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Wirtschaft Regional Meisterzwang weg, Pfusch am Bau da: Handwerk schlägt Alarm
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00:18 24.05.2017
Der Meister machts: Das Handwerk fordert die Abschaffung der 2004 beschlossenen Lockerung für Betriebe.  Quelle: dpa
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Dresden/Erfurt

 Das deutsche Handwerk macht Druck: Die Politik soll die Lockerung des Meisterzwangs komplett zurücknehmen. „Hier muss schnellstens gegengesteuert werden“, fordert Stefan Lobenstein, Präsident des Thüringer Handwerkstags. Die damalige Freigabe sei ein Weg in die Sackgasse gewesen. Genauso beurteilen der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes (ZDB) und die IG Bau die Lage. „Die Abschaffung der Meisterpflicht war ein Fehler mit fatalen Folgen“, meinen der Chef des ZDB-Fachverbandes Fliesen und Naturstein, Karl-Hans Körner, und Gewerkschafts-Vize Dietmar Schäfers. Diese Fehlentscheidung gelte „es dringend zu korrigieren“, so Schäfers.

Neue Betriebe schießen wie Pilze aus dem Boden

Hintergrund: Die 2004 geänderte Handwerksordnung erlaubt es in 53 Gewerken auch ohne Meisterbrief eine Firma zu gründen. Die Konsequenzen sind nach Ansicht des Handwerks katastrophal. So schossen neue Betriebe wie Pilze aus dem Boden. Bundesweit gab es 2004 allein in der Fliesenlegersparte 12 401 Handwerksunternehmen, 2015 waren es schon 71 142. In Sachsen erhöhte sich die Anzahl aller Handwerksbetriebe von 50 962 auf 59 255 (Ende 2014), in Thüringen von 28 615 auf 31 951. Für Roland Ermer, Präsident des Sächsischen Handwerkstags, ist klar: Dies ist krasse Folge der gelockerten Meisterpflicht. Claus Gröhn, Chef der Leipziger Handwerkskammer, sieht das als großes Problem an. „Ohne Qualifikation ist in diesen Berufen auch kein Gesellenbrief erforderlich. Die Betreffenden brauchen in diesen Gewerken eigentlich gar nichts und können sich Handwerker nennen“, schimpft er. „Die Qualität und das Image des Handwerks leiden sehr unter der Abschaffung der Meisterpflicht.“

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Gewerke bilden kaum noch Lehrlinge aus

Weiterer Kritikpunkt: Der Berufsnachwuchs bleibt auf der Strecke, denn Lehrlinge dürfen in der Regel nur in Meisterbetrieben ausgebildet werden. Mit der Konsequenz, dass selbst viele Meister-Unternehmen, die inzwischen als zulassungsfrei gelten, ihr Engagement in der Ausbildung deutlich reduzierten – etwa Fliesen-, Platten- Mosaikleger, Raumausstatter und Fotografen. Zwischen 2004 und 2015 verringerten sich die Ausbildungszahlen im Fliesenlegerhandwerk bundesweit um 27 Prozent. Dadurch steht die Zukunft der betroffenen Gewerke zunehmend auf dem Spiel, meint Körner. „Unser Handwerk stirbt langsam aus.“

Preisdumping und Pfusch ruinieren den Ruf des Handwerks

Hinzu komme, „dass Preisdumping und Pfusch bei Produkten und Dienstleistungen von unqualifizierten Anbietern den Meisterbetrieben zusetzen und damit dem guten Ruf schaden“, sagt Ermer. „Viele einst florierende Betriebe mit qualifizierten Fachkräften“, so Körner, „konnten dem Unterbietungswettlauf mit Dumpinganbietern nicht Stand halten, mussten aufgeben und Mitarbeiter entlassen.“ Während etwa Fliesenmeisterbetriebe, die Tariflohn und Sozialversicherungsbeiträge zahlen, mit Stundensätzen von 54 Euro wirtschaften müssen, bieten einzelne Fliesenleger ohne Qualifikation ihre Leistungen zu Stundensätzen von deutlich unter 20 Euro an. Meisterfirmen würden so aus dem Wettbewerb gedrängt.

Inzwischen, so der ZDB und die IG Bau, sehen viele Politiker die Entscheidung von 2004 als Fehler an. Nun sei ihr Handeln gefragt. Lobenstein: „Qualitätsgebundene Berufszugänge dürfen nicht als Wettbewerbshindernis gesehen werden, sondern sind der Garant für eine geringe Jugendarbeitslosigkeit und eine hohe Dienstleistungsqualität im Handwerk.“

Von Ulrich Langer