Automobilsalon in Genf etwa, im März war das. Da stand nicht etwa Zetsche vorn, um vor Journalisten noch einmal im Detail zu erläutern, wie Daimler sich die Zukunft vorstellt. Da stand Ola Källenius. Und Zetsche, der saß etwas abseits auf einem dieser Höckerchen, auf denen man bei solchen Veranstaltungen heutzutage so sitzt, den Blick gesenkt, die Arme verschränkt, und lauschte über Kopfhörer den Worten des neuen Chefs.

Nach 13 Jahren und knapp fünf Monaten an der Spitze des Autobauers endet nach der Hauptversammlung am Mittwoch (22. Mai) die Ära Zetsche bei Daimler - und der Schwede Källenius, bislang Entwicklungschef und schon lange Kronprinz in Stuttgart-Untertürkheim, ist am Zug.

Als Daimler-Chef tritt Dieter Zetsche ab. In den Bildarchiven hat der Schnauzbartträger Spuren hinterlassen. Eine Auswahl, die Einblicke in verschiedene Stationen Zetsches bietet.

Zetsche, Jahrgang 1953, und Källenius, Jahrgang 1969, haben einiges gemeinsam. Zum Beispiel die gigantischen Umbauarbeiten zu Beginn ihrer Amtszeit als Daimler-Chef. Der bisherige Entwicklungschef bekommt es mit einem Unternehmen zu tun, das noch nie so viele Fahrzeuge verkauft und noch nie so hohe Umsätze erzielt hat.

Doch beim Gewinn stagniert’s. Der Abgasskandal ist alles andere als ausgestanden. Und zugleich soll der gesamte Konzern in einem höchst aufwendigen Manöver in drei eigenständige Divisionen zerlegt und von einer Dachgesellschaft zusammengehalten werden. Ganz davon abgesehen, gilt es, den Weg in die automobile Zukunft mit Elektromobilität und autonomem Fahren anzusteuern.

Großbaustelle zum Start

Als Zetsche 2006 den Chefposten übernahm, erwarteten ihn ganz andere Probleme – aber kleiner waren sie nicht. Sein Vorgänger Jürgen Schrempp war mit den Plänen für eine „Welt AG“ gescheitert, Zetsche musste die Auflösung organisieren und einen riesigen Verwaltungsapparat, der sich immer wieder selbst lähmte, beweglich machen. Und er besann sich auf das Wesentliche: Pkw der gehobenen Kategorie nebst Nutzfahrzeugen aller Art zu bauen.

Mit einer Modelloffensive, die diese Bezeichnung auch tatsächlich verdiente, mit mehreren Dutzend neuen Typen, ging er es an. Zetsche baute die Sparte mit den Sports Utility Vehicles (SUV) konsequent aus. Er setzte eine neue Designsprache durch, die Mercedes jünger und sportlicher machte. Alles mit durchschlagendem Erfolg: Absatz und Umsatz stiegen neun Jahre in Folge. Analysten jubelten, Zetsche habe es endlich geschafft, die enormen Potenziale von Daimler auszuschöpfen.

Der Manager mit dem Schnauzbart, der gleichermaßen an Preußens Gloria und ein Walross erinnert, wurde zum Star der Autobranche. Zumal er bei vielen öffentlichen Auftritten Entertainer-Qualitäten und die Fähigkeit zur Selbstironie bewiesen hat. Dazu passte, dass die Krawatte schnell verschwand, seine Sakkos immer modischer und seine Turnschuhe immer sportlicher wurden.

Doch viele Mercedes-Modelle sind mittlerweile in die Jahre gekommen. Der sportliche Schwung verebbt. Und beim Aufarbeiten der Abgasaffäre agierte Zetsche – gelinde formuliert – glücklos. Er wird sich auf der Hauptversammlung einiges anhören müssen.

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Es wird Anträge geben, den Vorstand nicht zu entlasten. Zum Beispiel von Jens Hilgenberg, der den BUND und den Dachverband der Kritischen Aktionäre, vertreten wird. Er kritisiert laut Redemanuskript, dass „drei Jahre nach Bekanntwerden des Abgasskandals noch immer Neuwagen verkauft wurden, die den gesetzlichen Anforderungen nicht entsprechen“. Er verweist darauf, dass Rückstellungen in Höhe von rund 24 Milliarden Euro den Schluss zulassen, „dass der Vorstand mit weiteren Strafen und Entschädigungen in erheblicher Höhe rechnet“.

Zudem bemängelt Hilgenberg, dass der durchschnittliche CO2-Ausstoß der Pkw-Neuwagenflotte in den vergangenen Jahren nicht gesunken, sondern sogar auf 132 Gramm pro Kilometer gestiegen ist – weit entfernt von den rund 100 Gramm, die in zwei Jahren erreicht sein müssen. Aus den Reihen der großen Fondsgesellschaften dürfte es Kritik an zu geringer Produktivität im Vergleich zu Rivalen, an schrumpfenden Gewinnspannen und einer gestiegenen Verschuldung geben.

Er geht nicht ganz

Källenius, der immer in Zetsches Schatten stand und bislang eher wie ein Muster-Schwiegersohn wirkt, muss nun schnell Antworten finden. Wie will er die Strafzahlungen noch verhindern? Möglich wäre dies, wenn er Elektroautos und Plug-in-Hybride in rauen Mengen in den Markt drückt. Das Angebot bei Autos mit dem kombinierten Strom- und Verbrenner-Antrieb wird zwar gerade hochgefahren, doch die Absatzzahlen sind bislang sehr bescheiden.

Branchenkenner vermuten deshalb, dass Källenius auf der Hauptversammlung größere Anstrengungen für E-Pkw ankündigen könnte – bislang ist geplant, dass Stromer eher erst zur Mitte der 2020er Jahre einen maßgeblichen Anteil am Pkw-Absatz haben sollen. Zugleich gilt es als ausgemacht, dass der neue Chef ein Sparprogramm auflegt. Kosten in der Verwaltung sollen gedrückt werden. Gut möglich ist auch, dass er die breite Palette an Modellen und Motorvarianten bei Pkw und Nutzfahrzeugen strafft.

Zetsche will sich bald wieder in die Runderneuerung einklinken. Allerdings muss er den Vorschriften gemäß erst einmal eine zweijährige Abkühlungsphase absitzen. Dann will er in den Aufsichtsrat einziehen – und natürlich Vorsitzender werden.

Von RND/Frank-Thomas Wenzel mit dpa