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Wirtschaft Regional 515 Euro Mindestlohn für Azubis: Sachsens Friseurlehrlinge profitieren am stärksten
Nachrichten Wirtschaft Wirtschaft Regional 515 Euro Mindestlohn für Azubis: Sachsens Friseurlehrlinge profitieren am stärksten
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18:20 14.05.2019
Friseur-Azubis liegen in Leipzig mit nur 200 Euro Ausbildungsvergütung im ersten Lehrjahr bisher ganz am Ende der Verdienstskala. Quelle: Hendrik Schmidt/dpa
Berlin/Dresden/Leipzig

Die Zeiten, in denen Schulabgänger kaum eine Lehrstelle fanden, sind eigentlich längst vorbei. Doch obwohl derzeit fast überall Lehrlingsmangel herrscht, bekommen sie oft nur eine mickrige Ausbildungsvergütung. Das soll sich nun ändern: Ab kommendem Jahr sollen sie überall in Deutschland mindestens 515 Euro im Monat erhalten. Eine entsprechende Reform des Berufsbildungsgesetzes will das Bundeskabinett an diesem Mittwoch beschließen, kündigte Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) am Montag in Berlin an. Damit wird erstmals eine Mindestausbildungsvergütung eingeführt.

Der Mindestbetrag von 515 Euro soll ab 2020 für Lehrlinge im ersten Ausbildungsjahr gelten. Im zweiten Lehrjahr sollen es sogar 608 Euro sein, im dritten 695 und im vierten Ausbildungsjahr, das es nur in einigen Berufen gibt, 721 Euro. In den kommenden Jahren sollen die Sätze weiter steigen: 2021 soll es im ersten Lehrjahr bereits 550 Euro geben, 2022 dann 585 und 2023 schließlich 620 Euro. Dadurch „wollen wir die Leistung, die die jungen Menschen in den Betrieben erbringen, wertschätzen und anerkennen“, sagte Karliczek. Zudem wolle man „weiter die hohe Dynamik in den Betrieben erhalten, gute und hochwertige Ausbildung anzubieten“.

Während die Gewerkschaften die Pläne begrüßen, hagelt es Kritik aus der Wirtschaft. Sachsens Handwerker fürchten sogar eine neue Abwanderungswelle. Denn fast die Hälfte der Lehrstellen in Sachsens Handwerk ist betroffen: 45 Prozent der Lehrverträge liegen aktuell unter den geplanten Sätzen.

Friseure und Fotografen profitieren am stärksten

Besonders schlecht verdienen Friseure und Fotografen, die im ersten Lehrjahr nur 200 Euro erhalten (siehe Tabelle). Dabei ist Friseurin bei Mädchen nach wie vor der beliebteste Ausbildungsberuf im Handwerk. Der neue Azubi-Mindestlohn bedeutet für sie einen Lohnsprung um fast 158 Prozent. Damit können angehende Friseurinnen auch den Abstand zum beliebtesten Ausbildungsberuf der Jungen verkürzen: Kfz-Mechatroniker liegen schon jetzt mit 650 Euro deutlich über der neuen Untergrenze.

Und auch sonst gilt: Vor allem die beliebten Mädchen-Berufe wie Augenoptikerin, Zahntechnikerin und Konditorin liegen unter den künftigen Untergrenze, beliebte Jungen-Berufe wie Tischler, Maler und Dachdecker darüber. Zweiradmechaniker erhalten in Sachsen dagegen bisher kaum mehr als Friseure und Fotografen – und werden ihre Ausbildungsvergütung mit dem neuen Gesetz mehr als verdoppeln.

Handwerkskammer befürchtet neue Abwanderungswelle

Viele vor allem kleine Betriebe könnten sich die Aufstockung schlicht nicht leisten – und könnte sich dann ganz aus der Ausbildung verabschieden, warnte Sachsens Handwerkspräsident Roland Ermer. „Natürlich haben auch wir ein Interesse daran, der Berufsbildung wieder zu mehr Attraktivität zu verhelfen und angemessene Vergütungen zu zahlen“, sagte Ermer. „Dennoch befürchten wir, dass durch eine wachsende Zahl nicht mehr ausbildungsbereiter Betriebe eine neue Abwanderungswelle junger Leute von Ost nach West ausgelöst wird.“

Um das zu verhindern, fordere er daher, ausbildungswillige Betriebe zu unterstützen. „Da die Regierenden in Berlin darauf beharren, eine zentrale Mindestausbildungsvergütung um jeden Preis durchzudrücken, erwarten wir, dass dann zumindest ausbildende Kleinst- und Kleinunternehmen anderweitig entlastet werden. Denkbar ist etwa, dass fortan ausbildende Betriebe gegenüber nichtausbildenden Betrieben steuerrechtlich begünstigt werden.“

IHK rechnet mit weniger Lehrstellen

Auch Thomas Hofmann, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Leipzig, bezeichnete den Azubi-Mindestlohn als „absolut kontraproduktiv“ – und warnte: „Gerade kleine und mittlere Unternehmen würden im Wettbewerb um Nachwuchsfachkräfte zusätzlich belastet.“ Auch er befürchtet, dass „Unternehmen ihre Ausbildungsaktivitäten zurückfahren oder gar gänzlich einstellen, was den Fachkräftemangel weiter verschärfen würde“. Anders als im Handwerk würden in Industrie und Handel aber schon jetzt rund 90 Prozent der Betriebe mehr als die geplante Obergrenze zahlen.

Zustimmung kam dagegen vom DGB. „Azubis sind keine billigen Arbeitskräfte. Sie sind die Fachkräfte von morgen. Und wer sie gewinnen will, muss von Anfang an gute Bedingungen bieten“, sagte Sachsens DGB-Chef Markus Schlimbach. Daher begrüße man den Gesetzentwurf, fügte seine Stellvertreterin Anne Neuendorf hinzu. „Für Tausende sächsische Azubis wird das eine deutliche Verbesserung bedeuten.“

Von Frank Johannsen

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