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Wirtschaft Regional Halberg Guss gerettet: Mitarbeiter begrüßen Investor mit Applaus
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20:20 29.11.2018
Erfolgreicher Protest: Mit sechs Wochen Dauerstreik im Sommer hat die Belegschaft von Halberg Guss die Schließung der Leipziger Gießerei verhindert. Quelle: André Kempner
Leipzig

Einen solchen Empfang hat Frank Günther von One Square Advisors in seiner langen Karriere als Investor noch nicht erlebt. Punkt 14 Uhr trat er am Donnerstag in Saarbrücken vor die Belegschaft von Halberg Guss – und wurde mit tosendem Applaus begrüßt. „Standing Ovations, minutenlang. So etwas habe ich noch nie erlebt.“ Zeitgleich trat in Leipzig sein Mit-Geschäftsführer Wolf Waschkuhn vor die versammelte Belegschaft – und wurde ebenfalls frenetisch begrüßt.

Die Nachricht, die die beiden den seit Monaten um ihre Jobs kämpfenden Halbergern überbrachten, war für die fast 2000 Mitarbeiter an beiden Standorten wie ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk: Mit dem verhassten Eigner Prevent habe man soeben den Kaufvertrag unterzeichnet, übernehme beide Standorte in Leipzig und Saarbrücken – und wolle diese fortführen. Die angekündigte Schließung in Leipzig per Ende März 2019 ist damit vom Tisch. „So kurz vor Weihnachten ist das eine gute Nachricht“, sagte Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD).

Notartermin dauerte 3 Tage

Punkt 12.37 Uhr hatte One-Square-Chef Günther mit Halberg Guss den Kaufvertrag unterzeichnet. Seit Montag hatten beide Seiten beim Notar gesessen. Denn der musste den kompletten Kaufvertrag, der offenbar mehrere Hundert Seiten umfasst, vorlesen. Die letzte Nacht habe man sogar durchgemacht, berichtet Günther. „Geschlafen habe ich nicht.“ Dennoch wollte er es sich nicht nehmen lassen, den Erfolg dann sofort persönlich der Belegschaft zu verkünden.

„Das ist der Hammer, nach der ganzen Auseinandersetzung“, sagte Leipzigs IG-Metall-Chef Bernd Kruppa nach der Bekanntgabe des Abschlusses. „Das ist ein Riesenerfolg.“ Schließlich habe Halberg-Guss-Chef Alexander Gerstung noch im Sommer verkündet, die Schließung der Leipziger Gießerei sei „in Stein gemeißelt“ – und wenig später das Enddatum sogar noch um neun Monate auf 31. März vorgezogen.

„Das Werk war schon totgesagt. Jetzt gibt es endlich eine neue Chance für die Kollegen“, freut sich Kruppa. „Das ist ein starkes Signal nicht nur für die Kollegen, sondern für den gesamten Industriestandort Leipzig. Nach Siemens in Plagwitz ist es uns zum zweiten Mal gelungen, eine schon beschlossene Schließung abzuwenden.“

Käufer lobt Belegschaft

Zu verdanken sei das dem beherzten Widerstand der Belegschaften in Leipzig und Saarbrücken, ist sich Kruppa sicher. „Die Kampfstärke hat es gebracht. Damit hatte Prevent nicht gerechnet. Das zeigt: Entschlossene Belegschaften, die zusammenhalten, können Berge versetzen.“ Auch vom neuen Hausherrn kam Lob für die Mitarbeiter für ihr Engagement „auch in schwierigen Zeiten. Dieses Engagement war und ist Basis für die fortlaufend breite Unterstützung der Kunden.“

Völlig anders war im Januar der bisherige Eigner begrüßt worden: Ausgerechnet die Prevent-Gruppe der bosnischen Familie Hastor, seit Jahren als VW-Schreck bekannt, war bei Halberg Guss eingestiegen – und hatte sich sogleich mit dem Hauptkunden Volkswagen angelegt. Später wurden auch andere Abnehmer mit saftigen Preiserhöhungen und Lieferstopps verschreckt. Prevent kündigte daraufhin an, die Gießerei in Leipzig 2019 zu schließen und in Saarbrücken massiv Stellen zu streichen.

Sechs Wochen lang hatte die IG Metall die beiden Gießereien im Sommer bestreikt, zusätzlich Demos, Autocorsos und ein Familienfest am Werk organisiert – und Prevent am Ende dazu gebracht, von den Plänen abzurücken. Stattdessen wurde ein Käufer für die Firma gesucht. Seit August liefen Gespräche mit One Square Advisors – doch der Abschluss stand mehrfach auf der Kippe. Prevent wolle den Preis in die Höhe treiben, hieß es. Erst jetzt gelang der Durchbruch.

Neuer Name für Leipziger Gießerei

Innerhalb von zehn Tagen soll der Verkauf jetzt vollzogen werden, kündigte Prevent an. Wenn alles gut geht, könnte es schon am Samstag soweit sein. Der Name „Neue Halberg Guss“, den die Firma nach der Pleite 2009 angenommen hatte, wird dann verschwinden. Die beiden Standorte werden getrennt, sollen künftig Gußwerk Leipzig und Gußwerk Saabrücken heißen.

Alle 530 Festangestellten in Leipzig, die noch an Bord sind, werden übernommen, kündigte der Investor auf der Belegschaftsversammlung an. Und sie werden auch weiter nach Tarif bezahlt. Vor einem halben Jahr hatte das Werk aber noch 700 Mitarbeiter gehabt.

Trotz Rettung droht Stellenabbau

Ganz ohne Stellenabbau wird es auch unter dem neuen Eigner, der als Berater auf Finanzrestrukturierungen spezialisiert ist, nicht bleiben. „Wir müssen leider davon ausgehen, dass es zukünftig zu Konsolidierungsmaßnahmen mit Personalabbau kommen wird“, hieß es auf der Betriebsversammlung.

Eine Schließung des Standorts sei anders als unter Prevent aber nicht geplant. „Erstes Ziel ist eine kurzfristige Restrukturierung“, sagte Günther. Mittelfristig wolle man dann auch wieder investieren – und die beiden Standorte „zu einer führenden Gießereigruppe in Europa entwickeln“.

IG-Metall-Mann Kruppa zeigte sich zuversichtlich. „Wir haben eine gute Auslastung und hoffen, dass nun auch die Altkunden zurückkommen.“ Denn viele der von Prevent verschreckten Abnehmer hatten den Eigentümerwechsel tatkräftig unterstützt – und angekündigt, dann auch wieder Motorblöcke abzunehmen. „Und vielleicht“, so Kruppa, „kommen noch ein paar Neukunden dazu.

Von Frank Johannsen

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