Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Wirtschaft Regional Bundespräsident schraubt in Leipzig am E-Auto
Nachrichten Wirtschaft Wirtschaft Regional Bundespräsident schraubt in Leipzig am E-Auto
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:32 24.05.2019
Mit einem Akkuschrauber drehte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier einen Adapter für eine Stoßfängerführung an einem BMW i3 fest. Quelle: Jan Woitas/dpa
Leipzig

Soviel handwerkliches Geschick hatten die BMW-Werker dem Bundespräsidenten gar nicht zugetraut: Bei seinem Besuch im Leipziger Werk drückte ihm einer der Mitarbeiter in der Endmontage den Akkuschrauber in die Hand – und der 63-Jährige, von Hause aus Jurist, zog dann nach kurzen Zögern gekonnt vorne links zwei Schrauben für die Stoßfängeraufhängung an einem schwarzen BMW-Elektroauto i3 fest – unter Anleitung des Montageleiters. „Hoch professionell und in Taktzeit“, lobte einer der BMW-Werker, der das kritisch beäugte.

BMW stoppt für eine Stunde die Bänder

Dabei war Steinmeier am Montag eigentlich nicht zum Schrauben ins Werk gekommen. Er wollte wenige Tage vor der Europawahl am Sonntag noch einmal die Werbetrommel rühren für Europa. Natürlich nicht für eine bestimmte Partei – schließlich ist das Staatsoberhaupt zur Neutralität verpflichtet –, sondern für die Stimmabgabe allgemein. Kurz nach seinem Schraubeinsatz in der i3-Montage stoppte BMW daher für eine Stunde die Bänder, damit die Frühschicht komplett seiner Rede lauschen konnte.

„Dafür kann man schon mal für eine Stunde die Bänder anhalten“, sagte Betriebsratschef Jens Köhler. Auch wenn dass das dem Werk angesichts der hohen Nachfrage nicht leichtfalle, fügte der aus München angereiste Produktionsvorstand Oliver Zipse. Aber Europa sei für BMW wichtig. „Und das nicht nur weil wir unsere Autos in ganz Europa verkaufen.“

Steinmeier: Für Europa lohnt es sich zu arbeiten

2500 der insgesamt 5300 Mitarbeiter des Werks drängte sich dann auf zwei Etagen im Foyer des Besucherzentrums, um Steinmeier zu lauschen. „Gerade wir in Deutschland haben der europäischen Einigung unendlich viel zu verdanken“, sagte Steinmeier. „Und das gilt nicht nur für die Wirtschaft.“

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besucht das Leipziger BMW-Werk und wirbt kurz vor der Europawahl am Sonntag für die EU. 2500 Mitarbeiter lauschen auf einer Versammlung im Werk seiner Rede.

Der Bundespräsident betonte die hohe Bedeutung der EU für die deutsche Wirtschaft. „Wenn wir gute Arbeitsplätze wollen, dann brauchen wir industrielle Wertschöpfung. Und wenn wir industrielle Wertschöpfung wollen, dann brauchen wir ein geeintes, starkes Europa.“ Das sollte man auch denen sagen, die das Schimpfen auf Europa zum Hobby erkoren hätten. Mit Blick auf Großbritannien und den Brexit sagte Steinmeier: „Wir gehen nicht in die Sackgasse des populistischen Kampfs. Wir wollen ein starker Industriestandort bleiben.“ Das gehe nur mit offenen Märkten und in der EU.

Jeder sechste BMW aus Leipzig geht nach Großbritannien

Das werde gerade hier bei BMW in Leipzig mehr als deutlich. Jedes sechste hier gebaute Auto gehe allein nach Großbritannien, das Land ist für die Fabrik der zweitwichtigste Absatzmarkt gleich nach Deutschland. Im Gegenzug kommen die Motoren etwa für den BMW i8 von dort nach Leipzig. „Auch deshalb tut der Austritt unserer britischen Freunde aus der EU weh.“ Zwar werde Großbritannien selbst am meisten unter dem Brexit leiden. „Aber er berührt auch uns hier in Deutschland.“

Umso wichtiger sei es, am Sonntag zur Europawahl zu gehen und die demokratischen Kräfte zu stärken. „Ein demokratisches Deutschland in einem vereinten Europa – das ist ein verdammt großes Glück. Dafür lohnt es sich, zu streiten und allemal am Sonntag wählen zu gehen.“ Denn gerade Autobauer wie BMW seien auf die EU angewiesen.

Spitze gegen Donald Trumps Twitter-Politik

„Die deutsche Autoindustrie braucht offene Märkte und offene Grenzen in Europa.“ Und die gerade in Sachsen so starke Branche mit ihren Werken von Porsche, BMW und VW profitiere wie kaum eine andere von der EU. „Die deutsche Autoindustrie profitiert vom Binnenmarkt, sie profitiert vom Euro und sie profitiert davon, dass Europa für freien und fairen Welthandel eintritt.“

Am Ende konnte sich Steinmeier auch einen Seitenhieb gegen seine Amtskollegen im Weißen Haus, US-Präsident Donald Trump, nicht verkneifen. „Wenn der Hausherr im Weißen Haus morgens aufwacht und per Twitter mit Zöllen auf deutsche Autos droht, dann bin ich froh, dass die Europäische Kommission für alle 500 Millionen EU-Bürger klar macht: So nicht! So gehen Partner nicht miteinander um.“

Zweiter Besuch im Werk binnen 13 Monaten

Für den Bundespräsidenten war es bereits der zweite Besuch in dem Leipziger BMW-Werk innerhalb von gut einem Jahr: Im April 2018 hatte er hier bereits zusammen mit seiner Ehefrau Elke Büdenbender das Ausbildungszentrum besichtigt. Der Besuch habe ihn tief beeindruckt, sagte er. Vor allem von den beiden gehörlösen Azubis Gillian Wacht und Jimmy Grunst, die er damals getroffen hatte, zeigt er sich nach 13 Monaten noch tief beeindruckt. „Und ihr Ausbilder Enrico Horn hat extra für die Beiden Gebärdensprache gelernt. Das hat mich wirklich begeistert.“

Neben den tollen Autos natürlich, wie Steinmeier hinzufügte. Und dieses mal durfte er – anders als damals – sogar selbst den Akkuschrauber anlegen. So ganz verlassen wollte man sich bei BMW auf die Schraubkünste des Bundespräsidenten dann aber doch nicht. „Wir werden das dann nachher nacharbeiten“, sagte eine Mitarbeitern mit einem Augenzwinkern, als Steinmeier die Montagehalle wieder verlassen hatte.

Von Frank Johannsen und Birgit Zimmermann