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12:31 05.02.2020
Jens Hennig (rechts) und Sohn Martin im Backhaus Hennig in Rüssen-Kleinstorkwitz Quelle: Foto: André Kempner
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Zwenkau/Pegau

Was macht ein DDR-Bäcker am Tag zwei nach der Maueröffnung? Nach Bayern fahren - und sich eine Bäckerei anschauen. Zumindest, wenn er Hennig heißt und aus Pegau bei Leipzig kommt. „Als die Mauer aufging, sind wir gleich am nächsten Tag rübergefahren – und haben uns eine Bäckerei angesehen“, erinnert sich Jens Hennig, damals Juniorchef der elterlichen Bäckerei im Pegauer Ortsteil Carsdorf.

„Mich hat nicht interessiert, was es dort in den Läden gibt. Ich wollte wissen, wie dort die Bäcker arbeiten - und auf was wir uns einstellen müssen.“ Und so stand er am 11. November 1989 – keine 48 Stunden nach der Maueröffnung – erstmals „drüben in einer Backstube“. Und nicht nur er. Mit dabei war auch schon sein Sohn Martin, der gerade erst fünf geworden war.

Heute ist aus der „Dorfbäckerei“, wie Hennig sie selbst nennt, eine Kette mit 77 Filialen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, 905 Mitarbeitern und fast 50 Millionen Euro Jahresumsatz geworden. Jens Hennig, inzwischen 57, ist längst der Seniorchef, Sohn Martin (35) als Teilhaber und Mitgeschäftsführer an Bord. Und der Grundstein für die rasante Entwicklung, die der Familienbetrieb nach der Wende nahm, wurde an jenem 11. November 1989 gelegt.

Neue Zutaten und Rezepte aus dem Westen

Mit der Bäckerfamilie, deren Betrieb in Neuburg an der Donau er damals besichtigte, sind die Hennigs noch heute befreundet. „Von denen haben wir gleich in den ersten zwei, drei Monaten nach der Wende das gesamte Knowhow erhalten“, erinnert sich Hennig. Das wurde dann sofort zuhause umgesetzt: Schon vor Einführung der D-Mark wurden aus Bayern neue Zutaten beschafft, die Backrezepte umgestellt. „

Vorher hatten wir ja nur Mischbrot, Weißbrot, Doppelbrötchen, Malfa-Brot - und fertsch.“ Jetzt gab es im Backhaus Hennig plötzlich Kaiserbrötchen. „Die hatte hier damals sonst niemand. Da haben die Leute Schlange gestanden bei uns, 50 Meter lang. Wir konnten hinten gar nicht so schnell backen, wie meine Frau und meine Mutter vorn im Laden verkauft haben. Und dabei waren wir für DDR-Verhältnisse schon eine ziemlich große Bäckerei.“

Die wurde nun schnell noch größer. „In der DDR durften wir als Privatunternehmen ja nicht mehr als zehn Mitarbeiter haben - inklusive uns selbst.“ Die Obergrenze galt jetzt nicht mehr – und Hennig stellte fleißig ein. Mit der Einführung der D-Mark im Juli 1990 hielt dann auch neue Backtechnik Einzug. „Als das Westgeld kam, habe wir sofort angefangen, unsere Technik anzupassen. Wir hatten da eine echte Vorreiterrolle. Und wir haben dann auch sofort angefangen mit den ersten Filialen.“

Filialen in Groitzsch, Pegau und Zeitz

Die erste entstand schon 1990 im benachbarten Groitzsch in einem ehemaligen Konsum. Die zweite folgte 1991 in Pegau, zwei weitere dann 1992 in Zeitz in Sachsen-Anhalt. Und 1993 kam dann der erste Backshop in einem Supermarkt dazu: Bei Minimal in Meuselwitz in Thüringen.

Schon damals war Hennig angesichts der neuen Supermärkte, die überall aus dem Boden schossen, klar: „Entweder du bist da drin, oder du verlierst.“ Und Hennig wollte lieber drin sein. „Damit ging es dann so richtig los.“ Jahr für Jahr eröffneten neue Filialen. Aber immer mit Augenmaß, wie Hennig hinzufügt. „Wir haben nie mehr als drei oder vier in einem Jahr gemacht. Das Maximum waren mal sechs.“ Die Backshops in den Supermärkten wurden dann schnell zum Hauptstandbein: Von den heute 77 Hennig-Filialen sind 60 in Supermärkten, vor allem bei Netto, Lidl und Kaufland.

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Die alte Familienbäckerei in Carsdorf, von der aus all die neuen Filialen beliefert wurden, quoll irgendwann aus allen Nähten. „Wir haben da sukzessive in alle Richtungen angebaut“, erzählt Hennig. „Das war zum Teil total verrückt.“ Der Hof wurde komplett als Lager unterkellert, Garagen und Mietwohnungen, die es vorher noch auf dem Grundstück gab, wurden nach und nach in die Bäckerei einverleibt. Und weil in der Backstube irgendwann kein Platz mehr war, wurde ein Fenster herausgebrochen und der Backofen einfach auf den angrenzenden Gehweg gestellt.

Neubau auf der grünen Wiese

Bis es 2007 dann einfach nicht mehr ging – und sich die Hennigs entschlossen, im Nachbarort Rüssen-Kleinstorkwitz, der zu Zwenkau gehört, noch einmal komplett neu zu bauen. Direkt an der Bundesstraße 2 auf der grünen Wiese entstand das neue Backhaus, mit angeschlossenem Café und Restaurant. Aus den 800 Quadratmetern Produktionsfläche, die es am Ende in Carsdorf gab, wurden mit einem Schlag mehr als 3000.

Backhaus Hennig in Rüssen-Kleinstorkwitz. Quelle: André Kempner

Auch die reichten aber nicht lange. Schon nach drei Jahren gab es den ersten Anbau, zwei weitere folgten 2011 und 2015. Die Produktionsfläche hat sich inzwischen auf 7000 Quadratmeter mehr als verdoppelt. Schließlich hat sich auch die Zahl der Filialen seit dem Umzug mehr als verdoppelt, der Umsatz sogar fast verfünffacht. Rund 20 Millionen Euro wurden bisher in den Standort investiert. Und der nächste Ausbau steht schon an: Noch in diesem Jahr soll ein weiterer Anbau entstehen mit zusätzlichen Produktions- und Lagerräumen. Kostenpunkt: Weitere fünf bis sechs Millionen Euro.

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Am neuen Standort wurde 2013 dann auch das 100-jährige Firmenjubiläum gefeiert. Dabei reicht die Geschichte eigentlich noch weiter zurück: 1887 war Jens Hennigs Urgroßvater, der wie der heutige Juniorchef Martin hieß, aus Schlesien nach Muschwitz bei Hohenmölsen im heutigen Sachsen-Anhalt gekommen. Eigentlich als Dorfschullehrer, doch nebenbei betrieb er eine kleine Backstube, mit der er per Pferdewagen die Bauern der Umgebung belieferte. 1913 hing er dann den Lehrerjob an den Nagel - und baute im zehn Kilometer entfernten Carsdorf die Bäckerei Hennig auf - erstmals mit eigenem Laden.

Auslieferung per Pferdewagen und Wartburg 311

Auslieferung per Pferdewagen 1910 am alten Sitz der Bäckerei in Muschwitz bei Hohenmölsen. Quelle: Hennig/Kempner
Das Backhaus Hennig in Pegau-Carsdorf 1928. Quelle: Hennig/Kempner

Ausgeliefert wurde aber weiter – erst per Pferdewagen, am Ende dann mit dem Wartburg 311 Kombi. „Da bin ich als ganz kleines Kind noch mitgefahren“, erinnert sich der heutige Seniorchef. „Mein Vater oder Großvater vorne am Steuer und ich musste hinten die Kübel festhalten auf den schlechten Straßen.“ Da war der kleine Jens noch nicht einmal eingeschult. „Ich bin quasi mit Mehlstaub groß geworden. Ich hab schon mit fünf im Laden gestanden und die Brötchen eingezählt.“ Das war bei seinem Sohn Martin nicht anders. „Der hat auch schon mit vier mit Schürze in der Bäckerei gestanden und den Teig mit ausgerollt.“

Auch der Grundstock für das heutige Geschäft in den Supermärkten wurde schon von Jens Hennigs Vater Peter gelegt: Kurz nachdem dieser die Bäckerei 1971 von dessen Vater Alfred übernommen hatte, begann er damit, auch Kaufhallen und Konsum-Märkte in Pegau, Groitzsch und Zeitz mit Backwaren zu beliefern. „Das Knowhow dafür, die Ware so herzustellen, dass sie gut transportiert und ausgeliefert werden kann, hat mein Vater schon in den 70ern und 80ern entwickelt.“

Gebacken wird auch heute noch zentral im Haupthaus. 21 Lkw rücken dann ab früh um drei aus, um die Ware an die Verkaufsstellen zu liefern, eine zweite Tour folgt ab halb zehn. „Wir machen 15.000 bis 18.000 Brote am Tag“, sagt Juniorchef Martin Hennig. „Und ungefähr 120.000 Teiglinge für Brötchen.“ Denn die werden anders als Brot und Kuchen nicht zentral gebacken, sondern vor Ort in den Filialen. „Damit die immer frisch aus dem Ofen kommen.“

Backen in fünfter Generation

220 der gut 900 Mitarbeiter arbeiten in der Zentral, darunter 14 Bäcker- und Konditormeister und insgesamt 40 Azubis. Selbst Jens Hennigs Vater Peter, inzwischen 77, ist noch mit dabei. Mit dem Umzug ins neue Backhaus gab er den Betrieb zwar an seinen Sohn weiter. „Er werkelt aber immer noch mit, kümmert sich drum, wenn in der Schlosserei etwas repariert werden muss.“ Und gleichzeitig bereitet sich sein eigener Sohn Martin bereits darauf vor, den Betrieb in fünfter Generation zu übernehmen.

„Ich bin damit aufgewachsen, hab mich von Anfang an dafür interessiert“, sagt der Junior. Als sein Vater ihn dann mit 16 fragte, ob er nicht irgendwann in dessen Fußstapfen treten wolle, sei dies für ihn daher keine Frage gewesen. Nach Bäckerlehre in Dresden und Wirtschaftsstudium in Leipzig und Bernburg (Sachsen-Anhalt) stieg er dann 2011 mit 26 als Geschäftsführer in den Betrieb ein. 40 Prozent gehören dem Junior, die restlichen 60 dem Vater.

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Der Meisterbrief im Bäckerhandwerk fehlt dem Junior aber noch. „Den werde ich wohl nächstes Jahr in Angriff nehmen“, sagt er. Allerdings nicht ganz freiwillig. „Ich hab da eine Wette verloren - mit meinem Vater.“ Als der 2018 eine Fortbildung zum Brotsommelier machte, habe er - um den Vater anzuspornen mit ihm gewettet, das er die Prüfung nicht bestehen werde. Wenn er gewinne, bekomme er sofort das Chefbüro - wenn nicht, mache er seinen Bäckermeister. Jens Hennig bestand am Ende sogar mit Auszeichnung - und Sohn Martin muss nun den Wetteinsatz einlösen.

Die Rückkehr des Ost-Brötchens

Bäckermeister Jens Hennig hat seine Kunden über das von ihme wiederbelebte Ost-Brötchen abstimmen lassen. Quelle: Thomas Kube

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Bis Martin den Betrieb ganz übernehmen kann, wird es aber noch etwas dauern. „Eigentlich wollte ich ja mit 57 in den Ruhestand treten“, sagt Jens Hennig. Das wäre im vergangen Oktober gewesen. Den Plan hat er aber längst verworfen. „Das wäre ohnehin nur ein Unruhestand geworden. Da kann ich auch jeden Tag weiter in die Bäckerei fahren.“ Das werde er sicher auch noch einige Jahre so machen. „Mit 68 muss ich dann vielleicht mal ans aufhören denken.“

Langweilig dürfte ihm aber auch dann nicht werden. Denn schon jetzt sammelt der 57-Jährige fleißig Ehrenämter: Als Kreishandwerksmeister, als stellvertretender Landesobermeister der Bäckerinnung - und seit neuestem auch als Mitglied im Verwaltungsrat der Sparkasse Leipzig.

Weitere Filialen sind nicht geplant

Ob es mit dem Wachstum der Bäckereikette denn so rasant weitergehen wird? Martin Hennig winkt ab. „Wir sind nicht mehr auf der Suche“, sagt der Junior. „Höchstens, wenn mal ein echtes Top-Angebot kommt.“ Das müsse aber auch in den Tourenplan passen. „Wir machen nichts, was man nicht innerhalb von einer Stunde mit dem Lkw erreichen kann.“ Im Norden reicht das bis kurz hinter Bitterfeld, im Süden bis an die Stadtgrenze von Gera, im Westen bis nach Bad Lauchstädt in Sachsen-Anhalt und im Osten bis Wurzen. „Mit unserem Filialnetz sind wir momentan sehr zufrieden.“

Und einfach anderswo noch eine zweite Backstube aufmachen, um weitere Gebiete beliefern zu können? „Da haben wir mal kurz drüber nachgedacht“, sagt Jens Hennig. „Aber wo Hennig drauf steht, muss auch Hennig drin sein. Und dafür können wir nur garantieren, wenn wir selbst jeden Tag vor Ort sind.“

Der Wirtschaftspreis Sachsens Unternehmer des Jahres“ ist eine Initiative der Leipziger Volkszeitung, der Sächsischen Zeitung, der Freien Presse und des Mitteldeutschen Rundfunks sowie von Volkswagen Sachsen, der Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft KPMG, der LBBW und der Gesundheitskasse AOK Plus.

Bewerbungen sind noch bis 7. Februar möglich unter: www.unternehmerpreis.de

Bisher erschienene Bewerberporträts:

Der Sieger des Vorjahres:

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