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Wirtschaft Regional Online-Einkauf und Einzelhandel ringen um die Gunst der Verbraucher
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22:05 22.01.2016
Immer mehr Deutsche kaufen lieber online ein, als selbst in die Geschäfte zu gehen.
Immer mehr Deutsche kaufen lieber online ein, als selbst in die Geschäfte zu gehen. Quelle: dpa
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Dresden/Berlin.

Der stationäre Handel verliert Anteile. „Schaut man sich die Umsatzentwicklung an, wird deutlich, dass der Gesamtmarkt seit etwa zehn Jahren stagniert, während der Online-Umsatz jährlich zweistellig wächst“, sagt Boris Hedde, Geschäftsführer des Kölner Instituts für Handelsforschung (IFH). Im Jahr 2005 etwa betrug der Umsatz des Online-Handels erst 13,8 Milliarden Euro. Die Branche insgesamt lag damals bei 430 Milliarden Euro. Die Effekte des Strukturwandels bekomme der stationäre Handel zu spüren, ist sich der IFH-Chef sicher. „In einem stagnierenden Gesamtmarkt bedeutet Veränderung immer auch Verdrängung.“ Nach Analysen des Instituts stehen Ladenbesitzer vor enormen Herausforderungen. Da der Online-Handel auch zukünftig Marktanteile des klassischen Handels erobern werde, drohe jedem zehnten Laden bis 2020 die Schließung. Um den Schaden zu begrenzen, versuchen Kommunen mit neuen Ideen gegenzusteuern. So will etwa der Bornaer Gewerbeverein mit Fördermitteln aus dem Europäischen Sozialfonds ESF das Sterben traditionsreicher Handelsgeschäfte in der Innenstadt stoppen. Nach Berechnung des Städte- und Gemeindebundes sind aufgrund des zunehmenden Online-Handels in den nächsten Jahren bis zu 50 000 Läden in Gefahr. Auch der Handelsverband HDE fürchtet, dass bis 2020 bis zu 50 000 Standorte vom Markt verschwinden könnten.

Einen wichtigen Einfluss auf die Handelslandschaft habe auch der demografische Wandel, so der IFH-Forscher. Wenn Bundesländer wie Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen weiter schrumpften, führe das zu sinkenden Einzelhandelsumsätzen. „Das liegt unter anderem daran, dass sich durch den erwarteten Bevölkerungsrückgang in diesen Regionen Versorgungslücken verstärken und diese durch den Online-Handel aufgefangen werden“, sagt Hedde.

Herausforderungen, denen sich auch Eberhard Lucas vom Handelsverband Mitteldeutschland bewusst ist. „Der stationäre Handel muss sich auf seine Stärken berufen und diese ausbauen, vor allem die Beratungskompetenz.“ Produkte können vom Kunden angefasst, probiert und vorgeführt werden. „Das kann das Internet nicht“, so Lucas.

Eine gute Beratung sei aber nur ein Teil des greifbaren Einkaufserlebnisses. So müsse es auch Verknüpfungspunkte mit der Gastronomie und Kulturveranstaltungen geben. Lucas spricht hier von einem „starken Netzwerk, das auf Kundenorientierung beruht“. Zumeist mache derjenige, der in Einkaufslaune sei, noch einen Abstecher ins Café, Restaurant oder Kino. „Hier sind Behörden, Lokal- und Landespolitik gefragt, wenn ein attraktiver Einzelhandel in der Stadt gehalten werden soll.“ Das fange bei Parkplätzen und Parkgebühren an und gehe bis hin zu Steuerthemen.

Ebenso sei über ein neues Konzept zu den Ladenöffnungszeiten nachzudenken, meint Lucas. „Für die Werktage sehen wir keinen Handlungsbedarf, anders bei den verkaufsoffenen Sonntagen.“ Hier werde mehr Flexibilität benötigt. Der Ladeninhaber könne schließlich nur Umsatz machen, wenn sein Geschäft geöffnet sei. „Händler sollen frei entscheiden können, wann es für sie sinnvoll ist, ihre Produkte anzubieten“, lautet die Position von HDE-Präsident Josef Sanktjohanser. Was wiederum die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi ablehnt. Längere Öffnungszeiten würden die Gesamterlöse nicht erhöhen, der Umsatz verteile sich nur auf mehr Stunden, heißt es. Den Wettbewerb gewinne man nicht, indem man versuche, dem Online-Handel konzeptlos bei den Öffnungszeiten hinterherzuhecheln. Gute Beratung sei vielmehr ein Schlüssel zum Erfolg.

Forscher Hedde sieht in der Verzahnung von E-Commerce mit dem stationären Handel den Schlüssel zum Erfolg. „In allen Altersgruppen wird heute kanalübergreifend eingekauft. Entsprechend ist der Handel gefordert, sich für neue Lösungen einzusetzen.“ Wollten Einzelhändler vor Ort partout keinen Online-Shop aufbauen, sollten sie wenigstens mit ihrem Geschäft im Internet präsent sein. Der Handelsverband Mitteldeutschland schätzt, dass gegenwärtig 30 Prozent der Einzelhändler eine eigene Homepage haben, auf der zumindest die Adresse und die Öffnungszeiten für die Kunden nachzulesen sind sowie Produkt und Sonderangebote vorgestellt werden. „Letztlich richten sich die Geschäftskonzepte im Handel immer nach dem aktuellen Verbrauchsverhalten. Was der Kunde will, dahin wird die Entwicklung gehen“, sagt Lucas.

Von Victoria Graul