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Wirtschaft Lange Wartezeiten, gestresste Mitarbeiter: Darum geht bei Vapiano vieles schief
Nachrichten Wirtschaft Lange Wartezeiten, gestresste Mitarbeiter: Darum geht bei Vapiano vieles schief
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08:00 20.08.2019
Bei Vapiano läuft es wirtschaftlich nicht gut. Das Unternehmen will jetzt Restaurants schließen und Speisekarten verkleinern Quelle: Oliver Berg/dpa
Frankfurt/Köln

„Va piano“ bedeutet auf Deutsch „Geh langsam.“ Die Manager der gleichnamigen Restaurantkette haben diesen Imperativ nicht beherzigt. Durch eine viel zu schnelle Expansion ist einiges angebrannt: Das Unternehmen wurde an den Rand des Ruins gewirtschaftet. Jetzt bekommt es eine dringend erforderliche Geldspritze. Doch Vapiano ist damit noch längst nicht über den Berg.

Das Rezept war anfangs sehr erfolgreich: Italienisches Ambiente mit Olivenbäumchen im Restaurant und Olivenöl auf rustikalen Holztischen. Dazu Showkochen mit frischen Zutaten à la Mamma. Im Marketingsprech des 2002 gegründeten Unternehmens ist von einer Lifestylemarke die Rede, die mit ihren „Fresh-Casual-Dining-Konzept“ eine neue Kategorie in der Systemgastronomie begründet habe. Das ging auch lange gut.

Börsengang war Wendepunkt

Branchenkenner sehen einen Wendepunkt mit dem Börsengang im Juni 2017. Seither muss das Unternehmen alle drei Monate Zahlen vorlegen. Analysten und Investoren erwarten Wachstum und steigende Renditen – zumal insbesondere die Systemgastronomie seit geraumer Zeit und insbesondere in großen Städten satte Zuwachstraten verzeichnet. Vapiano ist auch größer geworden. Derzeit betreibt das Unternehmen 231 Restaurants in 33 Ländern auf fünf Kontinenten. Noch.

An Schließungen von Filialen wird wohl kein Weg vorbei gehen. Denn die Wachstumsschmerzen sind noch immer enorm. Um die Zahl der Standorte schnell nach oben zu drücken, wurden viele zweitklassige genommen, die entsprechend niedrige Kundenfrequenzen und schmale Umsätze mit sich bringen.

Längere Wartezeiten und mehr Druck auf Mitarbeiter

Das wiederum zwang angesichts steigender Gewinnerwartungen dazu, Kosten zu drücken. Was wiederum auf Kosten des Services und der Qualität ging. Der Druck auf die Beschäftigten wurde erhöht. Skandale um Ausbeutung in der Showküche machten die Runde.

Lecker – und vor den Augen der Gäste gekocht. Vorwürfe, die Showköche würden ausgebeutet, machten zuletzt allerdings auch die Runde. Quelle: dpa

Zum größtes Problem wurden die langen Wartezeiten in der Schlange bei der Live-Zubereitung der Gerichte. Das nervt nicht nur, sondern schreckt Berufstätige ab, die in der Mittagspause ein sehr beschränktes Zeitbudget für einen Teller Pasta haben. Die vielfältige Konkurrenz in den urbanen Zentren ist vielfach schneller.

Die Situation eskalierte im Herbst vorigen Jahres, auch weil das damalige Management nicht schnell genug handelte. Nach zwei Gewinnwarnungen stürzte der Kurs der Aktie ab. Doch noch Ende November prognostizierte der Vorstand einem Gewinn aus der betrieblichen Tätigkeit (Ebitda) für 2018 von 34 bis 38 Millionen Euro. Wenige Tage später musste Vorstandschef Jochen Halfmannn gehen. Er wurde durch Cornelius Everke ersetzt, der zuvor für das internationale Geschäft des Unternehmens zuständig war.

Das Geld wurde knapp

Im Februar teilte der Vorstand mit, dass die selbst gesetzten Ziele im vergangenen Jahr nicht erreicht wurden. Ausschlaggebend sei die „die nicht zufriedenstellende operative Entwicklung im vierten Quartal“ sowie die „schwache Entwicklung einiger neu eröffneter Restaurants“. Everke kündigte ein „strategische Neuakzentuierung“ an und musste einräumen, dass dafür und zur „Sicherung der langfristigen Finanzierung“ Gespräche mit den finanzierenden Banken geführt würden. Im Klartext: Vapiano brauchte dringend Geld, um eine Insolvenz zu verhindern.

Schon damals wurde in Branchenkreisen gemutmaßt, dass Großaktionäre den Systemgastronomen zur Seite springen. So ist es jetzt auch gekommen. „Vapiano schließt Refinanzierungsverhandlungen erfolgreich ab“, hieß es am Freitag. 30 Millionen Euro werden zur Verfügung gestellt. Das Geld kommt von den Hausbanken und unter anderem von den Beteiligungsgesellschaften des Tchibo-Erben Günter Herz und der Wella-Ebin Gisela Sander. Beide Firmen zusammen halten laut Vapiano-Website fast drei Viertel der Anteile an der Gastrokette.

Das Unternehmen ist ausgezerrt

Die Finanzspritze bringt nun mit sich, dass die Geschäftszahlen für 2018 doch nicht am Freitag, wie eigentlich geplant, vorgelegt wurden. Das soll nun am 18. Juni nachgeholt werden. Vapiano nennt „weitere Anforderungen an die Dokumentation der Refinanzierung“ als Grund.

Dahinter dürfte sich verbergen, dass die Wirtschaftsprüfer des Unternehmens erst bereit sind, die Abschlüsse zu testieren, wenn die zusätzlichen Mittel ins Zahlenwerk eingearbeitet sind. Was ein Hinweis darauf wäre, wie ausgezehrt der Restaurant-Betreiber ist.

Der Vorstand hat bislang lediglich eingeräumt, dass das „Nettoergebnis deutlich unter dem Vorjahr“ liegen wird - 2017 war schon ein Verlust von knapp 30 Millionen Euro zusammen gekommen. Nikolas Mauder vom Analysehaus Kepler Cheuvreux sieht denn auch „einen großen Risikofaktor“ beseitigt, die Krise sei aber noch lange nicht ausgestanden.

Für Everke fängt indes jetzt die eigentliche Sanierungs- und Umbauarbeit an. An der Schließung unrentabler Filialen wird er nicht vorbei kommen. Viele davon dürften sich im Ausland befinden. Doch die erste soll in Dortmund dicht gemacht werden. Auf attraktive Standorte in Metropolen wollen sich die Manager nun kaprizieren.

Speisekarte wird schlanker

Außerdem ist eine „Erhöhung der operativen Exzellenz“ geplant. Arbeitsabläufe sollen verbessert, die Speisekarten verschlankt werden. Große Hoffnungen werden darauf gesetzt, dass Hungrige verstärkt per App und an Terminals bestellen, was Warteschlangen verkürzen kann. Auch soll das Außer-Haus-Geschäft inklusive Lieferdienste gestärkt werden. Dafür müsse die „IT-Landschaft weiter verbessert werden“.

Wohl wegen des sehr sportlichen Arbeitsprogramms reagierten Anleger skeptisch. Mit der Vapiano-Aktie ging es am Freitag weiter nach unten. Sie hat in den vergangenen zwölf Monaten drei Viertel ihres Wertes verloren.

Von RND/Frank-Thomas Wenzel