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20:57 20.12.2018
Das von der Leag betriebene Braunkohle-Kraftwerk Lippendorf liefert 80 Prozent der Leipziger Fernwärme. Ab 2023 will die Messestadt keine mehr abnehmen. Quelle: Patrick Moye
Lippendorf

Überraschender Vorstoß im Fernwärme-Streit: Weil Leipzig ab 2023 keine Heizenergie mehr aus dem Braunkohlekraftwerk Lippendorf abnehmen will, bietet sich der dortige Betreiber Leag jetzt selbst als Standort für das geplante Gasheizkraftwerk an. Weil vom Kühlturm bis zur Rohrleitung nach Leipzig alles vorhanden sei, sei der Standort bestens geeignet, warb Leag-Kraftwerke-Vorstand Hubertus Altmann (57) am Donnerstag in Lippendorf. „Wir haben hier die komplette Infrastruktur, die es erlauben würde, auch eine neue Anlage zu errichten.“

Lieber würde Altmann zwar weiter mit Braunkohle heizen. Denn bisher falle die Fernwärme bei der Stromerzeugung quasi als Abfallprodukt nebenbei ab. Wenn die Stadt Leipzig dies aber wünsche, könne man auch andere Brennstoffe einsetzen. Abschalten will Altmann die beiden bisherigen Kraftwerksblöcke deswegen aber nicht. Die würden weiter für die Stromproduktion benötigt – und zwar bis „weit in die 2040er-Jahre“ hinein. Das neue Heizkraftwerk will er daher zusätzlich direkt neben der bestehenden Anlage errichten.

Bau würde billiger als in Leipzig

Das würde für Leipzig auch deutlich billiger als der von Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) geplante Neubau im Stadtgebiet, glaubt Altmann. „Wir können mit unserer vorhandenen Infrastruktur vieles an Kosten abfedern.“ Bisher plant Leipzig, bis 2023 ein eigenes Gasheizkraftwerk neu zu bauen. Kosten: 150 Millionen Euro. „Das ist ein ganz schöner Brocken“, so Altmann.

Als Standort ist das ehemalige Heizkraftwerk Leipzig-Süd im Stadtteil Dölitz im Gespräch, das 1996 stillgelegt wurde. Lippendorf wäre dafür viel besser geeignet, glaubt Altmann. „Wir haben hier Anlagen, die man nicht noch einmal errichten muss.“

Damit könnten nach Ansicht der Leag gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden: Leipzig würde sich neben den Millioneninvestitionen das aufwendige Genehmigungsverfahren für ein Kraftwerk im Stadtgebiet ersparen. Und die bestehende Rohrleitung aus Lippendorf wäre weiter ausgelastet. Denn bisher ist völlig offen, wie die Röhre, an der auch die Stadt Böhlen hängt, ohne den Hauptabnehmer Leipzig weiter zu betreiben wäre.

Leag setzt auf Biomasse statt Gas

Von Jungs Vorstoß, der vor zwei Wochen den Ausstieg aus der Braunkohle 2023 verkündet hatte, wurde Altmann nach eigenen Worten völlig überrascht. „Die Entscheidung hat uns sehr irritiert. Wir waren gerade in guten Gesprächen mit den Stadtwerken. Wir hoffen, dass der Gesprächsfaden jetzt nicht abreißt.“ Denn gekündigt habe Leipzig noch nicht. Der Vertrag laufe noch bis 2023 – und stehe erst 2020 zur Verlängerung an.

Bis dahin will Altmann offensiv dafür werben, das neue Heizkraftwerk nach Lippendorf zu holen. „Wir stehen zur Verfügung.“ Schon in den bisherigen Gesprächen habe man angeboten, in Lippendorf ein neues Heizkraftwerk zu bauen, in dem auch Biomasse und andere Brennstoffe verfeuert werden könnten. Das Angebot stehe weiter. Von dem von Jung favorisierten Erdgas hält Altmann dagegen wenig. Das erzeuge ja auch CO2 und sei allenfalls eine Übergangslösung. „Wir sind da aber gesprächsbereit.“

Umweltbilanz verschlechtert sich

Für die Umwelt bringe das aber nichts, kritisierte Altmann. „Die Fernwärme entsteht bei uns ja quasi als Abwärme im normalen Stromerzeugungsprozess.“ Wenn dafür nun – wie von Leipzig geplant – ein neues Gasheizkraftwerk gebaut werde, dann entstehen am Ende sogar mehr Abgase als bisher. Denn das neue Kraftwerk stoße zusätzlich CO2 aus – während Lippendorf für die Stromproduktion unverändert weiterlaufen müsse.

Der Wirkungsgrad des Kraftwerks werde sich aber verschlechtern. Bisher komme man auf 46 Prozent, ohne Fernwärme wären es nur noch knapp 43 Prozent. Denn drei Prozentpunkte steuert die Wärmelieferung nach Leipzig, Böhlen und Neukieritzsch bei, und der Löwenanteil entfällt auf die Messestadt. Den beim Bau der Anlage angepeilten Wert von 42,8 Prozent schaffe man aber auch ohne Wärme.

Grüner hält Fernwärme für Auslaufmodell

Das sieht Gerd Lippold von den Grünen anders. „Auch wenn die Unterstützer der Braunkohlewirtschaft das vehement bestreiten: Das ist bei näherer Betrachtung ökonomisch und ökologisch sinnvoll“, sagte der energiepolitische Sprecher der Grünen im sächsischen Landtag.

Das Argument, die Fernwärme falle in Lippendorf bei der Verstromung doch eh als Abfallprodukt an, will der 57-Järige nicht gelten lassen. Zwar sei die Kraft-Wärme-Kopplung wie sie in Lippendorf praktiziert wird, jahrelang zu recht also besonders umweltschonend gelobt worden. Doch die Zeiten haben sich durch die Energiewende geändert.

„Das Argument, es ginge darum, Abwärme, die bei der Stromproduktion ohnehin anfalle, zu nutzen, war sicher jahrelang richtig. Heute, in der Realität der Energiewende, sieht die Situation jedoch anders aus.“ Denn wirklich aufgehen konnte die Rechnung nur, solange Kohlekraftwerke rund um die Uhr durchliefen. Dann war es sinnvoll, die Abwärme wenigstens zum Heizen zu nutzen.

Fernwärme bremst Ökostrom

„Allerdings hat sich die Situation in den letzten zehn Jahren grundlegend geändert.“ Und das liege am immer höheren Anteil von Strom aus Wind und Sonne, der im Netz eigentlich Vorrang hat. Rechnerisch, so Lippold, hätte 2017 an 51 Tagen im Osten genug Ökostrom zur Verfügung gestanden, um alle Kohlekraftwerke herunterzufahren. Das werde mit dem weiteren Ökostrom-Ausbau noch mehr werden. Doch wirklich gestoppt wurden die Kraftwerke nie: Weil dann auch keine Wärme erzeugt werden kann, gelten sie als systemrelevant und bleiben am Netz. „Die Fernwärme dient als Begründung für den Weiterbetrieb trotz voller Stromnetze. Abgeschaltet wird dann lieber sauberer Strom aus Sonne und Wind.“

Genau das würde sich ändern, wenn Leipzig seine Fernwärme selbst produziere. Dann könnte Lippendorf abgeschaltet werden, wenn der Strom nicht gebraucht wird. Das werde am Ende sogar CO2 einsparen. „Ein ganzes Großkraftwerk nur für Fernwärme zu betreiben, wenn der Strommarkt es nicht braucht, macht keinen Sinn.“ Denn nur ein Zehntel der Abwärme werde wirklich zum Heizen genutzt. Deshalb werde auch unnötig viel Kohle verbrannt. „Wenn auch nur zehn Vollasttage im Jahr in Lippendorf wegfallen, dürfte die Jahresemission eines neuen Leipziger Kraftwerks bereits weitgehend kompensiert sein.“

Kraftwerk soll bis mindestens 2040 weiterlaufen

An ein Herunterfahren des Kraftwerks sei aber gar nicht zudenken, beteuert Leag-Mann Altmann – ganz im Gegenteil. „Die Stromnachfrage ist da. Sie ist sogar so hoch, dass wir die Anlage auf hohem Niveau fahren müssen.“ Und daran werde sich trotz Energiewende so schnell nichts ändern. Es gebe schlicht nicht genug Stromtrassen und Speicher, um komplett auf Kohlekraftwerke zu verzichten, ohne die Versorgungssicherheit aufs Spiel zu setzen. Er gehe daher davon aus, Lippendorf noch „bis weit in die 2040er-Jahre“ zu betreiben – „so lange, bis alle Braunkohleaufkommen in der Region aufgebraucht sind“.

Daran ändere auch der Wegfall der Fernwärme als Einnahmequelle nichts. „Fernwärme ist keine Existenzfrage für das Kraftwerk. Unser Hauptgeschäft ist der Strom.“ Und der rechne sich auch ohne das Zusatzgeschäft mit der Wärme. „Das Kraftwerk ist wirtschaftlich attraktiv. Wir werden es auch ohne Fernwärme definitiv weiterbetreiben.“

Wenn die Fernwärme wegfalle, würden sogar die Kosten etwas sinken. „Es ist aber nicht so, dass wir die ganz zum Nulltarif erzeugen. Das wird im Bezug auf das Gesamtvolumen aber kaum durchschlagen.“ Jobs seien am Standort mit seinen bisher 350 Mitarbeitern daher nicht in Gefahr. „Es ist nicht so, dass deswegen Stellen wegfallen.“

Von Frank Johannsen

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