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Wirtschaft Managerdämmerung im VW-Reich: Was die Fälle Stadler und Winterkorn gemeinsam haben
Nachrichten Wirtschaft Managerdämmerung im VW-Reich: Was die Fälle Stadler und Winterkorn gemeinsam haben
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15:23 31.07.2019
Nun stehen gleich zwei einstige VW-Topmanager vor Gericht: Martin Winterkorn (Volkswagen) und Rupert Stadler (Audi) werden angeklagt. Quelle: Daniel Karmann/dpa
Wolfsburg/Ingolstadt

Zweieinhalb Jahre lang hat die Staatsanwaltschaft München 2 wegen des Diesel-Abgasskandals bei der VW-Tochter Audi ermittelt. Nun wird Rupert Stadler als langjähriger Vorstandschef des Ingolstädter Premiumherstellers wegen Betrug, mittelbarer Falschbeurkundung und strafbarer Werbung angeklagt. Und er ist nicht der einzige einstige Manager aus dem VW-Reich, der nach der Dieselaffäre ins Visier der Behörden geraten ist.

Für Stadler könnte die Lage ernst werden: Mit ihm auf die Anklagebank sollen drei weitere teils hochrangige Manager, die bei Audi zu Zeiten des Abgasbetrugs an entscheidenden Stellen gesessen haben. Das Trio könnte teils zu Kronzeugen mutieren, um eigene Schuld klein zu halten und dabei schmutzige Wäsche waschen. Bevor es dazu kommt, muss das Landgericht München die Klage erst zulassen, wovon Justizexperten aber ausgehen. Beginnen könnte ein Prozess gegen Stadler & Co 2020. Es droht Haft.

Die Ermittler werfen Stadler dabei nicht vor, die Abgasbetrügereien in Auftrag gegeben zu haben. Er soll davon nach Erkenntnissen der Staatsanwälte spätestens Ende September 2015 gewusst haben. Öffentlich bekannt wurde das Manipulieren von Diesel-Abgasen im VW-Konzern am 18. September 2015. Die illegalen Abschaltvorrichtungen wurden aber bereits ab 2006 entwickelt. Befohlen könnte sie Stadler wegen dieser zeitlichen Abfolge damit nicht haben.

Spitzname „Teflon-Stadler“

Aber der 56-jährige Bayer hat sich seinen Spitznamen „Teflon-Stadler“ nicht ohne Grund erworben. Vieles hat er in seiner fast zwölfjährigen Amtszeit an der Spitze von Audi einfach abperlen lassen. Das schließt auch Vorwürfe im Zuge des Diesel-Abgasskandals mit ein, was dem Bauernsohn nun zum Verhängnis werden könnte. Die Ermittler glauben beweisen zu können, dass Stadler nach Ende September 2015 weiter dafür gesorgt hat, abgasmanipulierte Autos zu verkaufen oder zumindest nicht versucht zu haben, das zu verhindern.

Weil Audi in vielerlei Hinsicht eine Technologieschmiede für den gesamten VW-Konzern war, betrifft das nicht nur Fahrzeuge der Marke Audi. Die Ingolstädter haben speziell große Diesel-Motoren und deren mutmaßlich illegale Abschaltvorrichtungen auch für die Konzernmarken VW und Porsche entwickelt. Die jetzige Anklage gegen Stadler und das Entwicklertrio umfasst deshalb 250.712 Audi, 71.577 VW und 112.131 Porsche, die in Europa und den USA im Wissen um ihr fragwürdiges Innenleben an den Mann gebracht worden sind. In der Summe geht es um über 430.000 Fahrzeuge also keine Kleinigkeit.

Sind die Staatsanwälte sich ihrer Sache sicher?

Weil das die Rolle von Audi als wesentliche Keimzelle bei allen Abgasbetrügereien beschreibt, wäre ein öffentlicher Prozess doppelt erhellend. Weder Stadler noch dessen Anwalt haben sich in letzter Zeit noch zu den Vorwürfen geäußert. Solange der tief gefallene Manager sich öffentlich mitgeteilt hat, hatte er jede persönliche Verfehlung energisch bestritten. Das radikale Vorgehen der Justiz signalisiert indessen, dass sich die Staatsanwälte ihrer Sache sicher sind. Was im Zuge der Ermittlungen an die Öffentlichkeit gedrungen ist, zeichnet auch ein Bild des Selbstverständnisses von Manager Stadler.

Vor Jahresfrist haben ihn die Ermittler wegen Betrugsverdacht und Verdunkelungsgefahr verhaften und vier Monate lang in Untersuchungshaft im Gefängnis Augsburg-Gablingen schmoren lassen. Frei kam er nur gegen Kaution. Zugleich wurde Kontaktsperre hinsichtlich anderer Beteiligter am Diesel-Skandal verhängt. Teflon-Stadler wollen nicht nur abperlen lassen sondern unterdrücken, sagen Justizkreise. Sie haben Stadlers Telefon abhören lassen und dabei ein bemerkenswertes Gespräch belauscht. Darin soll der damalige Audi-Chef darüber sinniert haben, einen gegenüber Staatsanwälten allzu auskunftsfreudigen Audianer konzernintern kalt zu stellen.

Ähnlicher Fall wie Winterkorn

Dieses und andere pikante Details dürften in einem Prozess ausgebreitet werden, wenn das Gericht die Klage zulässt. Gleiches gilt für einen zweiten Prozess im Zuge des Abgasskandals, den die Braunschweiger Staatsanwaltschaft betreibt. Angeklagt ist hier der ehemalige VW-Chef Martin Winterkorn und zwar in einer personell wie prozesstaktisch sehr ähnlichen Konstellation mit vier Untergebenen. Um Anstifter und Ausführende dürfte es hier wie dort gehen und damit um das Ausmaß individueller Schuld. Juristisch gesehen ist das eine heikle Gemengelage. Sich auf Kosten anderer sauber zu waschen, ist ein unter Beschuldigten übliches Verhalten, das die Wahrheitssuche nicht gerade erleichtert. Andererseits löst das auch die Zungen.

Auch Winterkorn hat bis zuletzt alle Vorwürfe bestritten. Auch in Braunschweig muss das Gericht noch entscheiden, ob die Anklage zugelassen wird. Auch dort gilt das aber unter Justizexperten als sicher. Mehr als eine zeitliche Verzögerung können die Angeklagten und ihre Anwälte wohl nicht erreichen, lauten die Einschätzungen hier wie dort. Beide Prozesse – der in München und der in Braunschweig - könnten dann endlich für die Klarheit sorgen, auf die betrogene Autokäufer und Öffentlichkeit schon lange warten. Das Insiderwissen der Betroffenen gäbe das allemal her. Und alte Seilschaften zählen im Zweifel wenig, wenn es um den eigenen Kopf geht.

Tausende Seiten Beweismaterial

Im Falle Stadlers mitangeklagt ist dem Vernehmen nach mit Topmanager Wolfgang Hatz eine ausgesprochene Schlüsselfigur. Er hat in den Jahren des Diesel-Betrugs sowohl bei Porsche, VW und Audi gemanagt und zwar vor allem in der Aggregateentwicklung also dem Ort des mutmaßlich kriminellen Geschehens. Zuletzt war Hatz Porsche-Vorstand. Er hat bis zuletzt alle Vorwürfe bestritten. Die anderen beiden in München Mitangeklagten sind ein ehemaliger Audi-Ingenieur und ein früherer Audi-Techniker, die beide zumindest teilweise geständig sein sollen. Ein kurzer Prozess ist nicht zu erwarten. Darauf deuten auch die mehreren tausend Seiten Beweismaterial, die die Ermittler zusammengetragen haben, um die Schuldfrage zu klären.

Wer den größten Anteil daran hat, ist noch offen, schon weil die Unschuldsvermutung gilt. Die größte Fallhöhe droht fraglos Stadler. Lange schien es so, als könnte er sich ganz aus der Schusslinie halten. Der gebürtige Oberbayer war im VW-Konzern als ehemaliger Bürochef des langjährigen VW-Herrschers Ferdinand Piech gut verdrahtet. Die Aktionärsfamilien Porsche und Piech haben ihm lange den Rücken gestärkt. Erst als Stadler voriges Jahr in Untersuchungshaft musste, waren seine Tage konzernintern gezählt. Vor Gericht könnte damit nächstes Jahr die nächste Stufe der Demontage eines mächtigen Managers folgen, der sich lange für unangreifbar gehalten hat.

Managerdämmerung im VW-Reich

Stadler wie Winterkorn dürfte aber mittlerweile klar sein, dass es jeweils um alles geht. Ihre Karrieren liegen bereits unwiderruflich in Trümmern. Schuldsprüche vor Gericht könnten zudem nicht nur über Gefängnis oder Freiheit entscheiden, sondern auch darüber, ob sie von ihren ehemaligen Arbeitgebern für entstandene Schäden in Regress genommen werden. Die Managerdämmerung im VW-Reich zieht nun endgültig herauf.

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Von RND/Thomas Magenheim

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