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22:26 10.06.2019
Will die Metaller im Westen 3 Stunden länger arbeiten lassen: Sachsens Arbeitgeberpräsident Jörg Brückner. Quelle: Steffen Füssel/VSW
Leipzig

Statt einer Angleichung Ost an West fordert Sachsens Arbeitgeberpräsident Jörg Brückner, dass sich Westdeutschland am Osten orientiert – jedenfalls bei den Arbeitszeiten. Im Interview mit der LVZ spricht er sich für eine Rückkehr zur 38-Stunden-Woche in der westdeutschen Metall- und Elektroindustrie aus. Damit geht er auf Konfrontationskurs zur IG Metall. Denn die fordert genau das Gegenteil: 24 Jahre nach der Einführung der 35-Stunden-Woche in der westdeutschen Metall- und Elektroindustrie solle diese endlich auch im Osten gelten.

Nationalismus größtes Risiko

Herr Brückner, nach Jahren des Wachstums macht vermehrt das Wort Rezession die Runde – wohin steuert Sachsens Wirtschaft?

Das ist schwer zu sagen, denn es hängt vor allem von äußeren Faktoren ab. Unsere Wirtschaft ist stark exportorientiert und da sorgen die eskalierenden Handelsstreitigkeiten, der ungeklärte Brexit und die Unstimmigkeiten in der EU für Unsicherheit und Zurückhaltung. Wirtschaft basiert vor allem auf Vertrauen und Verlässlichkeit und da wird es schwierig, wenn heute nicht klar ist, ob man als Unternehmen morgen liefern darf. Im zunehmenden Nationalismus und Protektionismus in vielen Ländern sehe ich deshalb aktuell das größte Risiko für die sächsische Wirtschaft.

Welche Bedeutung messen Sie den Sanktionen bei?

Die Politik versucht zunehmend politische Konflikte mit Wirtschaftssanktionen zu lösen, verfolgt damit aber den völlig falschen Ansatz, wie die Russland-Sanktionen zeigen. Dabei gibt es am Ende nur Verlierer – auf allen Seiten. Es ist nicht zielführend, politische Kontroversen auf dem Rücken der Wirtschaft auszutragen. Vielmehr können wirtschaftliche Verflechtungen für einen gewissen Pragmatismus sorgen, was sich schon oft als stabilisierender Faktor erwiesen hat.

Aber die Politik nutzt Sanktionen, damit es weh tut.

Für die Unternehmen stellt sich zunehmend die Frage, wo sie denn angesichts der Probleme und Konflikte, die es fast in jedem Land gibt, noch guten Gewissens ihre Produkte verkaufen dürfen. Wer legt fest, was gute Geschäftspartner sind? Die Politik sollte sich darauf konzentrieren, den freien Handel zu verteidigen. An der einen oder anderen Stelle muss sicher nachjustiert werden. Aber ein freier und fairer Welthandel zum gegenseitigen wirtschaftlichen Vorteil ist und bleibt das Ziel. Er ist entscheidend für unser aller Wohlstand.

Attraktive Arbeitgeber statt Fachkräftemangel

Es heißt, dass immer mehr Firmen in Sachsen auf ein Fachkräfteproblem zusteuern – wie schlimm ist die Situation?

Es gibt in einigen Berufen und Regionen Engpässe. Die Ursachen dafür sind vielschichtig: Die demografische Entwicklung und die Folgen der Abwanderung in den 1990/2000er-Jahren, aber natürlich haben dazu auch gesetzliche Regelungen wie die Rente mit 63 sowie zahlreiche Teilzeit- und Freistellungsansprüche beigetragen.

Glauben Sie, dass es jetzt zu einem Kampf um die besten Köpfe kommt – sprich, wer es sich leisten kann, wird mit besseren Löhnen Fachkräfte binden beziehungsweise anlocken können?

Jedes Unternehmen will ein attraktiver Arbeitgeber sein, jeder möchte die Besten haben. Schließlich tragen engagierte und zufriedene Mitarbeiter ganz wesentlich zum Unternehmenserfolg bei. Die Entgelte sind wichtig – ohne Frage. Auch das Angebot flexibler Arbeitszeiten, zahlreiche Zusatzleistungen von betrieblicher Altersversorgung über steuerlich geförderte Arbeitgeberleistungen bis hin zu Maßnahmen der Gesundheitsförderung haben deutlich an Bedeutung gewonnen.

Gehen die Betriebe da ausreichend auf die Wünsche der Belegschaften ein?

Die Betriebe tun viel, aber wir dürfen nicht vergessen, dass zunächst das Geld dafür verdient werden muss – bei einem zufriedenen Kunden, der bezahlt und bestenfalls noch einen Folgeauftrag gibt. Denn von Eintagsfliegen kann auch die Wirtschaft nicht leben. Zudem steht der Staat in der Pflicht, seine Kernaufgaben zu erfüllen, wenn es um Bildung sowie soziale und technische Infrastruktur geht, um so Regionen attraktiv für Fachkräfte zu machen.

Ost-West-Angleichungen

Die Sachsen verdienen im Schnitt noch immer 20 Prozent weniger als Westdeutsche – warum stemmen sich so viele Arbeitgeber gegen die Tarifbindung und damit gegen eine bessere Bezahlung ihrer Beschäftigten?

Zunächst einmal die Fakten: Die Entgelte im Freistaat steigen kontinuierlich, zuletzt sogar deutlich stärker als im Bundesdurchschnitt und unabhängig von einer Tarifbindung. In der Industrie und der Energiewirtschaft wird deutlich mehr gezahlt als in bestimmten Dienstleistungsbereichen. Deshalb kann es auch keine pauschale Antwort geben. Einzelne Negativbeispiele gibt es, das weiß ich. Die Wahrheit ist aber auch, dass kleinere Firmen – und diese prägen Sachsens Wirtschaft – nicht die Erträge erwirtschaften wie Großunternehmen. Wir wollen eine faire Bezahlung und die Beteiligung der Arbeitnehmer am Erfolg des Unternehmens. Die westdeutsch geprägten Tarifstrukturen haben vor allem die Großunternehmen als Maßstab und verlieren deshalb bundesweit an Attraktivität. Und ein letztes Argument: Offensichtlich sehen auch die allermeisten Beschäftigten keinen Grund für eine Tarifbindung. Der DGB hat heute in ganz Deutschland noch knapp sechs Millionen Mitglieder – 1991 waren es fast zwölf Millionen – und das bei einer heutigen Rekordbeschäftigung von fast 45 Millionen Menschen.

Immerhin fühlt sich die IG Metall im Osten stark genug, dass sie erneut das Projekt 35-Stunden-Woche angeht. 2003 war sie damit noch gescheitert. Wie stark ist die Gegenwehr der Arbeitgeber heute?

Die Arbeitszeit ist ein wichtiges Kriterium – ohne Frage. Wie auch der Urlaub. Am Ende gilt: Es muss jemanden geben, der das bezahlt. Das ist der Kunde, der nicht nur in der Industrie aus weltweiten Angeboten wählen kann. Die 38-Stunden-Woche ist das richtige Ziel für ganz Deutschland.

Sie plädieren im Ernst für eine Angleichung West an Ost?

Einmal eine Angleichung West an Ost, die uns allen hilft – im weltweiten Standortwettbewerb und im innerdeutschen Einigungsprozess! So schwer ist das gar nicht umzusetzen, denn schon heute wird in der westdeutschen Metall- und Elektroindustrie im Durchschnitt 38,1 Stunden in der Woche gearbeitet. Jetzt braucht es nur noch die Erkenntnis bei den Tarifparteien. Dann gibt es auch wieder eine höhere Tarifbindung – in ganz Deutschland.

Landflucht und Ballungsräume

Die Wissenschaftler des IWH in Halle haben für ihre Empfehlung, im Osten nur noch Ballungsräume zu fördern, viel Kritik geerntet. Zu Recht?

Ja, die Vorschläge sind lebensfremd. Wir wollen, dass das ganze Land eine gute Perspektive hat, auch die zwei Drittel der Menschen, die im ländlichen Raum zu Hause sind. Dazu bedarf es auch einer klugen Strukturpolitik des Landes. Wir brauchen dort leistungs- und wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen, wo produktive Arbeit zu Wertschöpfung und damit zur Sicherung des gesellschaftlichen Wohlstands beiträgt. Dafür müssen flächendeckend die infrastrukturellen Voraussetzungen bei Bildung, Verkehr, Digitales und Soziales gesichert und optimiert werden. Das heißt beispielsweise, auch im ländlichen Raum eine wohnortnahe Versorgung bei Kindergärten und Schulen zu gewährleisten sowie die Berufsschulstandorte zu sichern.

Im Zuge dieser Diskussion hat die VW-Vorstandsfrau Hiltrud Werner vor politischen Gefahren gewarnt. Sie spricht von einer Frusthaltung vieler Ostdeutscher, die auch in Betrieben zu spüren sei und die zu Sympathien für die Protestpartei AfD führt. Sind das auch Ihre Eindrücke?

Mit einer strikten Ablehnung kommt man doch nicht weiter. Das bestärkt eher die, die man eigentlich nicht will. Wir brauchen eine kritische Auseinandersetzung mit den Inhalten. Dazu gehören eine ehrliche Bilanz, die auch Fehler und Versäumnisse eingesteht und darauf aufbauend ein glaubwürdiges Handeln.

Sachsens DGB-Chef Markus Schlimbach fordert die CDU im Freistaat auf, auf keinen Fall mit der AfD zu koalieren, da sie außer Populismus und Minderheiten-Bashing nicht viel Substanzielles vorzu-weisen hat. Stimmen Sie dem zu?

Wir geben weder eine Wahl- noch Koalitionsempfehlung, sondern messen alle an ihrem Handeln für Sachsen. Jede Form von Intoleranz, Rassismus und Gewalt lehnen wir ab – egal aus welcher Richtung sie kommt.

Von Andreas Dunte

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